Schwimmendes Atomkraftwerk

Die Akademik Lomonosov soll eine russische Polarstadt versorgen

Ganz im Osten Russlands, dort, wo Sibirien und Alaska nur durch die Beringstraße getrennt sind, liegt der Autonome Kreis der Tschuktschen. Bäume gibt es dort kaum mehr, nur Tundra, Fels und Eis. Auch im Hochsommer steigen die Temperaturen nicht über neun Grad Celsius, im Jahresdurchschnitt liegen sie zwischen minus fünf und minus zehn Grad. Bis zum 17. Jahrhundert lebten dort ausschließlich Eskimos, Tungusen und tschuktschische Rentierzüchter. Sie wurden während der Sowjetzeit zur Minderheit, als man begann, das dort vorhandene Gold und andere Bodenschätze mit industriellen Methoden abzubauen.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verließen viele Russen das Gebiet, weshalb der Anteil der Tschuktschen von damals weniger als acht Prozent auf heute wieder deutlich mehr als ein Viertel der Bevölkerung stieg. Viele davon sind allerdings keine Nomaden oder Halbnomaden mehr, sondern leben in Städten wie dem 1933 errichteten Hafen Pewek. Diese nördlichste Stadt Russlands soll demnächst zusammen mit der sie umgebenden Region aus dem Eismeer mit Strom versorgt werden: Von einem schwimmenden Atomkraftwerk namens Akademik Lomonosov, das am Wochenende seinen Herstellerhafen in Sankt Petersburg verließ.

Amerikaner gaben Konzept 1976 auf

In den nächsten Wochen wird es über die Ostsee und das Nordmeer nach Murmansk gezogen, wo seine zwei 35-Megawatt-Reaktoren mit Brennstäben bestückt werden. Dort soll es auch überwintern und erst im nächsten Jahr seine Nordpolarmeerreise nach Pewek fortsetzen. Bis dahin wird die Region Rosatom zufolge noch durch das 1974 gebaute Bilibino-Kernkraftwerk und das Chaunskaya-Heizkraftwerk versorgt.

Die Akademik Lomonosov ist nicht das erste schwimmende Atomkraftwerk, aber das erste seit 1976 die Sturgis außer Betrieb genommen wurde, die vorher acht Jahre lang US-Militäreinrichtungen mit Strom versorgte. Als Triebwerke setzt man Atomreaktoren für U-Boote und Schiffe schon lange und durchgehend ein. Zum Beispiel in Eisbrechern, aus deren Reaktoren die KLT-40S der Akademik Lomonosov entwickelt wurden.

Neues Containmentsystem soll Durchschmelzen verhindern

Diese beiden Druckwasserreaktoren werden von einer 144 Meter langen und 30 Meter breiten Tragfläche über Wasser gehalten und arbeiten nicht mit hoch, sondern mit Brennstäben mit 20 Prozent Uran-235. Sicherheitsbedenken von Kernkraftgegnern hält Rosatom entgegen, dass man nicht nur sämtliche Sicherheitsstandards der internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) eingehalten, sondern sogar Erdbeben der Stärke 10 simuliert habe, um einer Katastrophe vorzubeugen, wenn die Akademik Lomonosov durch einen Tsunami an Land gespült werden sollte. Dazu hat die Firma OKBM Africantov ein Containmentsystem entwickelt, das verhindern soll, dass radioaktives Material nach außen dringt, wenn es zu einer Kernschmelze kommt.

Dieses Containmentsystem trug dazu bei, dass die bereits 2007 begonnene Konstruktion nicht wie geplant 2010, sondern erst jetzt fertiggestellt wurde. Es unterscheidet sich vom Mark-I-Containmentsystem, das in Fukushima eine Katastrophe nach einem Tsunami nicht verhindern konnte, unter anderem dadurch, dass es nicht erst geflutet werden muss, um den Reaktor so sehr zu kühlen, dass ein Durchschmelzen verhindert wird. Dazu verbindet es ein aktives Pumpennotfallkühlsystem mit dem passiven Sicherheitskonzept, bei dem die Reaktorenergie durch Dampferzeuger abgeführt wird, wenn alle Pumpen ausfallen. Auch hierzu muss allerdings nach 24 Stunden frisches Kühlwasser zugeführt werden.

China will schwimmendes Atomkraftwerk auf umstrittenen Inseln

Neben Russland arbeitet derzeit vor allem China an schwimmenden Atomkraftwerken: Sie sollen der staats- und parteinahen Global Times nach auf den Spratly-Inseln Strom für Flughäfen und andere militärische Anlagen liefern. Dass soll preiswerter sein als der Bau und Betrieb von Heizkraftwerken. Die Spratly-Inseln bestehen aus insgesamt etwa 100 meist sehr kleinen, aber über eine relativ große Wasserfläche verstreuten Landerhebungen im südchinesischen Meer. Die größte davon, Taiping Dao, umfasst gerade einmal 0,5 Quadratkilometer. Trotzdem streiten sich sechs Staaten um diese Riffe und Atolle: China, Vietnam, Taiwan, Malaysia, Brunei und die Philippinen. Das Interesse resultiert zum einen aus der Rolle der Inseln für die Kontrolle über die Schifffahrt und zum anderen aus Öl- und Gasvorkommen, die unter Wasser lagern könnten.

Mit Ausnahme von Brunei haben alle diese Mächte auf den Inseln Truppen stationiert und bauliche Anlagen wie Landebahnen errichtet: Die Philippinen im nordöstlichen Teil auf den Inseln Thitu, Likas, Parola, Lawak und Kota, Malaysia auf Layang-Layang und einigen Riffen im Südosten und Taiwan auf Taiping Dao und dem Zhongzhou-Riff im Norden. Vietnam und China unterhalten mehrere Stützpunkte über den gesamten Inselbereich hinweg (vgl. Vietnamesen zünden chinesische Fabriken an). (Peter Mühlbauer)

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