Selbstgemachter Fachkräftemangel

Bild: Michal Jarmoluk/Pixabay

Die Wirtschaftspolitik muss anders ausgerichtet werden. Sie bremst den Anstieg der Facharbeiterlöhne. Wer kann, geht. Gutausgebildete bleiben fern. Gastbeitrag

Obwohl die deutsche Wirtschaft die Corona-Krise noch längst nicht überwunden hat und die Wirtschaftsleistung weit unter dem Vorkrisenniveau liegt, fehlen inzwischen Fach- und Arbeitskräfte in allen Branchen. Vor einem "Versorgungskollaps" ähnlich wie in Großbritannien warnt Dirk Engelhardt vom Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung.1

Ärztepräsident Klaus Reinhardt prognostiziert den Kollaps des Gesundheitssystems, wenn der Fachkräftemangel nicht behoben wird. Schon heute fehlen 200.000 Pflegekräfte in Deutschland, bis 2030 sollen es sogar 500.000 sein.

Die Lage in Industrie, Handwerk und Dienstleistungsbereichen wird immer schwieriger und so könnte der Fachkräftemangel sogar zu einem entscheidenden Hemmschuh zur Überwindung der Corona-Krise werden. Schon jetzt gelingt es vielen Unternehmen wegen des Fachkräftemangels nicht, vorhandene Aufträge abzuarbeiten.

Viele Experten sehen fälschlicherweise in der demographischen Alterung den Hauptgrund für den schon heute akuten Fachkräftemangel, denn sie wird sich erst ab Mitte des Jahrzehnts spürbar auf den Arbeitsmarkt auswirken. Erst dann geht die Babyboomer-Generation in Rente.

Dann jedoch werde die Demographie ihre Wirkung entfalten und den Fachkräftemangel drastisch zuspitzen, so eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey. Allein im Öffentlichen Dienst werde bis 2030 jeder Dritte in den Ruhestand wechseln.

Produktivitätskrise

Der in vielen Branchen schon heute akute und voraussichtlich weiter zunehmende Fachkräftemangel hatte sich bereits vor der Corona-Pandemie gezeigt. Er ist weder auf eine vermeintlich gut laufende Konjunktur zurückzuführen, denn die Wirtschaft steckt wegen Lieferkettenproblemen fest, noch sind demografische Effekte ausschlaggebend.

Es klingt paradox, aber die zentrale Ursache dieses Fachkräftemangels ist nach Auffassung des Autors ein schleichender wirtschaftlicher Niedergang, der in Deutschland seit Jahrzehnten die Entwicklung der Arbeitsproduktivität immer mehr lähmt. Von 2011 bis 2020 ist die pro Erwerbstätigenstunde in Deutschland erzeugte Wertschöpfung nur noch um etwa 0,6 Prozent pro Jahr gestiegen. Die Industrie hat in diesem Zeitraum überhaupt keinen Produktivitätsfortschritt mehr erreicht.2

Diese Stagnation der Arbeitsproduktivität ist der Schlüssel zum Verständnis des heutigen Fachkräftemangels. Denn bei mehr oder minder stagnierender Produktivität bewirkt sogar minimales Wachstum einen steigenden Fach- und Arbeitskräftebedarf. So ist die deutsche Wirtschaft zwar schon seit Anfang der 1990er-Jahre kaum noch gewachsen.

Durchschnittlich beträgt das Wirtschaftswachstum nur noch etwa 1,2 Prozent pro Jahr. Seit der Finanzkrise 2008 hat jedoch eine Trendumkehr bei der Arbeitsproduktivitätsentwicklung eingesetzt, denn seitdem wächst sie sogar noch schwächer als die Wirtschaft. Infolge dieser Stagnation saugen die Unternehmen Fach- und Arbeitskräfte auf wie ein Schwamm.

Obwohl also die wirtschaftliche Stagnation die Ursache für den Beschäftigungsanstieg ist, wurde er bis zur Corona-Krise als "Jobwunder" hochgejubelt.

