Science Fiction und Afrika

Okorafor, Nnedi: Lagoon (Cover)

Der Kontinent ist groß, besteht aus einer Vielzahl von Ländern, Traditionen, Kulturen und politischen Systemen - dennoch wird in Europa und Nordamerika "Afrika" beinahe als beschwörende Allumfassendvokabel eingesetzt.

In Bezug auf die hier interessierende Science Fiction-Kultur steht Afrika für eine Übersicht der verschiedenen, über den Kontinent verstreuten Ambitionen in dieser Literatur- und Filmrichtung. Zumal die Ideen des Afrofuturismus einen deutlich panafrikanischen Zug tragen. Die afrikanische SF-Kultur hängt mit dem Afrofuturismus zusammen, der einerseits eine politische Bewegung, andererseits popkulturelle Ästhetik ist.

"Zentrales Anliegen des Afrofuturismus ist eine Imagination der Zukunft ohne Primat einer Perspektive des Globalen Nordens", schreibt Ivo Ritzer in einem Beitrag zu SF-Filmen aus Afrika. Und führt weiter aus, dass sich die Bewegung in der Diaspora entwickelte und dann aus Sehnsucht nach einem Urkontinent auf Afrika zurückgespiegelt hat.

Der begrenzte Platz spart hier das inzwischen reiche Filmschaffen des Kontinents aus. Leider war auch kein Platz mehr für Nordafrika. Da ist zum Beispiel Ahmed Khaled Towfik/Tawfik von Bedeutung; ein Arzt, der eine Vielzahl von verschiedenen Genres schreibt. Interessant sicher sein ins Englische übersetzte Roman "Utopia", der eine ägyptische Gesellschaft im Jahr 2023 schildert. Es herrscht Endzeitstimmung: die Reichen haben sich abgeschottet und Mauern errichtet. Ein sich langweilender Junge aus der Oberschicht sucht die armen Viertel auf. Keine besonders neue Idee, aber bezogen auf ägyptische Verhältnisse sicher interessant. Zumal Towfik der erste arabischsprachige Autor war, der Science Fiction zu schreiben begann.

Afrika scheint in Bezug auf Science Fiction ein vergessener Kontinent zu sein. Häufig gehen die literarischen Impulse von der Diaspora aus. Autoren mit afrikanischen Wurzeln schaffen den Sprung zu renommierten ausländischen Verlagen. Sie beherrschen eine weltläufige Sprache, publizieren in Englisch oder Französisch. Kennen sie Afrika allein aus Erzählungen ihrer Verwandten? Von zwei Besuchen im Jahr? Muss man in Afrika leben und arbeiten, um afrikanische SF schreiben zu können?

Vielleicht sind die Fragen falsch formuliert. Vielleicht verschiebt sich der Ursprung durch den Jahrhunderte langen Kolonialismus vom Kontinent in die Diaspora. International etwas bekanntere SF-Autoren aus Afrika leben meist nicht (mehr) dort oder sind bereits in Nordamerika oder Europa geboren. Ganz sicher ist die Infrastruktur in Afrika eine andere als auswärts. Die Überlegung, dass Science Fiction auch in Afrika populärer wird, hängt sicher mit der Globalisierung zusammen. Informationen sind schneller übermittelbar. Blogs schnell einzurichten. Vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen stimmen.

Nnedi Okorafor hat nigerianische Wurzeln, lehrt Creative Writing an der Universität von Buffalo. In dem Roman "Binti" beschreibt Nnedi Okorafor den Weg der Protagonistin aus einem Dorf, dessen Gemeinschaft noch in gewissen Traditionen lebt. Binti trägt zum Beispiel Beinringe, um sich vor Schlangenbissen zu schützen. Bei der Kontrolle vor dem Zutritt ins Raumschiff fragt der Mitarbeiter beim Security-Check, was es mit diesen Metallringen auf sich habe. Diese brauche sie nun nicht mehr. Binti besteht jedoch darauf. So fremd die außerirdische Umgebung auch sein mag, Binti hält an ihrer Erinnerung an Zuhause fest. Zugleich öffnet sie sich einer fremden Kultur.

Nnedi Okorafor. Bild: Cheetah Witch / CC-BY-SA-4.0

Die Autorin setzt die afrikanische Heimat gegen den Weltraum. Bintis Familie kann nicht verstehen, wie sie an die Intergalaktische Universität reisen kann. Die Protagonistin hat einen entsprechenden Schulabschluss gemacht und die Reise ins Weltall, um dort zu studieren und später zu arbeiten, ist nicht länger außergewöhnlich.

