Seife und Seelenkunde

Rudolf Steiner als Seher und Surfer zwischen Ideologien und Interessen

Vor 90 Jahren hat Rudolf Steiner die Anthroposophische Gesellschaft gegründet. Rudolf Steiner - jeder hat den Namen schon gehört, kaum jemand kann aber sagen, was der seltsame Seher eigentlich gelehrt und gelebt hat.

Rudolf Steiner

Eigentlich ist Steiner ein Interface-Designer. Er hat eine vollständige und sehr skurrile Benutzeroberfläche für die Wirklichkeit geschaffen, die alle Felder menschlicher Bemühung umfasst, buchstäblich von der Seelenkunde bis zur Seife. Ein Blick auf das ungewöhnliche Leben und Wirken dieses eigenwilligen Propheten enthüllt eine fremde und faszinierende Welt.

Rudolf Steiner kommt 1861 auf dem Balkan zur Welt. Den größten Teil seiner Jugend verbringt er in Österreich. Schon früh interessiert er sich für die Welt des Geistigen. In seiner Schulzeit liebt er einerseits die Naturwissenschaften. Anderseits haben es ihm die Werke der großen Philosophen angetan. Neben diese traditionellen geistigen Quellen treten schon jetzt aber andere, fremdartige. Früh hat er Gesichte, zeigen ihm Intuitionen das Tor zu einer inneren Welt, die ihm immer lebendiger und realer erscheinen wird als die äußere. Diesen geheimnisvollen Kontinent zu erforschen, wird seine Lebensaufgabe werden.

Bevor er jedoch Seher wird, ist er Surfer. Man findet ihn in ganz unterschiedlichen Kreisen, zwischen denen er hin- und herzappt. Steiner spricht in vielen Zungen, interessiert sich für ganz unterschiedliche Gedanken, Gruppen und Geister.

Sein äußerer Lebenslauf führt ihn an die Universität Wien, wo er sich sowohl auf die Natur- wie die Geisteswissenschaften wirft. Mit einundzwanzig Jahren wird er der Herausgeber der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes. Ab 1890 wird er am Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv sein Brot verdienen. In diese Zeit fällt auch seine Beschäftigung mit Friedrich Nietzsche. 1894 erscheint mit der Philosophie der Freiheit Steiners vielleicht wichtigstes Werk.

Auch nachdem er 1897 nach Berlin übersiedelt, reist er weiter durch viele Welten. So taucht er in das Milieu der literarischen und politischen Freaks der damaligen Epoche ein. Ein Freund dieser Zeit ist der Anarchist John Henry Mackay. Steiner unterrichtet an einer marxistischen Arbeiterbildungsschule. Dann findet man ihn wieder in den Zirkeln des "seriösen" Geisteslebens, die sich damals vor allem am Monismus Ernst Haeckels orientieren. Wirklich heimisch wird er aber nirgends. Er bleibt, so ein Biograph, überall "ein oft geliebter Gast - und Fremdling".

Die für sein Leben folgenschwerste Begegnung der Berliner Zeit ist die mit der Theosophie. Hier mischen sich Ost und West, abendländische Esoterik mit hinduistischen und buddhistischen Vorstellungen. Steiner wird der Leiter der deutschen Sektion der Theosophen. Er trennt sich jedoch bald von ihnen: Im Februar 1913 konstituiert sich seine Anthroposophische Gesellschaft.

Sein fieberhaftes Schaffen trägt Früchte. Schnell strömen ihm Schüler zu. Sie sind fasziniert von seinen Ideen, die als Sturzbach und Strom den unermüdlichen Geist Steiners verlassen. In unzähligen Vorträgen und diversen Büchern entfaltet er ein verwinkeltes Weltbild, eine Gesamtschau der Menschheitsgeschichte und krause Mischung aus Mathematik und Magie, aus naturwissenschaftlichen, christlichen und esoterischen Lehren. Dieses Gelände zu durchmessen ist ein Lebenswerk.

Goetheanum

Viele seiner Anhänger machen sich diese Mühe und setzen seine Anregungen auf ihrem besonderen Fähigkeitsfeld um. Menschen aller Berufe und Berufungen hören auf den Künder der neuen Lehre. Gerade Kreative wie der Dichter Christian Morgenstern, der Maler Wassily Kandinsky oder, viel später, Joseph Beuys nehmen anthroposophische Impulse in ihre Arbeit auf. Es entstehen Schulen, Kliniken, Landwirtschaftsprojekte, Lebensgemeinschaften und Fabriken für Gesundheitsprodukte. Mit dem Goetheanum erbaut sich die Gesellschaft im Schweizer Dornach ein Zentrum, dessen exzentrische Architektur dem der Visionen ihres Lehrers in nichts nachsteht.

