Science March: Spät, aber wichtig

Der Hauptorganisatorin, Aleksandra Badura vom Niederländischen Institut für Neurowissenschaftlerin in Amsterdam, gratulierte der Moderator (rechts) zu einer Nature-Publikation. Die Forscherin wollte davon aber nichts wissen und widmete den Tag den Besucherinnen und Besuchern sowie der Wissenschaft. Alle Vorträge wurden simultan in Gebärdensprache übersetzt (links). Bild: S. Schleim

Der March for Science war längst überfällig, jedoch nicht erst seit Donald Trump

Um den besonderen Status wissenschaftlichen Wissens zu sichern, sind Unabhängigkeit und Forschungsfreiheit unerlässlich. Doch diese Güter stehen seit Jahrzehnten unter Beschuss, nicht erst seit dem Erstarken radikaler Populisten. Im Folgenden berichte ich erst wesentliche Standpunkte vom March for Science in Amsterdam und komme ich dann auf eine allgemeinere Kritik des Wissenschaftsbetriebs.

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"Wissenschaft ist nicht bloß Meinung." Unter diesem Slogan könnte man den March for Science zusammenfassen, der am 22. April stattfand. In Reaktion auf Kürzungen der Trump-Administration, die bestimmte Forschungszweige bedrohen, demonstrierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit für die Forschungsfreiheit. Klimawandel war eines der Kernthemen. Daher passte es, dass der Aktionstag mit dem seit den 1970er Jahren ausgerufenen "Earth Day" zusammenfiel.

Ich besuchte die Veranstaltung in Amsterdam. Forschende aus dem nördlichen Landeszipfel Groningen kamen wegen Bahnarbeiten mit Bussen; in Maastricht, dem südlichen Ausläufer, organisierte man einen eigenen March. Dass es somit nur zwei Orte im ganzen Land zum Demonstrieren gab, dürfte nicht nur an der überschaubaren Größe der Niederlanden liegen. Wenn in dem Ballungsgebiet mit und um Amsterdam fast die Hälfte der Bevölkerung und so gut wie alle Universitäten angesiedelt sind, hätte sich eine Konkurrenzveranstaltung wohl kaum gelohnt.

Anders als es der Name suggeriert und für die Hauptveranstaltung in Washington geplant war, wurde in Amsterdam jedoch nicht marschiert. Man fand auf dem Museumplatz zwischen Rijks- und Van Gogh-Museum zueinander. Dort standen die Haupttribüne sowie zwei Zelte, in denen verschiedene Aktivitäten über Wissenschaft informierten. Insgesamt dürften zwischen 500 und 1000 Besucherinnen und Besucher gekommen sein. Das passt auch zu den Anmeldungen auf Facebook.

Das Rijksmuseum lieferte das Panorama für den March for Science in Amsterdam. Davor sieht man das "Entdeckungszelt", eines von zwei Zelten, in denen Besucherinnen und Besucher über Wissenschaft informiert wurden. Bild: S. Schleim

Es geht um den Zusammenhang zwischen wissenschaftlichen Forschungsansätzen, deren Leistungen und den vergleichenden Bewertungen derselben. Manche Leistungsmaße (z.B. wirtschaftliche Verwertbarkeit, Publikationsanzahl, Zitationsindex) sind so beschaffen, dass mit ihnen bestimmte Forschungsansätze systematisch bevor- bzw. benachteilt werden. Dies ergibt sich schlicht aus den strukturellen Eigenarten der jeweiligen Ansätze. …

Wenn diese Evaluationspraxis um sich greift und wenn deren Ergebnisse wissenschaftspolitische Entscheidungen lenken, dann führt dies in der Psychologie zu einer starken Engführung ihres Erkenntnisfeldes. Dies hat massive Kompetenzverluste zur Folge, verbunden mit wichtigen berufspolitischen Konsequenzen.

Der inzwischen lang emeritierte Psychologieprofessor Uwe Laucken hat die erkenntnisschädigenden Folgen der heutigen Qualitätssicherung bereits in einem Aufsatz aus dem Jahr 2002 geschildert.

Laut dem Orga-Team hat es in 609 Städten weltweit Marches for Science gegeben. Damit könnte die Initiative die bisher größte konzertierte Aktion von sonst nicht gerade für politischen Aktivismus bekannten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler rund um den Globus gewesen sein. Die Unabhängigkeit der Forschung stehe unter Druck; und man dürfe den Umgang von Populisten mit "alternativen Fakten" nicht unwidersprochen hinnehmen.

Das Programm startete gleich mit drei bekannten Größen aus der Forscherwelt. Dem noch jungen Professor für Paläo-Ozeanographie Appy Sluijs von der Universität Utrecht. Er beschäftigt sich intensiv mit den Auswirkungen des Klimawandels auf die Weltmeere. Die als "Königin der (niederländischen) Sozialwissenschaften" vorgestellte Amsterdamer Professorin für empirische Soziologie Pearl Dykstra sprach über die Bedeutung der Sozialwissenschaften für die Gesellschaft. Mit Peter Hagoort rundete der "Mr. Neurowissenschaft" der Niederlande die erste Serie ab: Er ist Direktor am MPI für Psycholinguistik in Nijmegen und Gründungsdirektor des dortigen Donders-Instituts für Hirnforschung.

