Sein zum Tode

Über Ausbeutung und Lachen. Ein Gespräch mit dem Regisseur Ulrich Seidl

Mit "Hundstage" wurde der Österreicher Ulrich Seidl vor sechs Jahren berühmt und gewann in Venedig einen "Silbernen Löwen". Zur Zeit läuft "Import/Export" im Kino. Für die einen ist Seidls Werk geniale Kunst, für andere menschenverachtendes Depressionskino. In jedem Fall zielen seine Filme auf die Essenz des Filmemachens: den Zusammenhang von Moral und Ästhetik, die Frage, wie man das zeigt und ob überhaupt. Denn ein ein Dokumentarfilm - Seidl firmiert ja immer noch als Dokumentarist - über eine Pornodarstellerin bei der Arbeit ist dann, wenn man partout nichts ausblenden, nicht nichts zeigen will, in der Konsequenz auch ein Porno.

Bei aller Direktheit hält Seidl aber immer einen scheuen Abstand, vermeidet Grenzüberschreitungen und hält sich seinen Gegenstand vom Leib, während er ihn doch seziert und dem genauen Hingucken auf eine fremde Welt ästhetischen Mehrwert abgewinnt.

Alle Bilder: Movienet

Zwei Menschen, zweimal Import/Export, zweimal Ausbeutung: Olga aus der Ukraine und Paul aus Wien. Im Lauf des Films reist er in die Ukraine, sie kommt nach Wien. Immer im Wechsel beobachtet man Szenen aus beider Leben: Olga als Krankenschwester und als Pornodarstellerin in einer Plattenbau-Trabantensiedlung, dann in Wien, wo sie eine Anstellung bei einer Familie bekommt. Dort kann sie sogar wohnen, im Keller in der Waschküche neben der Waschmaschine.

Doch sie ist der Willkür der unerzogenen Kinder und der Frau des Hauses ausgesetzt, und als sie sich beginnt, mit den Kindern besser zu verstehen, kommt auch noch der Neid der Mutter hinzu, und Olga verliert ihre Anstellung wieder. Schließlich bei einer Putzkolonne auf der Geriatriestation. Paul als Wachmann mit Kampfhund beim Bewerbungstraining des Arbeitsamtes: Er lernt, was "seriöses Warten" bedeutet, und "LMAA": "Lächle mehr als andere". Einen Job findet er auch mithilfe seines neuerworbenen Wissens nicht. Dann im Nachtlokal, mit einer jungen Prostituierten. Kleine Szenen. Aneinander gereihte Ausschnitte aus dem Leben. Im Zentrum stehen die Macht des Geldes und die Demütigung von Menschen.

Zugleich ist der Film ein kluges Portrait alltäglicher Absurdität und ganz normaler Abgründe. Ein Portrait des Leidens, das uns sanft darauf hinweist, wohin das alles führt: In den Verfall des Alters, in die Stunde des Todes - mit ethnologischer Sachlichkeit und viel Mut hat Seidl einen Film gemacht, der einen nicht loslässt.

„Mir sind die Länder des europäischen Ostens sehr nahe“

"Import/Export" ist ja nicht nur der Titel, sondern das Subthema des Films, es ist die Bewegung der beiden Hauptfiguren, und das Verhältnis, das sie zur Welt haben. Man kann auch von Ausbeutung, von wechselseitigen Ausbeutungsverhältnissen sprechen… Warum "Import/Export"?
Ulrich Seidl: Zunächst ist dies ja ein sehr zeitgemäßes Thema, ein sehr modernes Thema, was Europa anbelangt. Ich war immer daran interessiert, im Osten zu drehen. Mir sind die Länder des europäischen Ostens sehr nahe. Ich habe sehr viele Reisen dorthin gemacht, und es war mir ein Bedürfnis, dort etwas zu drehen. Die eine Geschichte meines Films, die von Pauli, einem österreichischen Arbeitslosen, den es auf der Suche nach Arbeit dann in die Ukraine verschlägt, basiert auf einer wahren Begebenheit: Vor vielen Jahren, als ich "Zur Lage" gedreht habe, einen Film mit mehreren Regie-Kollegen zur Lage Österreichs, habe ich in Wien eine siebenköpfige Familie gefunden, die alle arbeitslos waren, auch die erwachsenen Kinder.
Zumindest in der Pressevorführung in Cannes war es so, dass es an manchen Stellen Lacher gab, bei denen ich dachte, die gehören da jetzt eigentlich nicht hin. Wenn Sie das erleben: Sind Sie da glücklich, oder speziell unglücklich, oder ist Ihnen das egal? Gibt es eine richtige, oder eine falsche Reaktion des Publikums?
Ulrich Seidl: Ich weiß, dass es immer wieder so ist, dass Menschen bei bestimmten Szenen lachen - was ich gut finde, und das möchte ich auch -, und andere können dabei nicht lachen, sind verärgert, weil der Nachbar lacht. Ich finde, das sagt nur etwas über den Humor der Menschen aus, der eben sehr unterschiedlich ist. Aber ich versuch ja auch selber, Humor in meinen Filmen sozusagen zu verwenden. Ich denke, auf der anderen Seite zeige ich auch "Schreckliches" - unter Anführungszeichen -, und es ist auch wichtig, dass man lachen kann.

