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Science Fiction und Afrika

Okorafor, Nnedi: Lagoon (Cover)

Der Kontinent ist groß, besteht aus einer Vielzahl von Ländern, Traditionen, Kulturen und politischen Systemen - dennoch wird in Europa und Nordamerika "Afrika" beinahe als beschwörende Allumfassendvokabel eingesetzt.

In Bezug auf die hier interessierende Science Fiction-Kultur steht Afrika für eine Übersicht der verschiedenen, über den Kontinent verstreuten Ambitionen in dieser Literatur- und Filmrichtung. Zumal die Ideen des Afrofuturismus einen deutlich panafrikanischen Zug tragen. Die afrikanische SF-Kultur hängt mit dem Afrofuturismus zusammen, der einerseits eine politische Bewegung, andererseits popkulturelle Ästhetik ist.

"Zentrales Anliegen des Afrofuturismus ist eine Imagination der Zukunft ohne Primat einer Perspektive des Globalen Nordens", schreibt Ivo Ritzer in einem Beitrag zu SF-Filmen aus Afrika. Und führt weiter aus, dass sich die Bewegung in der Diaspora entwickelte und dann aus Sehnsucht nach einem Urkontinent auf Afrika zurückgespiegelt hat.

Der begrenzte Platz spart hier das inzwischen reiche Filmschaffen des Kontinents aus. Leider war auch kein Platz mehr für Nordafrika. Da ist zum Beispiel Ahmed Khaled Towfik/Tawfik von Bedeutung; ein Arzt, der eine Vielzahl von verschiedenen Genres schreibt. Interessant sicher sein ins Englische übersetzte Roman "Utopia", der eine ägyptische Gesellschaft im Jahr 2023 schildert. Es herrscht Endzeitstimmung: die Reichen haben sich abgeschottet und Mauern errichtet. Ein sich langweilender Junge aus der Oberschicht sucht die armen Viertel auf. Keine besonders neue Idee, aber bezogen auf ägyptische Verhältnisse sicher interessant. Zumal Towfik der erste arabischsprachige Autor war, der Science Fiction zu schreiben begann.

Startrampe am falschen Ort

Afrika scheint in Bezug auf Science Fiction ein vergessener Kontinent zu sein. Häufig gehen die literarischen Impulse von der Diaspora aus. Autoren mit afrikanischen Wurzeln schaffen den Sprung zu renommierten ausländischen Verlagen. Sie beherrschen eine weltläufige Sprache, publizieren in Englisch oder Französisch. Kennen sie Afrika allein aus Erzählungen ihrer Verwandten? Von zwei Besuchen im Jahr? Muss man in Afrika leben und arbeiten, um afrikanische SF schreiben zu können?

Vielleicht sind die Fragen falsch formuliert. Vielleicht verschiebt sich der Ursprung durch den Jahrhunderte langen Kolonialismus vom Kontinent in die Diaspora. International etwas bekanntere SF-Autoren aus Afrika leben meist nicht (mehr) dort oder sind bereits in Nordamerika oder Europa geboren. Ganz sicher ist die Infrastruktur in Afrika eine andere als auswärts. Die Überlegung, dass Science Fiction auch in Afrika populärer wird, hängt sicher mit der Globalisierung zusammen. Informationen sind schneller übermittelbar. Blogs schnell einzurichten. Vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen stimmen.

Hybrid aus Technologie und Tradition

Nnedi Okorafor hat nigerianische Wurzeln, lehrt Creative Writing an der Universität von Buffalo. In dem Roman "Binti" beschreibt Nnedi Okorafor den Weg der Protagonistin aus einem Dorf, dessen Gemeinschaft noch in gewissen Traditionen lebt. Binti trägt zum Beispiel Beinringe, um sich vor Schlangenbissen zu schützen. Bei der Kontrolle vor dem Zutritt ins Raumschiff fragt der Mitarbeiter beim Security-Check, was es mit diesen Metallringen auf sich habe. Diese brauche sie nun nicht mehr. Binti besteht jedoch darauf. So fremd die außerirdische Umgebung auch sein mag, Binti hält an ihrer Erinnerung an Zuhause fest. Zugleich öffnet sie sich einer fremden Kultur.