Das "Jobwunder" hat zudem einen faden Beigeschmack: Denn im Zeitraum von 2006 bis 2016 entstanden zwar fünf Millionen sozialversicherungspflichtige Jobs in Deutschland. Der Löwenanteil dieser Jobs entfällt jedoch auf solche Dienstleistungsbereiche, die sich traditionell durch ein unterdurchschnittliches Lohn- und Gehaltsniveau auszeichnen.3

Auch das allgemeine Lohnniveau stagniert. Seit Mitte der 1990er Jahre sind die Reallöhne in Deutschland durchschnittlich um nur etwa ein halbes Prozent jährlich angestiegen.4 Besonders problematisch ist die Entwicklung beim am geringsten entlohnten Drittel der Beschäftigten. Im Jahr 2015 lagen dessen realen Stundenlöhne sogar niedriger als 20 Jahre zuvor.5

Nicht nur der entstandene Fachkräftemangel, sondern auch diese schwache Reallohnentwicklung ist eine Folge des nur noch geringen Produktivitätsfortschritts. Denn Reallohnsteigerungen sind langfristig nur möglich, wenn es gesamtgesellschaftlich gelingt, eine größere Masse an Waren und Dienstleistungen in der gleichen Arbeitszeit zu erzeugen.

Talentflucht

Der in Deutschland nur noch dürftige Reallohn- und Wohlstandzuwachs hat den Arbeitsmarkt für gut ausgebildete Fachkräfte unattraktiv werden lassen. Für weniger gut ausgebildete Zuwanderer, die in den letzten Jahren zunehmend aus Nicht-EU-Ländern nach Deutschland zuwandern, hat der hiesige Arbeitsmarkt sicherlich eine gewisse Attraktivität, denn der in Jahrzehnten immer weiter ausgebaute Niedriglohnbereich bietet Einstiegsmöglichkeiten.

Prägendes Merkmal des deutschen Arbeitsmarktes sind das für die große Masse der Beschäftigten niedrige Lohn- und Gehaltsniveau sowie der verbreitete technologische Stillstand, der viele Fachkräfte ins Ausland treibt. Vor allem gut qualifizierte Fachkräfte wandern aus, fast drei Viertel von ihnen haben ein Studium abgeschlossen. Seit 1991 wanderten im jährlichen Durchschnitt etwa 24.000 Deutsche im Saldo aus, insgesamt also bald eine knappe Million eher hochqualifizierter Fachkräfte.

Dass es in Deutschland so gekommen ist und so weitergeht, ist keine Naturnotwendigkeit, sondern eine Folge wirtschaftspolitischen Handelns. Denn schon seit Jahrzehnten hat die deutsche Wirtschaftspolitik die Fähigkeit der Unternehmen, den technologischen Wandel zu beschleunigen, konsequent unterminiert, wie ich in meinem Buch "Die Zombiewirtschaft" zeige.

Seit den 1970er-Jahren haben nach Auffassung des Autors keynesianisch wie auch liberal ausgerichtete Ansätze den wirtschaftlichen Niedergang verwaltet, statt ihn zu bremsen, indem man jederzeit auf Krisenvermeidung und wirtschaftliche Stabilisierung setzt und so verhindert, dass wettbewerbsschwache Unternehmen aus dem Markt ausscheiden können.

Durch wirtschaftspolitische Interventionen hat sich eine immer offensichtlicher werdende wirtschaftliche Depression sogar verfestigt. Es ist eine "Zombiewirtschaft" entstanden, in der es der großen Masse der Unternehmen nicht mehr gelingt, die Arbeitsproduktivität und den gesellschaftlichen Wohlstand im Interesse der erwerbstätigen Massen zu steigern.

Aus Angst vor den wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen, die mit dem Ausscheiden der unprofitabelsten und die Entwicklung der Arbeitsproduktivität hemmenden Unternehmen verbunden sind, hält der Staat jederzeit seine schützende Hand über diese "Zombiewirtschaft". Daher setzen staatliche Institutionen inzwischen sogar alle Hebel in Bewegung, um zu verhindern, dass der Facharbeitermangel die Kraft für einen breiten Reallohnanstieg entfaltet.