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Die Soziologin Dykstra erklärte, dass der Nutzen der Sozialwissenschaften so offensichtlich sei, dass man ihn häufig übersähe. Als Beispiele nannte sie Statistiken über die Gesellschaft, den Arbeitsmarkt oder die Ökonomie. So habe eine britische Studie gerade gezeigt, dass die Einführung des Mindestlohns die Anzahl depressiver Erkrankungen reduziert habe. Auf höchster Ebene berate sie selbst mit anderen Forschenden lokale Regierungen und die EU zu Fragen des technologischen Wandels. Oft stünden Fragen der technischen Sicherheit im Vordergrund. Was es aber für die Menschen bedeute, überall einen digitalen Fingerabdruck zu hinterlassen, lasse sich mit Methoden der Sozialwissenschaften erforschen.

Peter Hagoort ging in seinem Vortrag ans Eingemachte: Er bemühte keinen Geringeren als Albert Einstein. Dieser habe vor hundert Jahren die Gravitationswellen vorhergesagt, jedoch auch behauptet, sie seien zu klein, um gemessen zu werden. Wie wir seit vergangenem Jahr wüssten, hätte Einstein sich bei der zweiten Voraussage geirrt, mit der ersten aber Recht behalten. Diese Wellen seien die größte Entdeckung der Wissenschaft im Jahr 2016 gewesen.

Besucherinnen und Besucher vor der Haupttribüne, auf der die Vorträge gehalten wurden. Bild: S. Schleim

Die Wissenschaft zeichne aus, dass es ausschließlich um Beweise nach allgemeinen Regeln gehe und nicht darum, wer ihn führt. Dabei sei aus zweierlei Gründen Grundlagenforschung unerlässlich: Erstens könne man mit dem Wissen von heute gar nicht vorhersagen, welches Wissen in Zukunft einmal wichtig sein wird; zweitens seien Forschung und Wissen das Immunsystem einer Gesellschaft.

So kritisierte er, dass kurz vor den Anschlägen vom 11. September das Institut für Arabistik der Universität Amsterdam geschlossen wurde, weil man es für nutzlos gehalten habe. Nach den Anschlägen habe man plötzlich händeringend nach Expertinnen und Experten dieses Fachs gesucht. Der Hirnforscher schloss mit einem politischen Aufruf: Wenn in ein paar Jahren immer noch ein March for Science nötig sei, dann müsse man auf dem Dam demonstrieren, dem Zentrum der niederländischen Hauptstadt.

Später kamen unter anderem noch der Professor für Integration und Migration Jaco Dagevos von der Universität Rotterdam und der Vorsitzende der Studierendengewerkschaft Jarmo Berkhout zu Wort. Dagevos berichtete von seiner eigenen Forschung, dass türkischstämmige Niederländerinnen und Niederländer nach und nach immer besser ausgebildet seien als ihre Eltern. Das sei ein Erfolg der Integration.

Gleichzeitig würden aber immer mehr Jugendliche den Bezug zu den Niederlanden verlieren. Das liege nicht nur an Erlebnissen von Ausgrenzung, dem mitunter radikalen Ton öffentlicher Debatten, sondern auch an Bemühungen der türkischen Regierung. Zufälligerweise zog gegen Ende von Dagevos' Vortrag eine Demonstration von Erdogan-Gegnern am Museumsplatz vorbei, die beispielsweise auf den von der türkischen Regierung bis heute geleugneten Völkermord an den Armeniern aufmerksam machte.

Der Studierendenvertreter Berkhout war überraschenderweise der Einzige, der die strukturellen Probleme der Wissenschaft jenseits von Trump offen ansprach. Es gelte, den unmenschlichen Arbeitsdruck unter Forschenden und Dozierenden zu reduzieren. Die Politik müsse dringend mehr in die Hochschullehre investieren, denn Wissenschaft sei kein linkes Hobby, sondern die "Lebensader der Wahrheit."

Einen direkten Bezug zu Donald Trump stellte auch dieser Demonstrant dar: You can't grab science by the pussy! Bild: S. Schleim

In ähnlicher Weise halte ich es für bezeichnend, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit erst jetzt auf die Straße gehen, wo die Gegnerschaft der Forschungsfreiheit ein Feindbild bekommen hat: nämlich das Gesicht Donald Trumps. Der schleichende Ausverkauf der Wissenschaft der letzten Jahrzehnte, der zu systematischen persönlichen wie strukturellen Defiziten geführt hat, rief jedoch bisher keine übergreifende Gegenbewegung auf den Plan.

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