Nnedi Okorafor. Bild: Cheetah Witch / CC-BY-SA-4.0 [1]

Die Autorin setzt die afrikanische Heimat gegen den Weltraum. Bintis Familie kann nicht verstehen, wie sie an die Intergalaktische Universität reisen kann. Die Protagonistin hat einen entsprechenden Schulabschluss gemacht und die Reise ins Weltall, um dort zu studieren und später zu arbeiten, ist nicht länger außergewöhnlich.

Wiederholt weist sie auf ihre Herkunft hin. Die Himba sind keine Erfindung der Autorin, sondern leben heute vorwiegend im Norden Namibias. Das südwestafrikanische Land wird von Savanne und Wüste geprägt; genau wie im Nachbarland Botswana ist die Rinderzucht von großer Bedeutung. Wie soll eine hoch technologisierte Science Fiction in einem Land funktionieren, das vorwiegend auf Viehzucht baut? Denkbar wäre eine SF-Literatur, die sich mit Technikfolgenabschätzung statt klassisch mit Weltraumfahrt beschäftigt.

In der SF-Handlung stünde Namibia dann vor der Einführung einer revolutionären Technologie. Da wäre viel denkbar:
Ein Bewässerungssystem, das mit einer Solarzellenfläche gekoppelt ist und dadurch sowohl Energie und Nährstoffe liefert. Vom Atlantik wird Wasser gezogen und entsalzt. Ein smartes Messgerät überprüft ständig die Flüssigkeitswerte und den Nährstoffgehalt. Bislang verzichtet Namibia auf Solarenergie, weil Südafrika konstant billige Kohle liefert. Die Zukunft könnte anders aussehen.

Gute Science Fiction wäre es, wenn aus der Gegenwart in die Zukunft spekuliert wird. Etwas bereits Vorhandenes wird aufgepeppt, erweitert und bewusst übertrieben.

Die Himba sind eine technikferne Ethnie - ein Rundfunkbeitrag im Deutschlandfunk [2] beschreibt ihr Leben, das sie wie vor 100 Jahren führen. Der "Primitivismus" kann als eines der ersten Stereotypen gelten, wenn es um Leben im ländlichen Afrika geht. Einiges wird in der Literatur ausgeschmückt - doch fehlt es in diversen afrikanischen Nationen tatsächlich an Infrastruktur.

Okorafor thematisiert diese Differenz als gewinnbringende Einsicht in das Wesen afrikanischer Science Fiction. Ihr Lebensmittelpunkt in den USA wird ihre Sicht auf das Thema beeinflussen.

Der Gedanke, Afrika ins Space Age zu integrieren, prägt nicht wenige SF-Werke aus Afrika. Das könnte ebenso als Auswirkung des Kolonialismus gelesen werden: die vorkoloniale Geschichte wurde lange durch mündliche Überlieferung erforscht. In neueren Publikationen wird dieser Zugang zumeist kritisch betrachtet. Oral History ist Manipulationen ausgesetzt und schreibt Machtinteressen fort - einfache Leute kolportieren die Sicht der Könige, Herrscher und Pharaonen. Die Selbstwahrnehmung als "nicht zugehörig" führt zur Begründung einer eigenen Tradition, losgelöst vom Kanon und doch von ihm beeinflusst. Nicht nur die Kolonialmächte, auch die afrikanischen Länder haben eine eigene Geschichte und Deutungsmuster.

Okorafor schreibt in einem Essay, ein bekannter nigerianischer Filmregisseur habe ihr mitgeteilt, Afrika sei für reine SF noch nicht bereit. Tchidi Chikere begründet das:

The themes aren’t taken seriously. Science fiction will come here when it is relevant to the people of Africa. Right now, Africans are bothered about issues of bad leadership, the food crisis in East Africa, refugees in the Congo, militants here in Nigeria. Africans are bothered about food, roads, electricity, water wars, famine, etc, not spacecrafts and spaceships. Only stories that explore these everyday realities are considered relevant to us for now.

Diese Äußerung legt der Science Fiction eine besondere Bedeutung bei. Filme und Bücher können auch rein unterhalten. Chikere meint, dass für SF die existenziellen Probleme ausgeräumt sein müssen.

In Nigeria produziert die stärkste Filmindustrie auf dem afrikanischen Kontinent. Nicht von ungefähr taucht der Begriff Nollywood in Anlehnung an Hollywood auf. Nollywood verfügt über eigene Themen, die sich dem SF-Genre kaum öffnen.

