Selbständige Geringverdiener

Immer mehr Einzelkämpfer auf dem deregulierten Arbeitsmarkt

Lohndumping und befristete Beschäftigungsverhältnisse sind die sichtbarsten Folgen des über Jahre flexibilisierten Arbeitsmarkts. Doch wer sein berufliches Schicksal selbst in die Hand nimmt, ist unter Umständen nicht besser dran. Rund ein Drittel der sogenannten Solo-Selbständigen, die mittlerweile gut 57 Prozent aller Selbständigen in Deutschland stellen, verdient nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) genauso wenig wie Arbeitnehmer, die im Niedriglohnbereich beschäftigt sind.

Solo-Selbständige tragen keine Kosten für eigene Mitarbeiter und bei gut 10 Prozent ist der erzielte Verdienst auch eher Teil einen größeren Haushaltseinkommens. Die überwältigende Mehrheit muss allerdings von ihren Einkünften leben, Investitionen tätigen oder Rücklagen für die Altersvorsorge bilden.

Diese Aufgabe wird nach Einschätzung von Karl Brenke immer schwieriger. Der wissenschaftliche Referent beim Vorstand des DIW hat Daten der europäischen Statistikbehörde Eurostat und des Sozio-oekonomischen Panels ausgewertet und dabei zunächst festgestellt, dass die Anzahl der Solo-Selbständigen rasant gestiegen ist. Im Jahr 2000 versuchten 1,8 Millionen Menschen, ihre Geschäftsidee allein in die Tat umzusetzen. 2011 waren es 2,6 Millionen. Der Anstieg von 40 Prozent lag deutlich über dem Zuwachs im Bereich der abhängig Beschäftigten (+ 5 Prozent). Die jeweiligen Motive ließen sich zumeist klar voneinander unterscheiden.

Die eine, größere Gruppe verfolgte vorrangig Ziele, die üblicherweise mit Selbständigkeit verbunden werden: die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, die Umsetzung eigener Ideen oder ein höheres Einkommen. Bei der anderen Gruppe standen Arbeitslosigkeit, fehlende Beschäftigungsalternativen oder Probleme am vorherigen Arbeitsplatz im Vordergrund - also eher eine Notlage.

DIW-Studie Solo-Selbständige

Für einen Teil hat sich der Schritt gelohnt. Die oberen 10 Prozent der Solo-Selbstständigen erzielten bei einer Vollzeitbeschäftigung ein monatliches Bruttoerwerbseinkommen von durchschnittlich 5.000 Euro - ebenso wie die oberen 10 Prozent der Arbeitnehmer. Doch das untere Viertel kam im Durchschnitt nur auf 1.550 Euro (Arbeitnehmer: 2.000) und auch beim Medianwert lagen die Bruttoerwerbseinkommen der Solo-Selbständigen (2.500) unter denen der Arbeitnehmer (2.700). Den Durchschnittsverdienst der Solo-Selbstständigen beziffert Brenke auf 12,70 Euro, doch mehrere hunderttausend Personen verdienen offenbar deutlich weniger. Die Zusammensetzung dieser Gruppe ist aus Untersuchungen zum Themenkreis Geringverdiener und Billiglöhne bekannt.

Solo-Selbständige, die dem Niedrigeinkommenssektor zuzurechnen sind, finden sich häufiger unter Frauen als unter Männern, mehr bei Teilzeit- als bei Vollzeitkräften und besonders oft in Ostdeutschland. Bezieher niedriger Erwerbseinkommen sind zudem häufig Personen ohne Berufsausbildung oder solche, die eine einfache Tätigkeit ausüben. Ähnlich sind die Strukturen bei den Arbeitnehmern im Niedriglohnsektor.

DIW-Studie Solo-Selbständige

Dass die Selbständigkeit in vielen Fällen nicht zu einem angemessenen Verdienst führt, zeigt sich auch an der Sparquote. Knapp die Hälfte der Solo-Selbständigen bildet vom Monatseinkommen keinerlei Rücklagen.

Eine im Dezember veröffentlichte Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) liefert weitere Indizien. Demnach ist die Anzahl der Selbständigen, die trotz ihrer Berufstätigkeit Arbeitslosengeld II beziehen, in den letzten Jahren signifikant gestiegen. 2007 lag sie bei 72.000, 2011 bei 127.000. Drei Viertel von ihnen verfügen nach Berechnungen des IAB über ein Einkommen von maximal 400 Euro. Da die Zahl der erwerbstätigen Arbeitslosengeld-II-Empfänger auf gut 1,3 Millionen geschätzt wird, liegt die "Selbständigen-Quote" in diesem Bereich also bei knapp 10 Prozent.

Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit, glaubt, dass bei einigen Empfängern die Grundsicherung "zum Geschäftsmodell gehört". Eine differenzierte Betrachtung der Berufsbilder, die durch die DIW-Studie möglich wird, lässt allerdings auch andere Rückschlüsse zu. Hier wird konstatiert, dass das Qualifikationsniveau der in Deutschland aktiven Solo-Selbständigen weit über dem europäischen Durchschnitt liegt - der Akademikeranteil beträgt beispielsweise 44 Prozent (EU-Durchschnitt: 27 Prozent).

Der sprunghafte Anstieg wurde nun offenbar durch "Ausbauberufe, Lehrer und Dozenten, Künstler, Steuer- und Wirtschaftsberater, IT-Kräfte, Kosmetiker(-innen) und Reinigungsberufe" realisiert. Außerdem spielten Auslangerungen eine wichtige Rolle - in der Grauzone, in der die Bezeichnung "Selbständige" auch für Personen gilt, die im Grunde nur für einen Auftraggeber tätig sind und diesem helfen, Personalkosten und Sozialabgaben zu sparen.