„Es gibt auch ein befreiendes Lachen“

Ja. Aber es gibt ja wie wir wissen, verschiedene Arten von Lachen. Es gibt das Lachen mit jemandem, und es gibt das Lachen über ihn.
Ulrich Seidl: Das liegt in der Verantwortung des Zuschauers. Er muss das selber für sich wissen. Und es gibt auch ein befreiendes Lachen. Was glaube ich bei mir oft stattfindet, ist, dass das, was man sieht, peinlich ist für jemanden, für sich selber peinlich ist - und die Reaktion ist Lachen. Ob er sich deswegen bewußt ist, oder nicht, das ist eine andere Geschichte. Auf jeden Fall ist es nicht so, dass ich Menschen zeige, die man auslachen soll, sondern ich zeige Szenen, die mitunter lustig sind. Weil man natürlich ja im Leben auch manches nur bewältigen kann, indem man darüber lacht.
Die Frage ist natürlich auch, in welchem Zusammenhang man einen Film sieht. Mir stellt sich bei Ihrem Film die Frage: Lachen da die Leute nicht über die "Unterschicht", das Prekariat - nennen wir es mal so -, also über das, was sie nicht sind. Ist das nicht ein Lachen, das sich erhebt über die anderen, das sich distanziert. Ist das, verschärft gesagt, ein ausbeutendes Lachen? Wenn dem so wäre, vermute ich, dass Ihnen das nicht angenehm sein dürfte.
Ulrich Seidl: Das kommt vor, immer wieder, das weiß ich. Und diese Leute, die sich darüber erheben, sind dann oft auch die Gegner meiner Filme. Weil sie auf der anderen Seite dann so eine moralische Schutzhaltung einnehmen, für die Darsteller, die sie zwar auslachen, aber von denen sie finden, dass die nicht verstanden haben, was mit ihnen passiert. Und dann kommen die Vorwürfe an mich. Ich stelle immer wieder fest, dass viele Leute das Milieu persönlich gar nicht kennen, das hier dargestellt wird, dass sie aber darüber urteilen. Dass sie urteilen über jemanden, der sich so und so gibt oder zeigt. Ich weiß aber auch, dass es genau so ist, und das derjenige, der das so darstellt, damit aber auch gar kein Problem hat. Weil es so ist. Und weil er selber weiß, dass es so ist.
Ihr Figuren erzählen in Ihren Filmen auch etwas über ihr eigenes Leben?
Ulrich Seidl: Auch. Ja. Ja. Aber ganz egal, ob das Schauspieler sind, oder nicht Schauspieler. Auch bei den Schauspielern versuche ich in die Rolle das einzubringen, was jemand auch ist.

Sittenbilder unserer Zeit

Wie stellen Sie eigentlich sicher, dass Sie ihre Figuren, ohne dass Sie es wollen, dann doch ausstellen und ausbeuten, preisgeben?
Ulrich Seidl: Also, ich glaube, dass ich lange genug Filme mache und lange genug Erfahrung habe - das hat aber auch gar nix mit meinem Beruf zu tun. Das hat eigentlich damit zu tun, wie ich als Mensch bin -, dass ich das Richtige mache. Letztendlich würden diese Filme auch nicht diese Wege machen und nicht diesen Erfolg haben, wenn es anders wäre. Weil das wäre anders einfach zu billig und zu kurzfristig.
Wenn jemand diesen Film und "Hundstage" und darin zum Beispiel die Sexszenen als Pornos konsumieren würde - hätte er dann Unrecht? Dürfte er das? Wäre das furchtbar für Sie, oder im Bereich des Zulässigen?
Ulrich Seidl: Ich glaube, die Szenen, die Sie angesprochen haben, sind ja keine Szenen, die man lustvoll schaut. Ich glaube ja, dass man darin vielleicht gebeutelt wird, weil die Szenen demaskierend sind. Sie zeigen etwas, worauf wir vielleicht gerne unser Augenmerk hinrichten, weil uns das anzieht. Aber im selben Moment wird man auch zurückgestoßen. Wenn's das nicht wäre, dann würde der Film so nicht bestehen können.
Sie zeigen Demütigung und Ausbeutung. Es gibt die Vorwürfe, dass ihre Filme zu sehr teilnähmen an diesen Akten der Demütigung...
Ulrich Seidl: Vielleicht haben manche Zuschauer Schwierigkeiten damit, dass ich keine Moral vorgebe, die so etwas verurteilt. Ich zeige die Dinge, wie sie sind und wie ich sie sehe, und im Spiegel dieser Dinge - wie gewalttätig und exzessiv sie auch sind - sollte der Zuschauer seine eigenen Abgründe entdecken. Auch wenn er dieses Milieu nicht kennt. Ich denke: das sind Sittenbilder unserer Zeit, unserer Gesellschaft. Was ich nicht tue: von Außen aburteilen.