Löhne niedrig halten

In den aktuellen Tarifauseinandersetzungen wirken die staatlichen Arbeitgeber trotz der stark angestiegenen Inflation, die inzwischen sogar nach Aussagen aus der EZB noch mindestens bis ins nächste Jahr andauern wird, auf niedrige Tarifabschlüsse hin. Das zeigte sich in dem hart umkämpften Tarifabschluss der Bahngewerkschaft GdL, der den Beschäftigten dennoch einen drastischen Reallohnverlust beschert.

Denn innerhalb der Laufzeit des Tarifvertrags wird der Kaufkraftverlust der Bahner absehbar einen mittleren einstelligen Prozentsatz betragen. Das gleiche Bild zeigen die aktuellen Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst. Der nun erreichte Tarifabschluss in Hessen, der Pilotcharakter haben dürfte, bringt den Beschäftigten einen Lohnzuwachs von nur 4 Prozent mit einer Laufzeit von zweieinhalb Jahren.6

Dem Staat geht es darum, die Tariflöhne für einen großen Teil der Beschäftigten niedrig zu halten, um keinen Lohnanstieg in anderen Wirtschaftsbereichen auszulösen. Das blockiert zwar die Produktivitätsentwicklung, denn wenn die Unternehmen von niedrigen Löhnen profitieren, stehen sie nicht unter dem Druck wettbewerbssteigernde Technologien einzuführen.

Mit der Aufrechterhaltung eines niedrigen Lohn- und Gehaltsniveaus wird darauf abgezielt, unprofitable und wirtschaftlich schwache Unternehmen auch weiterhin mitzuschleppen. Denn wenn das Lohnniveau niedrig bleibt, wird es ihnen ermöglicht, die Lohnkosten trotz steigendem Fachkräftemangel niedrig zu halten oder sogar zu senken.

Andernfalls könnten sie die steigenden Löhne vielleicht nicht zahlen und müssten Betriebsteile aufgeben. Zur wirtschaftlichen Stabilisierung der "Zombiewirtschaft" wird daher sogar ein sinkendes Reallohnniveau billigend in Kauf genommen beziehungsweise sogar durchgesetzt.

Aktive Schützenhilfe wird mit der Behauptung geleistet, dass hohe Lohnabschlüsse eine drohende Lohn-Preis-Spirale mit ausufernder Inflation auslösen könnten. In Anbetracht dieser staatlichen Lohnpolitik, die Reallohnsteigerungen zu verhindern sucht, wirkt der immer wieder zum Ausdruck gebrachte "Respekt" vor der Leistung der Erwerbstätigen etwa im Gesundheitswesen, wie auch Bestrebungen zur Anhebung des Mindestlohns, wie eine Verhöhnung der Erwerbstätigen.

Staatliche Institutionen tun - einschließlich Geld- und Fiskalpolitik - wirklich alles, um die schwächsten der schwachen Unternehmen vor dem Untergang zu bewahren und schützen damit objektiv ganz einseitig die Interessen der Vermögenden, deren Kapital in diesen Unternehmen steckt. Die mit ganz langem Atem verfolgte Rettung der "Zombiewirtschaft" wird in der Öffentlichkeit dennoch als sehr erfolgreiche Strategie im Interesse der Arbeitnehmer zur Sicherung von Arbeitsplätzen verkauft.

Tatsächlich unterhöhlt sie jedoch die technologische Entwicklung, das Reallohnniveau und bedroht infolge der Abwanderung von Fachkräften auch die Chancen auf zukünftigen Wohlstand. Der Facharbeitermangel ist ein Paradebeispiel für die seit Jahrzehnten verheerende Wirtschafts- und Sozialpolitik. Zu lösen sind diese Probleme erst, wenn endlich das Problem stagnierender Arbeitsproduktivität in das Zentrum der Wirtschafts- und Sozialpolitik gerückt wird.

Mehr von Alexander Horn lesen Sie in seinem aktuellen Buch "Die Zombiewirtschaft - Warum die Politik Innovation behindert und die Unternehmen in Deutschland zu Wohlstandsbremsen geworden sind" mit Beiträgen von Michael von Prollius und Phil Mullan.