Kein Wunder. In klassischer Science-Fiction findet man eigentlich keine afrikanischen Charaktere. Auch SF-Stories, die in Afrika spielen, sind rar. Es geht langsam voran: Der simbabwische Autor Ivor W. Hartmann etwa veröffentlichte die Anthologie "Afro SF. Science fiction by African writers" mit gut einem Dutzend Autoren in seinem eigenen Kleinstverlag.

Science Fiction kann auf der anderen Seite auch Visionen der Zukunft schildern, das Fremdsein (die Aliens) thematisieren. Durch die Parabelhaftigkeit mancher SF-Novelle ist es möglich, Aussagen zum Status-Quo der sozialen und technologischen Verfassung des afrikanischen Kontinents zu machen. Da es in fiktionale Handlungen eingebettet ist, kann diese Kritik subtiler wirken.

Afrofuturismus

Eine emanzipative Traditionslinie wird im Afrofuturismus entwickelt - eine wichtige Identifikationsfigur ist die Kommunikationsoffizierin Uhura an Bord des Raumschiffs Enterprise. Star Trek zeigt eine gesellschaftliche Realität der (imaginierten) Zukunft. Eine schwarze Frau als Offizierin auf der Brücke eines Raumschiffs. Der US-amerikanische Jazzmusiker Sun Ra geht noch weiter: Er behauptet in Interviews und Filmen, er stamme vom Saturn. Er inszeniert sich als Alien auf der Erde. Damit drückt er ein hohes Entfremdungsgefühl aus. (Wobei man beachten sollte, dass die Selbstinszenierung eines Künstlers als interessantes Original dabei sicher auch eine Rolle spielt.)

Science-Fiction-Denken ermöglicht eine Vielzahl von Gedankenspielen, die im Afrofuturismus als eine zeitlich bald mögliche Utopie entworfen werden. Die Ausprägungen unterscheiden sich und liest man Ytasha Womacks Buch zum Thema, so wird deutlich, dass Afrofuturismus eine stark afro-amerikanische Bewegung gewesen ist und noch ist. In Afrika zeichnet sich eine teils eigene Pop-Tradition ab. So findet man zum Beispiel in Südafrika in der Musik einen eigenen Stil namens Kwaito, der verlangsamte House-Beats mit lokalen Dialekten mischt.

Der Anspruch des Afrofuturismus, eine vorwiegend schwarze Zukunft zu schildern, zeigt sich auch im aktuellen Film "Black Panther". Dort treten verschiedene Gruppen auf. Die Kostüme sind von afrikanischen Traditionen inspiriert, noch etwas aufgemodelt. Das Besondere am Film ist es, dass vorwiegend schwarze Schauspieler spielen. Zudem wird auf vorkoloniale Herrschaftsformen auf dem Kontinent zurückgegriffen. Der Afrofuturismus hat es sich als Aufgabe gestellt, nach afrikanischen Wurzeln in historischer und gegenwärtiger SF-Kultur zu forschen. Natürlich sollte man auch festhalten, dass der Afrofuturismus sehr häufig in Interaktion mit der Popkultur tritt. Grace Jones gilt als ein Aushängeschild aus der Popmusik. Sun Ra ebenfalls. Der Glam-Faktor bei diesen Künstlern mag eine Vereinbarkeit mit streng naturwissenschaftlich-technologischen Konzepten erschweren. Da setzt dann die interne Kritik an, dass möglicherweise die Technologie zur Unterdrückung der afrikanischen Sache eingesetzt wird. Denn Afrofuturismus stellt klar, dass Technik und Naturwissenschaft nicht an sich objektiv und effektiv sind. Der Kontext gibt den Ausschlag.

Accra im Jahr 2057

Jonathan Dotse lebt in Accra, Ghanas Hauptstadt. In seiner Kindheit kam er über das Staatsfernsehen in Kontakt mit einigen SF-Reihen. Er räumt ein, dies sei noch keine hohe SF-Literatur gewesen, aber das Interesse an technischen Spielereien, am Basteln von futuristischen Skulpturen wurde geweckt. In den Neunzigern wechseln die Bilder in den Medienkanälen rasant, zumindest hat es durch die Farbgebung den Anschein, als hätten die Neunziger das Tempo der Achtziger vervielfacht.

