Sei natürlich! Sei der, der du bist!

Wie die Kunstfigur Lady Gaga die zeitgenössische Kritik um den Finger wickelt. Ein kurzer Versuch, das Phänomen zu verstehen

Spielverderber wollen wir nicht sein. Und den Miesepeterich geben wollen wir eigentlich auch nicht. Aber das Lob, das just über das neue Album von Lady Gaga ausgeschüttet wird, geht uns schon sehr gegen den Strich und gewaltig auf die Nerven (Mit Judas im Whirlpool).

Nicht dass man gar manchen „Discostampfer“, den die Pop-Sphinx auspackt (Bad Romance; Dance in the Dark), nicht auch mal anhören könnte. Räumt man das aufgemotzte Drumherum mal weg und widmet sich allein der Melodie, dann findet sich da bisweilen gar manch Schönes (Poker Face; Bad Romance).

Bei manchen Balladen, bei Alejandro etwa oder auch bei Eh, Eh, Nothing Else I Can Say, klingt das gelegentlich an und durch. Dann zeigt sich auch, dass die Lady auch durchaus singen kann. Aber muss ein Großteil der Kritik sich deswegen gleich in wahrhaften Lobeshymnen üben? (Warum Lady Gagas Album ein Triumph ist).

Cover "The Fame Monster"

Es mag ja sein, dass das clevere Fräulein auf geniale Art und Weise alles mit allem vermanscht, Elektro mit Techno, Disco mit Rock und auf die Frage, was sie so mache, folglich antworten kann: Das sei „Techno-Disco-Rock“. Entscheidend ist aber immer noch, was, um Adi Preißler, ehemals Fußballer des WSV und beim BVB, zu bemühen, auf dem Platz passiert, ergo: was aus dem Lautsprecher kommt.

Und dies ist nicht viel oder nicht viel mehr als das, was man gemeinhin von Kylie Minogue oder Britney Spears, Katy Perry oder Gwen Stefani erwartet oder geboten bekommt. Im schlechtesten Fall billige Ramschmusik, das auf Dult- oder Volksfestplätzen aus nahezu jedem Fahrgeschäft dröhnt und die Kids zum Stoßautofahren oder Breakdance animieren soll (Judas); im besten Fall Hochglanzpop von der Stange, der mit enormen Beats und Basslines aufgepumpt wird der beliebig austauschbar ist und auf Dauer sogar nervt oder langweilt (Poker Face).

Fast mit jeder Minute erinnert Frau Stefani Joanne Angelina Germanotta, wie sie mit bürgerlichen Namen vollständig heißt, in Stimme und Tonfall an ihr großes Vorbild, die Urmutter Madonna. Born This Way, die aktuelle Hitsingle etwa, klingt wie der Wiedergänger von Express Yourself, in Takt und Rhythmus genauso wie im Text. Statt „Stell dich dar!“ heißt es nun: „Sei du selbst!“. Kryonischer geht es sicherlich nicht.

Gefallen wird der „Queen of Pop“ das sicherlich nicht. Und zur Ehre gereichen vermutlich auch nicht. Nicht nur, weil sie selbst jetzt nicht mehr wissen wird, was sie dem demnächst entgegensetzen kann oder soll, um nicht selbst als Produkt der Kryonik zu gelten. Sondern auch, weil Frau Gaga dem, was Madonna unter Aufbietung all ihrer Kräfte vorgemacht und auch durchgesetzt hat, nichts Neues hinzufügt. Wozu Frau Ciccone etliche Jahre und mehrere Alben gebraucht hat, verdichtet, plagiiert und potenziert Fräulein Germanotta längst in Echtzeit.

Cover "The Fame"

Dass überhaupt jemand von ihr Notiz nimmt, verdankt sie allein ihrer Dauerpräsenz und Allgegenwärtigkeit, den schrägen Auftritten und schrillen Outfits, die ihre gesamte Entourage, das „Haus GaGa“ mit viel Gespür, Kalkül und viralem Marketing befeuert. Und dass sie mittlerweile Madonna auch als Gegenstand und Thema kulturwissenschaftlicher Seminare, Magisterarbeiten oder Tagungen abgelöst hat und ihre Aktionskunst gar mit Andy Warhol oder dem Charme von David Bowie verglichen wird, sagt weniger über ihre musikalische oder popkulturelle Relevanz aus, als vielmehr über die Qualität dieser Art von Wissenschaft.

