Seeräuber und -plünderer

Käpt’n Iglus dunkle Seite: Fischpiraten vagabundieren über die Weltmeere und fischen alles leer

Überfischung ist ein seit langem bekanntes Problem. Längst gibt es Schutzzonen und Fischerei-Quoten, um den Fischbestand der Weltmeere zu bewahren. Schwindet der Fischbestand, sind einzelne Arten gefährdet und das ökologische Gleichgewicht gerät durcheinander. Umweltverbände protestieren seit Jahren gegen Fischpiraten, die trotzdem illegal vor allem in schlecht bewachten Gewässern auf die Jagd gehen oder unkontrolliert unter Billigflaggen segeln. Wissenschaftler geben den Öko-Aktivisten Recht, es bedarf einer wirkungsvollen und flexiblen internationalen Kontrolle, um die Ozeane vor den Banditen mit Schleppnetzen zu schützen.

Früher fuhren kleine Boote küstennah aus, und die Besatzung fischten moderate Mengen, um sie auf lokalen Märkten zu verkaufen. Fisch ist eine leicht verderbliche Ware, nur gesalzen, geräuchert oder getrocknet war er über weite Strecken zu transportieren. Heute fahren Fangflotten aus, die als riesige Fabrikanlagen auf See den Fang direkt tieffrieren oder zu Fischstäbchen verarbeiten. Durch Luftfracht und globalisierte Handelswege erreicht ganz frischer Fisch unverzüglich alle Metropolen, um überall auf der Welt auf den Tellern von Feinschmeckern zu landen. Dazu kommt, dass durch die neuen Fangmethoden jede Menge kleiner, junger oder in anderer Art zum Verzehr nicht geeigneter Fische (und andere Tiere) in den riesigen Netzen landen. Sie werden als unerwünschter Beifang einfach entsorgt. Die gnadenlose wirtschaftliche Ausbeutung der Meere ist grenzenlos geworden.

Bild: Greenpeace

Der Fischbestand schrumpft in den Weltmeeren; viele Arten sind gefährdet oder bereits ausgerottet. Innerhalb der letzten 50 Jahre ist die Artenvielfalt überall in den Ozeanen zwischen 10 und 50 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig verzehnfachte sich der Fischfang. Im Atlantik und im Indischen Ozean gab es einen Schwund der Arten um 50 Prozent, im Pazifik um 25 Prozent. Dabei spielen sowohl die Verschmutzung der Meere als auch die globale Klimaerwärmung eine Rolle, Hauptgrund für die dramatische Verminderung der Fischarten ist aber nachweislich die Überfischung (Dramatischer Rückgang der Artenvielfalt in den Meeren).

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace kämpft seit Jahren gegen die Fischpiraten oder Piratenfischer (SOS Weltmeere). Gerade erst hatten Aktivisten der Organisation mit einer Kette im Rostocker Hafen mehrere Fischtrawler am Auslaufen gehindert, die sie der Fischpiraterie bezichtigen. Im vergangen Dezember protestierte Greenpeace bereits gegen die Schiffe und forderte die Bundesregierung auf, in dieser Angelegenheit aktiv zu werden. Damals hießen die etwa sechzig Meter langen Schiffe, denen bereits in der Vergangenheit illegale Fischzüge nachgewiesen wurden, "Oyra", "Ostroe", "Okhotino", "Olchan" und "Ostrovets". Mittlerweile wurden sie in "Eva", "Junita", "Rosita", "Isabella" sowie "Carmen" umgetauft und sind in Georgien (ein Staat, der die Schiffe nicht weiter kontrolliert) registriert.

Aktion von Greenpeace-Aktivisten in Schlauchbooten mit einer Tonnenkette gegen illegale Fischtrawler im Rostocker Hafen (Bild: Thomas Haentzschel, Nordlicht / Greenpeace)

Der Umweltschutzorganisation liegen Informationen vor, wonach die Trawler vor Mauretanien/Westafrika oder im Pazifik fischen wollen (Piratenfischer im Rostocker Hafen festgesetzt). Andrea Cederquist, Meeresbiologin von Greenpeace, prangert die Untätigkeit der Bundesregierung an:

Die Politik muss endlich handeln, die Piratenfischer gehören an die Kette. Sie dürfen erst auslaufen, wenn sie nachweisen können, dass ihr nächster Fischzug nicht illegal ist. Die Politiker können nicht behaupten, die illegale Fischerei zu bekämpfen und dann zusehen, wie sich Piratenfischer in einem deutschen Hafen für ihren nächsten Fang rüsten.