Steiners Wirksamkeit geht jedoch über den unmittelbaren Umkreis seiner Anhängerschar weit hinaus. Die Mehrheit der Eltern, die etwa ihre Kinder auf die steinerorthdodoxen Waldorfschulen schicken, wissen vom weltanschaulichen Background wenig. Die zukünftigen Mediziner, die in Witten-Herdecke an der ersten privaten Universität Deutschlands ihr Studium durchziehen, sind nur selten strenggläubige Steinerfreunde. Weleda-Seife und biologisch-dynamische Demeter-Produkte sind im deutschen Studienratshaushalt Alltagsgut, ohne dass ihre Benutzer zur Gnosis der Anthroposophen konvertieren.

Für seine Anhänger ist diese Frage sowieso beantwortet. Mit sektiererischem Dogmatismus hängen viele von ihnen an seinen Worten. Als Seher einer höheren Wirklichkeit, der sein Wissen aus der Akasha-Chronik, einer Art transzendentaler Himmels-Datenbank, erhält, stehen sie weit über einer gewöhnlichen menschlichen Meinung.

Für den Skeptiker, dem ewige Wahrheiten eher suspekt sind, ist es verlockend, die Sache als private Wahnidee ad acta zu legen. Steiners manchmal ermüdende Ausführungen über Reinkarnation, vergangene Zeitalter und überirdische Wesenheiten gehören sicher mehr in den Bereich der Fantasy.

Die Pointe an Steiner und seinen Jüngern ist aber einmal, dass sie aus vielleicht abstrusen Gründen oft interessante und innovative Dinge tun. Die kreativen Impulse, die etwa von der Waldorfpädagogik her auch auf nichtanthroposophische Pädagogen ausstrahlen, basieren vielleicht auf einem irrationalen "spirituellen" Welt- und Menschenbild, sie haben aber sicher mitgeholfen, im Erziehungsbereich manche Verkrustung aufzubrechen. Ähnliches lässt sich beispielsweise für die Medizin; die Psychologie, die Kunst und die Landwirtschaft sagen. Auch der Anteil von Anthroposophen an der Entstehung der Alternativbewegung darf nicht unterschätzt werden.

Unter anderem aus den letztgenannten Kreisen hat es allerdings in den letzten Jahren verstärkt Kritik an rassistischen Äußerungen Steiners gegeben. Die Anthroposophische Vereinigung in den Niederlanden hat daraufhin zur Klärung dieser Vorwürfe eine Untersuchungskommission eingesetzt und aus dem Werk ihres geistigen Vaters immerhin 75 rassistische bzw. als rassistisch misszuverstehende Sentenzen extrahiert und sich von ihnen distanziert.

Die Anthroposophen weisen aber darauf hin, dass Steiner sich auf der anderen Seite ausdrücklich gegen Rassedenken, Nationalismus und Antisemitismus erklärt habe. Sie bestehen darauf, dass die Lehre ihres Gründers unterm Strich vor allem menschliche Gleichheit und Individualität betont und fördert.

Wie immer es sich damit verhält: Die ganz überwiegende Mehrheit der heutigen Mitglieder in Steiners Truppe dürfte sich mehr mit Weisheits- als mit Rassedünkeln herumschlagen. Figuren wie der Pfarrer der Christengemeinschaft und Revisionist Werner Georg Haverbeck mit seinem Buch "Rudolf Steiner - Anwalt für Deutschland" sind eher eine Randerscheinung.

Was an Steiner für Nichtjünger weiter interessant macht, ist andererseits sein besonderer, vor der Zeit "postmoderner" Umgang mit Ideen und Ideologien. Steiner ist als Demiurg seines eigenen Universums weniger ein ernstzunehmender Philosoph als ein Künstler, ein "Weltbildhauer" und Schöpfer einer sozialen Skulptur. Wegen seiner "Surfgewohnheiten" ist dem Anthroposophen der Vorwurf des Opportunismus nicht erspart geblieben. Unter Nietzscheanern wirke er wie ein Nietzscheaner, unter Goetheanisten wie ein Goetheanist, so ein Vorwurf. Diese Kritik ist wahrscheinlich richtig. Sie macht jedoch aus einer Stärke einen Makel. Steiner ist wie ein Fisch im Wasser, wie ein Gefäß oder Spiegel für seine jeweilige Umwelt, ein "weltanschaulicher Zelig". Er ist aber noch mehr: Er zieht irgendwann immer weiter und benutzt, oft schwer kompatible, Ideen und Ideologien als Steinbruch für seine Skulptur.

Der Seher und Surfer könnte als "Weltanschauungskünstler", der sein eigenes Ding durchgezogen hat, in dieser Hinsicht ein Vorbild gerade auch für viele bibelfeste und buchstabentreue anthroposophische Schriftgelehrte sein. (Dietmar Gottfried)

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