From the first time Western civilizations came into full contact with the developing world until today, we have primarily been net consumers of foreign technology, and the result of this asymmetrical relationship is that the mechanisms for development and regulation of technology simply do not exist in our parts of the world to the same level of sophistication as they do in the developed world. We are now observing what happens when developing societies acquire thousands of years of technological innovation within the space of a few years. I can only imagine what goes through the mind of young boys in Nima today as they surf Facebook across 3G networks on smart phones, Skype with friends all over the world, or go shopping online with someone else’s credit card. We clearly are sailing headfirst into uncharted waters, and the mapmakers "science fiction writers of the world"are only now scrambling to plot the course of our future.

Dotse erkennt, dass auf dem afrikanischen Kontinent keine Entwicklung von Technologie möglich war, daher auch kritisches Handwerkszeug zur Technikfolgenabschätzung fehlt. Afrika bekommt Second-Hand-Technik Europas und Nordamerikas.

Jonathan Dotse schreibt: Das Problem des Technoschrotts und der Ressourcenausbeutung gibt Stoff für eine eher dystopische SF ab. Der Stadt-Land-Kontrast spielt eine größere Rolle - die Städte auf dem afrikanischen Kontinent bewegen sich im zweistelligen Millionenbereich. Die Townships, d.h. geduldete Siedlungen aus Blechdachhütten und sonstigen einfachen Behausungen, fügen der Stadt-Thematik in Afrika eine zusätzliche soziale Dimension zu.

Die Frage, wie solche Moloche von Stadtbau regiert werden sollen, geht zum Beispiel in Dotses Texten als Plot ein. Seit einigen Jahren schreibt der Autor aus Ghana an einem Cyberpunk-Roman mit Titel "Accra 2057". Er beschreibt den Roman als einen "psychologischen Thriller, der die Leben von drei Afrikanern in der Mitte des 21. Jahrhunderts schildert. In einer Nacht werden sie in eine Verschwörung auf den High-Tech-Straßen von Accra, Ghanas Hauptstadt, gezogen." Abgesehen von der literarischen Spannungskurve, behandelt der Roman eine sich bereits in Entwicklung befindliche Welt von Künstlicher Intelligenz. Die zunehmende Digitalisierung und Anschlussfähigkeit der Smartphone-Nutzer führt zur Entwicklung von biomorphen Codes, die alle Individuen miteinander verbindet (vgl. "Smarte Maschinen" [3]).

Agbogbloshie. Bild: Marlenenapoli / Public Domain

Zum Plot: In Accra droht eine Cyber-Attacke. Ein pensionierter Polizist wird zur Arbeit zurückgerufen. In der Sahara sitzt ein undurchsichtiger Programmierer, der sich in dieses Stromnetz der Hauptstadt einklinkt. Und eine junge Frau kommt vom Land nach Accra, um Arbeit zu finden. Alle drei Personen sind auf gewisse Weise miteinander verbunden. Bislang publiziert Dotse Artikel zur Befindlichkeit afrikanischer Science Fiction (u.a. im britischen Guardian) und dreht künstlerische Filme.

Accra hat momentan geschätzte 2,3 Millionen Einwohner, Einwohnerzahl steigend. Im Nordwesten der Stadt befindet sich eine Mülldeponie. Auf einem Areal von 16 km2 sammelt sich Elektromüll. Die Einwohner von Agbogbloshie werten alte TV-Geräte, Kabel und andere Elektrogeräte aus - bei der Arbeit werden giftige Weichmacher und Blei freigesetzt. Laut Schätzungen kann man sich nicht länger als 2 Stunden in dem Viertel aufhalten, ohne gesundheitliche Schäden zu riskieren. Die Lebenserwartung dort lebender Kinder ist häufig nicht höher als zwanzig Jahre. Leukämie und Krebs sind weit verbreitet.

Technologie, defekte Elektrogeräte, Kabel, hohe Kriminalitätsrate, lokale Namen: Sodom und Gomorrah oder in den Medien: "Toxic City" - diese Features lesen sich wie der Stoff für einen Cyberpunk-Roman.

Agbogbloshie ist jedoch nicht Ästhetik, Agbogbloshie ist schlechte Politik.

Jacopo Ottaviani beschreibt bei Spiegel Online den Recycling-Kreislauf der alten Geräte. Wenn ein Unternehmen sein IT-Equipment austauscht, funktionieren die alten Geräte häufig noch. Sie werden dann über viele Mittelsmänner, Händler, Second-Hand-Verkäufer und Mechaniker nach Ghana (und sicher auch andere afrikanischen Staaten) verschifft. Ghana bekommt also Ausschussware und dort können die alten Geräte billig(er) erworben werden. Das Problem bei Agbogbloshie ist, dass auch kaputte Geräte verschifft werden. Nach dem Basler Abkommen ist dies verboten. Sondermüll darf nicht zwischen Ländern ausgetauscht werden und Elektro-Schrott auch nur, wenn umweltunschädliche Techniken im Land vorhanden sind, diesen Müll zu verarbeiten. Dies trifft auf Ghana nicht zu. Die giftigen Stoffe verschmutzen Boden, Luft und Wasser, gelangen in den Atlantik.

