Selber schuld: Arm, kränker und früher Tod

Sozioökonomische Bedingungen stehen hinter Unterschieden in der Lebenserwartung von bis zu 10 Jahren, die Bundesregierung sieht Chancengleichheit lediglich durch Prävention

Es ist seit langem bekannt, dass ärmere Menschen schneller sterben, also eine kürzere Lebenserwartung haben. Wer das Glück hat, Eltern aus einer reicheren Schicht zu haben und entsprechend in "besseren" Wohngegenden aufzuwachsen, lebt länger. Der Unterschied kann 10 Jahre und mehr betragen. Verwunderlich ist, dass deswegen die Menschen, deren Lebenserwartung aufgrund der sozioökonomischen Schicht, der sie angehören, deutlich kürzer ist, nicht mehr aufbegehren. Schließlich ist dies Folge einer ungerechten Vermögensverteilung, die nicht Gott gegeben ist, sondern nur durch Ideologien und Interessen aufrechterhalten wird.

Die Linksfraktion hat die Bundesregierung gefragt, worauf sie die "signifikant niedrigeren Lebenserwartungswerte gerade für Männer in struktur- und einkommensschwachen Regionen" zurückführt. Die Antwort der Bundesregierung kam von der CDU-Abgeordneten Ingrid Fischbach, Staatssekretärin beim Gesundheitsministerium. Sie ist aufschlussreich für die Politik, wie die Bundesregierung mit der weiter aufklaffenden Ungleichheit in Deutschland umgehen will.

Die Linksfraktion beruft sich in Ihrer Anfrage auf den Bericht "Gesundheit in Deutschland" vom Robert Koch Institut und der Statistikbehörde Statis, der als Gesundheitsberichterstattung des Bunds gilt. Gesundheitsminister Hermann Gröhe sieht vor allem "erfreuliche Entwicklungen", die belegt würden: "So zeigt ein Vergleich mit den beiden Vorgängerberichten aus den Jahren 1998 und 2006, dass es kaum noch Unterschiede in der Gesundheit, dem Gesundheitsverhalten und der Gesundheitsversorgung zwischen den alten und neuen Ländern gibt. Heute - 25 Jahre nach der Wiedervereinigung - ist die Lebenserwartung in unserem Land nahezu gleich hoch."

Dass die Lebenserwartung in Deutschland gleich hoch ist, stimmt nicht. Zwar sind die Unterschiede zwischen Ost und West deutlich geringer geworden, aber Gröhe setzt sich über eine wesentliche Aussage des Berichts hinweg, nämlich dass auch in Deutschland "Gesundheitschancen und Krankheitsrisiken sozial ungleich verteilt" sind: "Für eine Vielzahl chronischer Krankheiten gilt: Je niedriger der sozioökonomische Status, desto höher ist das Erkrankungsrisiko." Das höhere Krankheitsrisiko etwa für Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes, aber auch für psychische Krankheiten wie Depression und der allgemein schlechtere Gesundheitszustand sind nicht nur eine Beeinträchtigung der Lebensqualität gegenüber den Menschen aus den wohlhabenderen Schichten, wer das Pech hat, in eine ärmere sozioökonomische Schicht hineingeboren zu sein, wird noch einmal bestraft, weil er auch früher stirbt.

Die Unterschiede in der Lebenserwartung sind erheblich, wobei nach dem Bericht "bereits im Kindes- und Jugendalter die gesundheitliche Entwicklung mit der sozialen Herkunft assoziiert" ist. Zumindest werden die Kinder hier selbst unverschuldet "Entwicklungsrisiken" ausgesetzt, worunter "ungesunde Ernährung, Übergewicht oder Verhaltensauffälligkeiten" gerechnet werden, von denen Kinder aus höheren sozioökonomischen Schichten eher verschont werden. Kinder und Jugendliche mit niedrigem Sozialstatus bewegen sich weniger, sind weniger sportlich aktiv und verbringen mehr Zeit mit der Nutzung elektronische Medien.