Gemessen an den Verkaufszahlen ihrer Songs, den Artikeln, die über sie in Umlauf sind, den Video-Aufrufen bei Youtube.com und den Einträgen, Freunden und Fans, die zu ihren Shows kommen oder die sie bei Twitter und Facebook hat und unterhält, hat sich Frau Gaga mit ihren gerade mal fünfundzwanzig Lenzen innerhalb von drei Jahre zum Superstar hoch geputscht. Schon allein das ist sicher bemerkenswert. Auch, weil derzeit niemand im Popzirkus zu sehen ist, der ihr auf diesem Gebiet nur annähernd das Wasser reichen könnte.

Aber rechtfertigt dieser Status allein auch jene Lobeshymnen, die über ihr musikalisch bislang eher dürftiges Werk verbreitet werden? Und das obendrein von Leuten, denen man einen exquisiten Musikgeschmack sicherlich nicht abstreiten kann? Doch um Geschmack und Musik geht es im Pop mitunter nicht, und Falle Lady GaGas auch nur am Rande. Zumal es hier, im gut postmodernen Sinn, mehr um die Verpackung als um den Inhalt geht, genau genommen um die Tatsache, das Lärm und Zank, Klatsch und Tratsch ist.

Was eine bestimmte Kritiker-Kaste (es handelt sich wohl zum Großteil um die selbe, die auch die Äußerungen oder Taten eines Lars von Triers oder Roman Polanskis verniedlicht oder bagatellisiert, anderen aber, die Ähnliches wagen, dies umso vehementer um die Ohren hauen) an Frau Gaga vermutlich so anmacht (Ich umarme euch, ihr Nerds), ist vor allem ihre vermeintlich politische „Haltung“ und „Message“, die sie mit und in ihren Songs angeblich vermittelt oder vermitteln will: das Queer- und Kostümhafte, die Parteinahme für Minderheiten und das gekonnte Spiel mit Masken, Zitaten und Symbolen.

Häufig hat man den Eindruck, dass es die uneingelösten Versprechen der Ästhetik und der Gesellschaftskritik, der Politik und der Genderproblematik sind, die ihre journalistischen Bewunderer auf das vermeintliche Gesamtkunstwerk Lady GaGa projizieren und von ihr verwirklicht sehen wollen. Und vielleicht ist es auch der latente linke Wunsch, überall und jederzeit Grenzen zu verletzen und subversiv zu sein, und trotzdem von allen geliebt und bewundert zu werden ("Isch lieben aus tubiklär!").

Nun ist Massentauglichkeit, an sich betrachtet, per se nichts Unanständiges. Schwärme, ob intelligent oder nicht, können sich, wie wir inzwischen wissen, nicht irren. Sie mit Bildern und Texten, Klängen oder Soundcollagen zu erreichen und sie zum Mittun zu bewegen, davon träumen schließlich alle, Künstler und Politiker genauso wie Scharlatane und Revolutionäre. Damit dies bis auf weiteres auch so bleibt, unterhält die singende Darstellerin, darum ist der Vergleich mit Andy Warhol nicht völlig abwegig, eine ganze Armada von Netzwerkern, Soundbastlern und Modedesignern, die sie mit entsprechendem Material versorgt.

Cover "Born This Way"

Aber nötigt die Art, wie sie sich in der Öffentlichkeit bewegt, wie sie spielt, sich inszeniert und damit die Massen unterhält und zum Kauf anhält, auch dazu, ihre Performance als Kunst auszulegen oder sie als Kunstform zu verstehen? Muss man das tatsächlich gleich mit neoliberaler Kampfformel belegen und neudeutsch von „Empowerment“ sprechen, wenn Frau Gaga das Wort ergreift, die Bühne betritt und zum Singen anfängt? Und das ausgerechnet von jemandem, der sich als Vorkämpfer und Deuter postlinker Kulturkritik versteht, aber offensichtlich den Widerspruch nicht verstanden hat, dass Kunstfigur zu sein, ein Selbstsein von vornherein ausschließt.