Dotse spricht diese Zweitverwertung an; und dann zugespitzt: Wie soll Science Fiction entstehen, wenn die Beziehung zur Technologie Second-Hand in Ghana ist? Wenn zudem ausreichendes Wissen um die Gefahr von gebrauchtem Gerät nicht vorhanden ist oder aus existenziellen Gründen missachtet wird?

Das Fremdsein: Aliens in Afrika

"Lagoon" schildert die Begegnung der Meeresbiologin Adaora mit einem Wasserwesen, das sie Ayodele nennt. Die Autorin Nnedi Okorafor kombiniert geschickt lokale Folklore (Glaube an Zauberwesen, Hexen, an Magie, die beeinflussen kann) mit Fragen zu einer fortschrittlichen Technologie. Das Meerwesen verfügt über eine außergewöhnliche Zellstruktur. Zunächst bleibt sein Aufenthaltsort unentdeckt, aber das Militär beginnt bald schon, sich auf die Suche nach dieser außergewöhnlichen Erscheinung zu machen. Adaora hat zusätzlich zu diesen Problemen auch ein schwieriges Verhältnis zu ihrem Ehemann. Er ist ein gut verdienender Buchhalter, zudem gläubig und sucht Hilfe gegen das ihm dämonisch erscheinende Wasserwesen, das er im Privatlabor seiner Frau gesehen hat.

Ayodele stellt sich als Botschafterin von den Sternen vor, die meteoritengleich in die Lagune von Lagos stürzte. Und können Meteoriten nicht ganze Klimaregionen verändern? Okorafor platziert das weibliche Alien in ein Land im Umbruch: Das absolut Fremde wird von LGBT-Aktivisten in Nigerias Hauptstadt interessiert wahrgenommen; die jungen Erwachsenen entwickeln verschiedene Ideen, wie sie sich zu der Alienfrau stellen sollen.

Erneut ist es eine Großstadt, in der die SF-Handlung stattfindet. Wie in "Accra 2057" steht in "Lagoon" eine Hauptstadt im Fokus. Städte bieten kosmopolitische Freiheiten, Kommunikationskanäle - wie wäre es für homosexuelle Nigerianer auf dem Lande? In manchen Teilen des Landes treibt die Sekte Boko Haram ihr terroristisches Unwesen. Eine nicht unbedingt förderliche Umgebung. "Lagoon" nutzt die Science Fiction als Katalysator für einen utopischen Gesellschaftsentwurf - doch auch im Roman ist diese Welt noch nicht realisiert. Das Fremde in der Gesellschaft als das zu akzeptieren, was es ist: anders mit eigenem Recht.

Ein kurzer Verweis auf den Film "District 9" ist hier doch angebracht. Der Film aus dem Jahr 2009 thematisiert die Landung eines Raumschiffs über Johannesburg. Die Aliens werden in Lagern außerhalb der Stadt untergebracht. Es entwickeln sich Townships, d.h. improvisierte Wohn- und Handelsräume, die von Armut, Gewalt und Mangel an Hygiene geprägt sind. Johannesburg ist auch jetzt, mehr als zwanzig Jahre nach dem Ende des Apartheid-Regimes, eine Stadt der Ungleichheiten. "District 9" verlagert diesen Konflikt auf eine Alien-Invasion. Leider ergreift Regisseur Neill Blomkamp nicht alle Möglichkeiten der Charakterzeichnung. Der Film endet in einer Art Cronenbergscher Körperhorrormutation. Eine Alien-Landung in Afrika hätte Vorlagen für eine extensive Darstellung der sozialen Konflikte in Südafrika geliefert. Insbesondere auch für das Setting in Johannesburg, eine Stadt, die nach wie vor in gewissen Vierteln Gefahr für Leib und Leben bietet.