Auf hoher See oder vor den Küsten der armen Länder, z.B. vor Westafrika, fischen die modernen Piraten alles leer. Die Fischtrawler gehen dabei völlig rücksichtslos vor, sie holen so schnell wie möglich alles an Bord, was sich in Netzen und Leinen verfängt. Nutzlose Beutetiere wie Wale, Delfine, Seeschildkröten oder auch Vögel werden einfach tot über Bord geworfen. Besonders problematisch ist zudem die Grundschleppnetzfischerei, die den empfindlichen Tiefseelebensraum schädigt (Das UN-Moratorium der Grundschleppnetzfischerei auf der Hohen See). Und das obwohl die Tiefsee noch weitgehend unbekanntes Terrain ist und dort ständig neue Arten entdeckt werden (Rotlichtbezirk unter Wasser). Nach Angaben von Greenpeace lohnt sich das illegale Geschäft enorm, jährlich werden durch die Fischpiraten zwischen 3,4 und 7,6 Milliarden Euro erbeutet.

Gesundes Riff mit intakter Fisch-Fauna (Bild: Centre of Excellence for Coral Reef Studies, weitere Fotos)

Argumentative Unterstützung bekommen die Umweltaktivisten jetzt durch eine Gruppe internationaler Wissenschaftler um Fikret Berkes von der University of Manitoba im kanadischen Winnipeg. Im Wissenschaftsmagazin Science veröffentlichen sie einen Überblick über die gravierenden Schäden, die Fischpiraten dem marinen Ökosystem zufügen (Globalization, Roving Bandits and Marine Resources). Die Forscher zeigen auf, dass in der globalisierten Welt die bisherigen Schutzmechanismen nicht mehr ausreichen. Wenn es für eine Meereslebensform irgendwo auf der Welt einen interessanten Markt gibt, dann tauchen sofort Trawler auf und fischen ab, so viel sie erwischen. Und das im Zweifelsfall so schnell, dass nationale Behörden erst reagieren können, wenn es zu spät ist.

Ein Beispiel dafür ist der Seeigel (Strongylocentrotus droebachiensis), der sich nach der radikalen Dezimierung seiner natürlichen Feinde im Golf von Maine in den 80er Jahren erstmal kräftig vermehrte. Dann entstand eine große Nachfrage nach diesem Meerestier für den rasch wachsenden Sushi-Markt und ab 1987 wurde der Seeigel sehr schnell und intensiv abgefischt. Bis der Staat reagierte, war der Bestand innerhalb von sechs Jahren schon weitgehend geplündert. Die Wissenschaftler schreiben:

Was das vagabundierende Banditentum [Fischpiraterie] auszeichnet, ist die neue Dynamik der globalisierten Welt: Neue Märkte können so rasch entstehen, dass die Geschwindigkeit der Ausbeutung der Ressourcen oft die Reaktionsfähigkeit lokaler Institutionen überfordert.

Als Folge der unkontrollierten Überfischung gerät das ökologische Gleichgewicht im Meer in Turbulenzen, Nahrungsketten werden geschädigt, die Biodiversität leidet nachhaltig, im Zweifelsfall sterben bestimmte Arten aus. Co-Autor Terry Hughes, Leiter des Australian Research Council’s Centre of Excellence for Coral Reef Studies warnt:

Heute kann das intensive Abfischen bestimmter Spezies durch diese mobilen, vagabundierenden Banditen marine Systeme destabilisieren und unberechenbare Kollapse verursachen. Teile der Fischerei sind zu Industrien mit Fahrerfluchttaktik geworden, sie schlagen unkontrolliert und grenzenlos zu. Die globale Nachfrage kann eine Ressource zerstören – ohne Rücksicht auf die Leute vor Ort, die darauf für ihr Auskommen angewiesen sind oder auf die Zukunft des Lebensraums Meer.

Die bisher ausgewiesenen Schutzgebiete, wo die Fischerei stark eingeschränkt oder sogar völlig untersagt ist, reichen nicht aus. Sie müssten stark erweitert werden. Neue Untersuchungen bestätigen, dass ein komplettes Verbot des Fischens durchaus wirkungsvoll ist und sogar Korallenriffe sich unter diesem Schutz regenerieren (Raubfische als Korallenschützer).

Fikret Berkes und seine Kollegen schlagen vor, sofort und dringlich die Überfischung unter Kontrolle zu bringen. Dazu gehört ihrer Meinung nach, dass lokale Behörden ihre Möglichkeiten schon existierender Vorschriften voll ausschöpfen, dass weitere Gebiete als Fangverbots-Zonen ausgewiesen, dass Märkte kontrolliert und flexible Management-Ansätze genutzt werden. Auf allen Ebenen müssten Instrumente entstehen, damit verantwortlich auf die sich ständig verändernden Anforderungen reagiert werden kann. Der Verbraucher hat es aber auch selbst in der Hand, beim Einkauf etwas gegen Fischpiraterie und die verantwortungslose Ausbeutung der Meere zu unternehmen. Zum Beispiel sollten Tiefseetische auf dem Speiseplan ebenso ein Tabu sein wie Shrimps oder Seezunge (Welcher Fisch darf auf den Tisch?). (Andrea Naica-Loebell)