Beschreibung des Österreichischen

Sie haben einmal gesagt: "Wenn ich mich jemandem nahe fühle in Österreich, dann ist das Thomas Bernhard." Worin fühlen Sie sich ihm nahe?
Ulrich Seidl: In seiner Beschreibung des Österreichischen, seiner Authentizität, vor allem in seinem Humor. Thomas Bernhard hat sehr viel Humor, obwohl er beängstigende Dinge beschreibt, und das sehe ich bei meinen Filmen auch ein wenig so.
Haben Sie filmische Vorbilder?
Ulrich Seidl: Stilistisch nicht. Werner Herzogs frühe Filme waren mir sehr wichtig. Auch Bunuel.
Ihre Zusammenarbeit mit Gus Van Sant-Kameramann Ed Lachman ist neu. Was hat Sie daran gereizt, ihn zu wählen?
Ulrich Seidl: Mich hat daran gereizt, ihn zu wählen als einen Menschen, der viel Erfahrung gesammelt hat in seinem Leben als Kameramann. Weil er ja auch mit europäischen Größen zunächst gearbeitet hat, mit Wenders, Herzog und dann mit einer ganzen Reihe von amerikanischen sogenannten Independent-Filmen. Und ich habe gedacht: Natürlich interessiert mich das, was der kann und mit einbringen kann.

Figuren finden

Wenn Sie sagen, Sie "finden" eine Figur… Ich weiß, dass Sie auch Recherchen machen, dass Sie durch Nachtlokale, durch Orte gehen, die man dann auch im Film sieht - angefangen von der Disco, bis hin zu Krankenhäusern. Was heißt: "die Figur finden"? Es ist ja kein Casting im regulären Sinn, wie das meistens die Filmindustrie macht. Oder doch?
Ulrich Seidl: Irgendwie doch. Das würde mich überfordern. Ich hätte auch gar nicht die Zeit, alleine unterwegs zu sein, und Leute zu finden. Für "Import/Export" haben wir 1500 Leute gecastet. Das bedarf natürlich einiger Mitarbeiter. Und es ist so, dass ich mich in den Casting-Prozess erst ein wenig später einschalte. Die Basis schaffen Mitarbeiter von mir. Also es werden Leute auf der Straße angesprochen zum Beispiel. Oder man sucht in dem Milieu, wo man vermutet, dass man die Leute finden wird, Lehrlingsheime oder Schulen, oder Szenekneipen, oder was auch immer.
Und bei Pauli war das eben die Straße. Und ich beschäftige mich dann mit einer Auswahl von Leuten, die ich immer wieder sehe, mit denen was probiere oder einfach mit ihnen Dinge unternehme, um sie kennenzulernen, und um überhaupt herauszufinden, ob wir zusammenfinden. Und das letztendlich natürlich auch der andere Teil, also der Schauspieler auch mitbekommt, worauf ich hinauswill.

Tot, tot

In der Geriatriestation lernt Olga die uralten, oft genug debilen und inkontinenten oder anderweitig gestörten Menschen näher kennen. Einer der Männer sagt ihr, er wolle mit ihr zu sich nach Hause ziehen und sie heiraten. Sie tanzt mit ihm. Als sie am nächsten Tag wieder zur Arbeit kommt, ist er gestorben. Olga bekreuzigt sich. Zugleich hat sie Ärger mit der Krankenschwester, die in ihr eine Konkurrentin um die Gunst des feschen blonden Pflegers sieht. Bei der Faschingsfeier, bei der die Alten zumeist apathisch, aber bunt geschminkt herumsitzen und ein Musiker das Lied singt - "Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist." -, eskaliert die Situation. Der Pfleger tanzt mit Olga, die Krankenschwester versucht sie zu verprügeln, aber erfolglos. Olga ist stärker. In der letzten Szene sehen wir den Schlafsaal der Alten. Nicht alle können schlafen, "es stinkt" krächzt eine Alte, und dann die letzten Worte des Films: "Tot, tot." (Rüdiger Suchsland)
Anzeige