Gern geben wir zu, dass Frau Germanotta mit ihren lasziven und vermeintlich selbstbestimmten Bildern, die sie produziert, das Imaginäre befeuert, die heimlichen Fantasien unterdrückter Muslima ebenso wie die Träume von Grundschulkindern oder Pubertierenden. Auch diese Stimulierung mag bekanntlich als Kunst durchgehen.

Aber was an derartigen Exhibitionismus „Selbstermächtigung“ sein soll, wenn eine Zehnjährige sich „Born This Way“ zu eigen macht, den Song so lange nach der Schule am Klavier einübt, bis daraus ein Clip für YouTube.com entsteht, der dann von einem Mitarbeiter der Sängerin entdeckt wird, woraufhin die dann das Mädchen, der Selbstvermarktung wegen, zu einem Konzert einlädt, um dort halbnackt zusammen mit dem Mädchen auf der Bühne das Liedchen zum Besten zu geben, erschließt sich uns weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick.

Schon vernehmen wir im Hintergrund die Stimmen all jener, die jetzt „Puritaner!“ rufen und über so viel versteckte Prüderie die Nase rümpfen. So kann man das natürlich auch deuten. Und den Vorwurf, altmodisch zu sein, erklären wir ganz offen, nehmen wir auch gern in Kauf. Dass sich darunter möglicherweise auch solche befinden, die Amy Chuas „Tiger-Erziehung“ jüngst noch heftig verteufelt haben, wird dann aber zum ironischen Begleiteffekt.

Cover "The Remix"

Jenseits dessen geben wir aber zu Bedenken, dass man schon ein höchst seltsames, um nicht zu sagen: gestörtes Verhältnis zur Kindheit oder zum Jugendalter haben muss, respektive zur eigenen, wenn man das, was sich dort auf der Bühne zugetragen und offenbar einen Plattenvertrag für die Kleine zur Folge hat, als genuine Form von Emanzipation missversteht.

Wenn das tatsächlich der Universalismus ist, den die Gutmeinenden predigen; und wenn das der „Schrei nach Freiheit“ und der Entwurf eines „besseren Lebens“ ist, die der Westen für den Rest der Welt bereithält (Lakritze mit Lachs), dann bekommt Heidegger im Nachhinein tatsächlich noch Recht. Dann kann uns wirklich „nur noch ein Gott retten“.

Adorno, der ebenso greise wie weise Ästhetikphilosoph aus Frankfurt, mag mittlerweile etwas aus der Mode gekommen sein. Auch bei den besagten Kritikern. Vermutlich würde er mit den Augen rollen oder die Hände entsetzt vors Gesicht nehmen, wie seinerzeit, als Studentinnen ihm ihre nackten Brüste entgegengestreckt haben, wenn er von einer derartig verqueren Verquickung seiner Werte und Ideale wüsste.

Doch kann es der Kritik überhaupt um Zeitgemäßheit gehen, um Zeitgenossenschaft? Muss man wirklich, um auf der Höhe der Zeit zu sein, immer mit der Zeit gehen? Kann man mithin nur dann etwas denken, kritisieren oder deuten, wenn man nicht aus der Zeit gefallen ist? Ist „unsere Gegenwart“, um einen aktuellen Buchtitel von Sepp Gumbrecht aufzugreifen, dafür tatsächlich schon zu „breit“?

Spätestens mit Nietzsche wissen wir, dass derjenige das umso besser kann, je mehr er sich abseits der Gegenwart und ihrer breit getretener Pfade bewegt und dabei vor allem jenen Maßstäben misstraut, die dabei gewöhnlich zum Einsatz kommen. Um zu erkennen, was die Gegenwart trägt und bestimmt, müsse laut Nietzsche der kritisch Denkende daher stets „unzeitgemäß“ sein und beobachten. Andernfalls verfinge er sich in der Mimikry, er verdopple bloß, was ohnehin geschieht.

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