Alternative Geschichtsschreibung

Afrika ist reich an Konflikten, die historische Wurzeln im Kolonialismus haben. Wenn auch die Darstellung von Leid bezüglich Afrikas zu Stereotypen geführt hat, scheint sich manche SF-Autorin bewusst mit den Konflikten auseinanderzusetzen. So etwa Nisi Shawl, die einen Alternate-History-Roman namens "Everfair" in einer Steampunk-Welt lokalisiert. Shawl lebt in den USA.

Steampunk bedeutet, eine nahe Zukunft mit der Technologie des späten 19. Jahrhunderts (Dampfmaschine) zu beschreiben. Shawl beschäftigt sich mit der Frage, was passiert wäre, wenn im Kongo eine Alternativwelt entstanden wäre - wenn es möglich gewesen wäre, der Schreckensherrschaft des belgischen Königs Leopold II. zu entkommen, auf dem Gebiet der heutigen Demokratischen Republik Kongo.

Die Verbindung zum kolonialistischen Europa besteht auch im Roman. Neben dem afrikanischen Schauplatz tauchen europäische Orte auf. Unter strikter Definition wäre dieser Roman nicht als SF zu bezeichnen. Erstens fehlt der naturwissenschaftliche Kontext, zum Zweiten wird Technologie des 19. Jahrhunderts in die Zukunft projiziert.

Was haben diese Überlegungen mit afrikanischer SF zu tun?

Afrikanische SF versucht, dem Dilemma zu entkommen, eine Industrie zu beschreiben, die ihren Standort weit weg hat, die nur Schrott nach Afrika liefert, die Handelsverträge ausarbeitet, die wenig ökonomischen Spielraum für die afrikanischen Produzenten lässt. Die immer noch auf Vorteile des Kolonialismus baut - mit der Folge, dass der westliche Wohlstand aber aufgrund der Unterdrückung der afrikanischen Kolonien entsteht. Zumindest die billige Einfuhr von Rohstoffen schafft zum Beispiel für Europa eine gute Grundlage, Profite zu maximieren.

Es stellt sich die Frage, ob Science Fiction (des Westens) nicht ein Produkt der Industrie ist? Wenn dem so ist, so haben Autoren Afrikas die Chance, dagegen zu steuern. Oder ist es eine Pflicht?

Dieses Thema begleitet die Technologiekritik. In Nisi Shawls Roman weicht der technologische Aspekt den soziopolitischen Konsequenzen einer veränderten Geschichtsschreibung. Die koloniale Ausbeutung vom heutigen Kongo ließe sich in einer Parabel auf einen anderen Planeten setzen, in etwa, wie manche Künstler im Afrofuturismus vorgehen. Ein afroamerikanischer Künstler stamme nicht aus einem Land dieser Erde. Ein ferner Planet in einer anderen Galaxie oder der Saturn sei das Zuhause. Dieses ganz externe Fremde, das Gefühl von Einsamkeit ohne entsprechenden Beistand. Die Situation auf der Erde ist so katastrophal, dass nur eine Flucht in den Weltraum hilft.

Mit der Annahme, dass in einer fernen Galaxie oder Zukunft kein Rassismus und kolonialistische Ausbeutung anzutreffen seien. Die Science Fiction-Literatur mag dann auch als utopisches Experimentierfeld gelten, in der Kritik an irdischen Machtstrukturen möglich ist. Nur zu häufig kippt die Utopie jedoch in eine Dystopie um. (Besonders im Film ist letztere ziemlich beliebt, vielleicht ist sie durch die innewohnende Gewalt auch tauglicher für Special-Effects-Szenarien?)

Allgemeine Tendenzen

Eine Grundtendenz in afrikanischer Science Fiction ist es, eine Art von technologischer Welt zweiter Hand (Second-Hand-Tech) zu schildern. Der Kontrast zwischen traditioneller Lebensweise und hochtechnologischer Ausrüstung ist ein weiterer Modus, in dem häufig diese Art Kulturbericht geschrieben wird.

In den 1960ern entsteht eine Welle neuer Science-Fiction-Literatur: entsprechend wurde sie New Wave genannt - in dieser SF wurden andere Gebiete erforscht - statt unbedingt in den äußeren Raum vorzustoßen, rückte der innere Raum, auch oft in Austausch mit dem äußeren, in den Fokus. Zumindest die Autoren in der Diaspora sind von der New Wave beeinflusst.

