Sechsmal mehr Eisverlust: Dieser Meeresspiegelanstieg ist realistisch

Der Abschmelzprozess wurde bisher wohl auch in Worstcase-Szenarien unterschätzt. Foto: Christine Zenino / CC-BY-2.0

Gleich zwei neue Studien lassen befürchten: Grönlands Kipp-Punkt ist überschritten. Das würde bedeuten: Der Meeresspiegel steigt um mindestens sieben Meter. Bisher kaum Anstrengungen, dies zu begrenzen.

Besonders betroffen sind demnach jene Stellen, wo der Schnee geschmolzen ist und der dunklere Gletscher darunter freigelegt wurde: Ein Forscherteam des Geologischen Dienstes Dänemarks und Grönlands (GEUS) hat untersucht, wie stabil der Grönländische Eispanzer noch ist.

Mit dem erschreckenden Ergebnis, dass der Eisschild bereits aus dem Gleichgewicht geraten ist: Selbst wenn wir sofort alle Emissionen weltweit stoppen würden - 110.000 Kubikkilometer Eis tauen unwiederbringlich ab und heben den Meeresspiegel um mindestens 27 Zentimeter an.

Folgt man den GEUS Forschern, ist das die gute Nachricht, obgleich brisant, denn der grönländische Eisschild ist eines jener Kippelemente im Weltklimasystem, die – einmal angeschoben – nie wieder gestoppt werden können. In den Spitzen ist der Eispanzer 3.300 Meter hoch, wenn er anfängt zu tauen, fällt die Oberfläche nach unten in immer wärmere Schichten. Die schlechte Nachricht ist: Bei 27 Zentimetern wird’s nicht bleiben.

Der Sommer 2012 war besonders warm auf Grönland. Meteorologen gehen davon aus, dass sich durch die Klimaerhitzung solche Sommer häufen. werden. Die GEUS-Forscher haben auch einen solchen Sommer als Maßstab für die Entwicklung genommen: Bis Ende des Jahrhunderts würden zehn Prozent der grönländischen Eisfläche unumkehrbar verloren gehen, der Meeresspiegel um mindestens 78 Zentimeter steigen.

Küstenstädten droht Aus

Städte wie New York mit mehr als tausend Kilometer Küstenlänge sind dagegen genau so wenig zu verteidigen wie Bangkok, Alexandria, Basra oder Djakarta. Taut das gesamte Gletschereis auf Grönland ab, steigt der Meeresspiegel um mindestens sieben Meter an. Nicht nur das: Andere Kippelemente werden ausgelöst, ein Zusammenbruch des Golfstromes etwa, jener Meeresströmung, die Wärme aus der Karibik nach Europa transportiert.

"Das Neue an der Studie: Die Kollegen haben nicht mit Klimamodellen in die Zukunft geschaut, sondern nachgemessen, was sich in den letzten zehn Jahren auf Grönland abgespielt hat", sagt Olaf Eisen, Professor für Glaziologie am Alfred-Wegener-Institut AWI. Im jüngsten Sachstandsbericht war der Weltklimarat IPCC im "Worstcase-Szenario" noch davon ausgegangen, dass der Meeresspiegel bis Ende des Jahrhunderts mindestens 62 Zentimeter gegenüber dem Stand von 2014 steigen wird. Jetzt könnten es allein 78 Zentimeter durch die Grönlandschmelze sein.

Das Problem mit den Modellen, die nicht alle Wechselwirkungen zwischen Eis und Atmosphäre korrekt abbilden können, kennt auch Eisens Kollegin Angelika Humbert. Sie erforscht "Zachariae Isstrøm", einen Gletscher im hohen Nordosten Grönlands, im größten unbewohnten Nationalpark der Welt. "2012 ist seine Barriere zum Meer hin weggebrochen, seitdem ergießt sich ein Eisstrom ins Meer", sagt die Professorin für Eismodellierung.