Auffallend ist (...) ein starker Zuwachs an Hausmeistern unter den Solo-Selbständigen. Anzunehmen ist, dass dies weniger an einer Ausweitung des zu betreuenden Gebäudebestandes liegt, als vielmehr daran, dass Immobilienbesitzer solche Funktionen an Selbständige auslagerten.

DIW-Studie Solo-Selbständige

Es kann sicher nicht schaden, an dieser Stelle genauer zu untersuchen, ob die Aufstockung durch Hartz-IV-Bezüge tatsächlich zum Geschäftsmodell der Selbständigen oder zur gängigen Praxis ihrer Auftraggeber gehört.

Hier werden bestimmte Funktionen ausgelagert und in die Selbständigkeit übertragen. Das ist keine Modernisierung, sondern eine Segmentierung des Arbeitsmarktes, die nicht nur positive Züge hat, vor allem wenn ich mir die Einkommenssituation und die Entwicklung im Zeitverlauf ansehe.

Karl Brenke

Der Anstieg der Solo-Selbständigen hat neben den genannten persönlichen Motiven seine Ursachen in der Liberalisierung des Handwerksrechts und auch in der Osterweiterung der Europäischen Union. Doch die deutsche Arbeitsmarktpolitik trug ebenfalls maßgeblich zu dieser Entwicklung bei. Für Wirtschaftsvertreter steht ohnehin außerfrage, dass Selbständige unter anderem als politisch gewollte "Leistungsträger in unserer zunehmend auf flexiblen Arbeitszeitmodellen basierenden Gesellschaft" betrachtet werden können.

Die DIW-Studie sieht eine massive Beeinflussung durch phasenweise Subventionen, und eine weitere, ebenfalls im Dezember publizierte Untersuchung des IAB konstatiert eine augenfällige Korrelation "der zunehmenden Solo-Selbstständigkeit mit der immer intensiveren Förderung von Existenzgründungen aus Arbeitslosigkeit". Dazu zählen die Autoren das Überbrückungsgeld (1986 bis 2006), die Ich-AG (2003 bis 2006) und den ab Mitte 2006 gewährten Gründungszuschuss.

Tatsächlich startete bis Ende des Jahres 2011 ein erheblicher Teil der neuen Selbstständigen aus der Arbeitslosigkeit und wurde dabei mit Mitteln der Bundesagentur für Arbeit (BA) unterstützt. Die Kehrseite dieser - vor allem durch "Unemployment Push" motivierten - Gründungen ist, dass sie überwiegend mit wenig Startkapital getätigt wurden und oftmals eine vergleichsweise geringe wirtschaftliche Dynamik aufweisen.

IAB-Kurzbericht 23/2012

Das DIW erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass bis Ende 2004 oft "kein geprüftes Unternehmenskonzept" vorgelegt werden musste. Die Fördergelder flossen trotzdem - um den Betroffenen einen Weg aus der Arbeitslosigkeit oder einen Weg aus der Arbeitslosenstatistik aufzuzeigen.

Der Traum von Unabhängigkeit, Flexibilität und hohem Einkommen ist für viele Solo-Selbständige schnell ausgeträumt. Dem immensen Beschäftigungswachstum stehen ernüchternde Verdienste entgegen - insofern ist es womöglich positiv zu werten, dass Deutschland mit einer Selbständigenquote von 11,7 Prozent im unteren europäischen Mittelfeld rangiert.

In den fünf "bestplatzierten" Ländern Griechenland (36,5), Rumänien (32,7), Italien (24,9), Polen (22,6) und Portugal (21,1) liegt der Anteil der Solo-Selbständigen bei weit über 70 Prozent - und fast alle Volkswirtschaften haben mit erheblichen Problemen zu kämpfen.

Trotzdem bieten die neuesten Untersuchungen reichlich Anlass, über die Struktur des deutschen Arbeitsmarkts und die politischen Rahmenbedingungen nachzudenken. Es geht nicht nur darum, dass sich hierzulande der Billiglohnsektor auch noch unter dem Deckmantel der Selbständigkeit verbreitet. Sondern überdies um die Schwierigkeit, unter den gegebenen Umständen eine verlässliche, nachhaltige Entwicklung mit Impulsen, Innovationen und Perspektiven einzuleiten.

"Eine Solo-Selbständigkeit ist häufig nur eine vorübergehende Beschäftigungsform", konstatiert die DIW-Studie. Der Fünf-Jahres-Vergleich zeigt: Bei 56 Prozent der Menschen, die 2006 eine eigenständige Tätigkeit ohne Beschäftigte ausübten, hatte sich bis 2011 nichts am beruflichen Status geändert. 21 Prozent waren wieder in einer abhängigen Beschäftigung, weitere 14 Prozent arbeitslos, nicht erwerbstätig oder im Ruhestand. Nur 9 Prozent beschäftigten mittlerweile ihrerseits neue Mitarbeiter.

Vom Sprung in die Gruppe der "Selbständigen mit Arbeitnehmern" hängt allerdings nicht selten auch die Höhe des Verdienstes ab. Hier erzielten die oberen 10 Prozent bei einer Vollzeitbeschäftigung ein monatliches Bruttoerwerbseinkommen von durchschnittlich 10.000 Euro.

Mehr Personen gehen indes aus der Selbständigkeit wieder heraus und werden selbst Arbeitnehmer. Das sind Indizien dafür, dass es mit der Solo-Selbständigkeit nicht geklappt hat, beziehungsweise dass möglicherweise die Einkommen aus der Selbständigkeit zu gering sind.

Karl Brenke

(Thorsten Stegemann)

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