In afrikanischer SF zeigt sich sowohl ein kritisches wie auch spielerisches Technologieverständnis, immer auch eine Auseinandersetzung mit lokalen und historischen Traditionen. Unter dem Begriff Afro-Tech sammeln sich Bastler, Tüftler, Hobby-Ingenieure und Informatiker in Afrika, um aus gebrauchten Gegenständen und billigem Material funktionierende Geräte herzustellen.

Ein möglicher Schauplatz sind Riesenstädte, die immer noch wachsen und mit ihrer Infrastruktur, ihrer Akkumulation von Kapital, Kultur und Menschen eine bessere Zukunft versprechen.

In mehreren Romanen entwirft die Autorin Okorafor eine selbstbewusste junge Frau, die trotz des Studiums im Weltraum immer die Bindung zu ihrer Ethnie aufrechterhält. Die Himba verlassen ihr Gebiet kaum, geschweige denn die Erde. Binti ist eine Ausnahme. Bintis Familie ist gespalten, was die Astronautenlaufbahn ihrer Verwandten angeht: einerseits sind sie stolz auf diese Leistung, andererseits werfen sie Binti vor, das Familiengefüge dadurch auf die Probe zu stellen. Das sind Gedanken, die in afrikanischen Gesellschaften von besonderer Relevanz sind. Was sagen die Ahnen und wie ist die Großfamilie davon betroffen?

Ein Blick in die Geschichte des Genres zeigt, dass sich der Stil und die Inhalte über Jahrzehnte verändert haben. Im Kalten Krieg nahmen sich die Konflikte in der SF noch ganz anders aus als in Zeiten der Fake News, Drohnenkriege und geplanten Marsmissionen. Afrikanische SF arbeitet sich an den SF-Themen ab, verbindet diese mit einem afrikanischen Kolorit. In den vorgestellten Werken spielt Afrika stets eine tragende Rolle.

Afrika besitzt ausreichend thematische Anknüpfungspunkte: schleichende Digitalisierung; Ausbeutung der Rohstoffe durch internationale Konzerne; Parallelwelten von früher Industrialisierung und digitaler Mobilität; ein bis heute eigener Umgang mit Übernatürlichkeit.

Auch in Bezug auf das Space-Thema erscheint Afrika in einem eigenen Licht:
Zum Beispiel gab es in den 1960ern ein Raumfahrtprogramm in Sambia. Kurz vor der Mondlandung entwickelte Mukuka Nkoloso ein Programm, das vorsah, sogar bis zum Mars zu fliegen. Er gründete 1960 die Academy for Science, Space Research and Philosophy und hoffte auf Zuhörer. Er fand zehn junge Männer und eine junge Frau, die zu Afronauten ausgebildet werden sollten. Das Programm hat auch die Entwicklung von Raketen vorgesehen. Allein, es fehlte an entsprechender Hochtechnologie. Nkoloso nahm Kontakt mit den Supermächten auf. Die Russen sollten ihn bei der Beförderung unterstützen, die Amerikaner ein Jointventure mit Sambia eingehen: das technologische Know-How mit dem Wissen der Sambianer könnte den Mondflug ermöglichen. Bedingung: Die sambische Flagge sollte auf fremden Planeten als erste gehisst werden. Die Kooperation mit den Supermächten kam nicht zustande.

Am Tag der Unabhängigkeit im Jahr 1964 wollte Nkoloso eine Rakete Richtung Mars starten lassen, aber die erste Regierung Sambias nach der Unabhängigkeit teilte diesen Traum nicht. Die Rakete hieß "D-Kalu 1". (Das stand für David Kaunda President No. 1).

Solch visionäres Ansinnen kam dann schließlich zum Erliegen. Solche Versuche, Raumfahrt in Afrika zu etablieren, verbinden sich heute mit afrofuturistischen Überlegungen.

Bislang jedoch haben vor allem afroamerikanische Autorinnen und Autoren ein gutes Standing. Ausländische Verlage können entsprechend Werbung machen. In Ländern wie Südafrika oder Botswana und Namibia haben gewisse Teile der Gesellschaft ein gutes Auskommen. Der Luxus von Literatur und Film kann in solchen Kontexten interessieren.

Für Raumfahrt müsste eine Nation über Hochtechnologie verfügen. Diesen Luxus kann sich momentan kein afrikanisches Land leisten. Eine ganze Zeitlang unterhielten die Franzosen in Algerien einen Raketenstartplatz [4]. Davon abgesehen, dass er von der ehemaligen Kolonialmacht unterhalten wurde, haben die Franzosen diesen bereits in den 1960ern durch Kourou in Französisch-Guyana ersetzt.