Wiederholt weist sie auf ihre Herkunft hin. Die Himba sind keine Erfindung der Autorin, sondern leben heute vorwiegend im Norden Namibias. Das südwestafrikanische Land wird von Savanne und Wüste geprägt; genau wie im Nachbarland Botswana ist die Rinderzucht von großer Bedeutung. Wie soll eine hoch technologisierte Science Fiction in einem Land funktionieren, das vorwiegend auf Viehzucht baut? Denkbar wäre eine SF-Literatur, die sich mit Technikfolgenabschätzung statt klassisch mit Weltraumfahrt beschäftigt.

In der SF-Handlung stünde Namibia dann vor der Einführung einer revolutionären Technologie. Da wäre viel denkbar:
Ein Bewässerungssystem, das mit einer Solarzellenfläche gekoppelt ist und dadurch sowohl Energie und Nährstoffe liefert. Vom Atlantik wird Wasser gezogen und entsalzt. Ein smartes Messgerät überprüft ständig die Flüssigkeitswerte und den Nährstoffgehalt. Bislang verzichtet Namibia auf Solarenergie, weil Südafrika konstant billige Kohle liefert. Die Zukunft könnte anders aussehen.

Gute Science Fiction wäre es, wenn aus der Gegenwart in die Zukunft spekuliert wird. Etwas bereits Vorhandenes wird aufgepeppt, erweitert und bewusst übertrieben.

Die Himba sind eine technikferne Ethnie - ein Rundfunkbeitrag im Deutschlandfunk beschreibt ihr Leben, das sie wie vor 100 Jahren führen. Der "Primitivismus" kann als eines der ersten Stereotypen gelten, wenn es um Leben im ländlichen Afrika geht. Einiges wird in der Literatur ausgeschmückt - doch fehlt es in diversen afrikanischen Nationen tatsächlich an Infrastruktur.

Okorafor thematisiert diese Differenz als gewinnbringende Einsicht in das Wesen afrikanischer Science Fiction. Ihr Lebensmittelpunkt in den USA wird ihre Sicht auf das Thema beeinflussen.

Der Gedanke, Afrika ins Space Age zu integrieren, prägt nicht wenige SF-Werke aus Afrika. Das könnte ebenso als Auswirkung des Kolonialismus gelesen werden: die vorkoloniale Geschichte wurde lange durch mündliche Überlieferung erforscht. In neueren Publikationen wird dieser Zugang zumeist kritisch betrachtet. Oral History ist Manipulationen ausgesetzt und schreibt Machtinteressen fort - einfache Leute kolportieren die Sicht der Könige, Herrscher und Pharaonen. Die Selbstwahrnehmung als "nicht zugehörig" führt zur Begründung einer eigenen Tradition, losgelöst vom Kanon und doch von ihm beeinflusst. Nicht nur die Kolonialmächte, auch die afrikanischen Länder haben eine eigene Geschichte und Deutungsmuster.

Okorafor schreibt in einem Essay, ein bekannter nigerianischer Filmregisseur habe ihr mitgeteilt, Afrika sei für reine SF noch nicht bereit. Tchidi Chikere begründet das:

The themes aren’t taken seriously. Science fiction will come here when it is relevant to the people of Africa. Right now, Africans are bothered about issues of bad leadership, the food crisis in East Africa, refugees in the Congo, militants here in Nigeria. Africans are bothered about food, roads, electricity, water wars, famine, etc, not spacecrafts and spaceships. Only stories that explore these everyday realities are considered relevant to us for now.

Diese Äußerung legt der Science Fiction eine besondere Bedeutung bei. Filme und Bücher können auch rein unterhalten. Chikere meint, dass für SF die existenziellen Probleme ausgeräumt sein müssen.

In Nigeria produziert die stärkste Filmindustrie auf dem afrikanischen Kontinent. Nicht von ungefähr taucht der Begriff Nollywood in Anlehnung an Hollywood auf. Nollywood verfügt über eigene Themen, die sich dem SF-Genre kaum öffnen.

Kein Wunder. In klassischer Science-Fiction findet man eigentlich keine afrikanischen Charaktere. Auch SF-Stories, die in Afrika spielen, sind rar. Es geht langsam voran: Der simbabwische Autor Ivor W. Hartmann etwa veröffentlichte die Anthologie "Afro SF. Science fiction by African writers" mit gut einem Dutzend Autoren in seinem eigenen Kleinstverlag.

Science Fiction kann auf der anderen Seite auch Visionen der Zukunft schildern, das Fremdsein (die Aliens) thematisieren. Durch die Parabelhaftigkeit mancher SF-Novelle ist es möglich, Aussagen zum Status-Quo der sozialen und technologischen Verfassung des afrikanischen Kontinents zu machen. Da es in fiktionale Handlungen eingebettet ist, kann diese Kritik subtiler wirken.

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