"Wir unterschätzen, was passiert"

Für das Alfred-Wegener-Institut für polare Meeresforschung war sie gerade in einem internationalen Forschungsteam, das untersucht hat, wie schnell der Abschmelzprozess vonstattengeht. Das Ergebnis, vergangene Woche im Fachblatt Nature veröffentlicht, hat Humbert überrascht: "Wir unterschätzen, was passiert!"

Bislang ging die Forschung davon aus, dass der Zachariae-Eisstrom den globalen Meeresspiegel um 1,5 bis drei Millimeter bis Ende des Jahrhunderts ansteigen lässt. Das sagten zumindest die Klimamodelle voraus. Humbert und ihr Team werteten dagegen Daten eines Messnetzes am nordostgrönländischen Eisstrom aus. Sie kommen zu dem Schluss, dass es 13 bis 15 Millimeter werden – allein aus diesem einen Eisstrom. "Der Eisverlust bis Ende des Jahrhunderts ist also sechsmal größer, als die Modelle bislang prognostizierten", sagt die Professorin.

Lässt sich ein Abschmelzen des Grönland-Eises also noch verhindern? Kippt es bereits? "Ich war im Juni dort, überall taute es", sagt Angelika Humbert, "es war schwierig in dem ganzen Schneematsch eine Stelle zu finden, wo wir die Messgeräte aufstellen konnten". Trotzdem ließe sich die Frage nicht eindeutig beantworten, im Polarwinter, wenn monatelang keine Sonne auf Nordostgrönland scheint, friert es dort wieder. Humbert: "Was wir sagen können: Unsere Modelle unterschätzen das, was auf dem Eisschild passiert."

Angenommen es gelänge, die globale Temperatur um nicht mehr als 1,5 Grad über das vorindustrielle Niveau steigen zu lassen: Selbst dann würden mehrere Klima-Kippelemente ausgelöst, wie eine neue Untersuchung zeigt. Ein Kollaps des Grönlandeises gehört genauso dazu, wie ein Zusammenbruch der westantarktischen Eismassen und ein abrupter Verlust des arktischen Meereises. "Wir sehen bereits Anzeichen für eine Destabilisierung", erklärt Hauptautor David Armstrong McKay vom Stockholm Resilience Centre.

Welt aktuell auf 2,8-Grad-Kurs

Aktuell liegt die globale Durchschnittstemperatur bereits 1,15 Grad über vorindustriellem Niveau. Das, was die Staaten der UNO als "Freiwilligen Klimaplan" gemeldet haben, würde dafür sorgen, dass die Globaltemperatur um mindestens 2,8 Grad steigen wird.

"Wenn die Temperaturen weiter ansteigen, werden weitere Kipppunkte möglich", erklärt Forscher Armstrong McKay zu seiner Arbeit. Und dann sagt er etwas, dass die Klimadiplomaten auf der COP27 hören sollten: "Die Wahrscheinlichkeit des Überschreitens von Kipppunkten kann durch ein rasches Senken der Treibhausgasemissionen verringert werden, und zwar ab sofort."

"Es ist jetzt wichtig, diese Erkenntnisse in die Gesellschaft zu tragen", sagt der Glaziologe Olaf Eisen vom Alfred-Wegener-Institut: "Leute, das kommt auf uns zu, deshalb müssen wir viel schneller agieren, als wir es geplant haben." Würden wir jetzt mit wirklich echtem Klimaschutz beginnen, könnte der Anstieg der Ozeane begrenzt werden.

Kohlekraftwerke, Fleischkonsum, LNG-Erdgas und kein Tempolimit: "Wenn wir so weitermachen wie derzeit, geht das auf fünf, sechs Meter im nächsten Jahrhundert zu." Ein britisch-kanadisches Forscherteam untersuchte, wie sich der Meeresspiegel bis zum Jahr 2500 entwickeln wird. Ergebnis: Selbst wenn wir uns jetzt anstrengen, steigen die Meere bis Mitte des Jahrtausends bis um zwei Meter. Und trotzdem hat die Ampel-Regierung gerade abgeschaltete Kohlekraftwerke wieder ans Netz genommen. (Nick Reimer)

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