In der Republik Südafrika wurde während der Apartheid an der südlichsten Spitze Afrikas die Overberg Test Range [5] (OTR) installiert. Pro Jahr waren in den 1980ern zehn Starts möglich. Die OTR gehörte zum südafrikanischen R5b-Raumfahrtprogramm. 1993 wurde das Programm eingestellt.

Gerade weil in der Realität kaum SF-Kontexte bestehen, öffnen sich diese in der Fiktion und in der Utopie des Afrofuturismus umso besser.

Gibt es ein SF-Werk aus Afrika, das in einer einheimischen Sprache geschrieben und dann übersetzt wurde? Wäre es für Yoruba, Kisuaheli oder eine andere Verkehrssprache nicht ein Fortschritt, für Science Fiction-Inhalte passabel zu werden?

Ein aufmerksamkeitsökonomisches Argument widerspricht - dies lohne nicht den Aufwand. In Afrika sei SF noch nicht allgemein etabliert. Die Leser könnten alle auch gut in Englisch lesen, und die großen Märkte jenseits des Atlantiks, des Indischen Ozeans und des Mittelmeers könnten auch ihren Teil vom Kuchen erhalten.

Es scheint, dass die SF aus Afrika bislang noch eine mutige Investition ist. Ihr Anliegen, Zukunft und Technologie zu beschreiben, ist dringlicher denn je. Gerade auch hinsichtlich der prekären Lage einiger afrikanischer Nationen. Eine selbstbewusste Science Fiction öffnet den Blick für Fehlentwicklungen und auf der anderen Seite für noch brachliegendes Potenzial. All das bietet die Möglichkeit, für Afrika eine souveräne Zukunft zu entwerfen. Kulturell, sozial, technologisch und politisch.

Literatur

Hartmann, Ivor W. (ed.): Afro SF: Science Fiction by African writers bei StoryTime (Simbabwe) (2012).

Okorafor, Nnedi: Lagoon bei Hodder Paperbacks und Simon and Schuster (2014).

Okorafor, Nnedi: Binti. Trilogy bei Macmillan (2016).

Shawl, Nisi: Everfair. A Novel bei St Martin’s Press (2017).

Womack, Ytasha L.: Afrofuturism. The World of black Sci-Fi and Fantasy Culture, Chicago 2013: Lawrence Hill Books.

Interview mit Ytasha Womack [6] (November 2013).

Weiterführend

Eine gute Übersicht über Veröffentlichungen gibt eine Liste [7] auf der Webseite der African Speculative Fiction Society.

Ottoviani, Jacopo: Die Elektroschrott-Republik [8] in Spiegel (April 2016)

Ritzer, Ivo: Theorie aus dem Süden. Postkoloniale Perspektiven und afrikanische Science-Fiction. In: A. Power/D. González de Reufels / R. Greiner / W. Pauleit und Kommunalkino Bremen e.V. (Hg.): Die Zukunft ist jetzt. Science-Fiction-Kino als audio-visueller Entwurf von Geschichte(n), Räumen und Klängen, Berlin 2016: Bertz+Fischer, S. 120-129.

Womack, Ytasha L.: Was ist Afrofuturismus? Eine Reise in die Kunst und den Film. In: Kristina Jaspers, Nils Warnecke, Gerlinde Waz und Rüdiger Zill (Hg.): Future Worlds. Science Fiction Film, Berlin 2017: Bertz+Fischer, S. 108-121.

Internet

https://www.afrocyberpunk.com/ [9]

http://www.nnedi.com/ [10]

http://www.nisishawl.com/ [11]

https://twitter.com/ytashawomack [12]


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Links in diesem Artikel:
[1] http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en
[2] http://www.deutschlandfunk.de/himba-nomaden-leben-wie-vor-500-jahren.724.de.html?dram:article_id=289829
[3] https://www.heise.de/tp/features/Smarte-Maschinen-3957420.html
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Hammaguir
[5] http://www.astronautix.com/o/overberg.html
[6] https://www.bitchmedia.org/post/interview-with-ytasha-womack-on-afrofuturism-and-the-world-of-black-sci-fi-and-fantasy
[7] http://www.africansfs.com/resources/published
[8] http://www.spiegel.de/wirtschaft/elektroschrott-in-afrika-recyclingmethoden-schaden-a-1085773.html
[9] http://
[10] http://
[11] http://
[12] http://