Selbstkritik unter Muslimen?

Trotz sich häufender Einzelinitiativen läßt die breite innerarabische Debatte noch auf sich warten, aber der Trend zum "Stop-Islamismus" in der Region ist eingeleitet

Ob vom Jahr 2005 n. Chr. oder 1426 n.d. Hijra aus betrachtet: Der Nahe Osten fällt durch Rückwärtsgewandtheit auf. Araber erklären dies fast ausschließlich mit den (unbestreitbaren) imperialistischen Verbrechen, die der Westen an ihnen beging und begeht. Das eigene Zutun bleibt ausgeblendet. Bei näherem Hinhören wird jedoch eine selbstkritische Tendenz laut, die weit mehr durch Bin Ladens Terror als durch Bushs Feldzug beflügelt scheint.

Die Flut von Enthauptungsvideos, die weltweiten Anschläge - und nicht zuletzt der selbst durchlebte Gesellschaftsentwurf der Taliban haben zweifelsohne ein Umdenken unter Muslimen wenn schon nicht entfacht, so doch beschleunigt. Rechtfertigten zahlreiche Fatwas den 11. September noch als Strafgericht, lautet der Tenor nach Madrid und Beslan vielfach: "Wir sind die Schlimmsten von allen". Gefordert wird ein Ende militanter Religiosität und der Schulterschluss mit einer politisch-demokratischen Praxis. Eine Neuorientierung, die Gilles Kepel und Olivier Roy bereits vor dem 11. September als "Post-Islamismus" ausmachten.

Doch so "post" ist der Ruf "Zurück zum Islam" nicht. Zum einen, weil die islamistische Gefahr zumindest gegenwärtig noch präsent ist. Zum anderen, weil die Abwendung vom Islamismus und die Hinwendung zur Politik die Religion an sich keineswegs ausklammert. Im Gegenteil: Vielen erscheint eine Modernisierung des politischen Denkens nur unter Einschluss islamischer Reformen möglich. Statt simpler Losungen wird zunehmend differenziert: "Zurück zu welchem Islam?" Oder in den Worten des libanesischen Politberaters und Generalsekretärs des christlich-muslimischen Dialog-Komitees Muhammad al-Sammak: "Wo hört der Islam auf und wo fangen die Muslime an?"

Gerade nach der radikalen - und keineswegs verebbten - pro-Scharia-Welle herrscht das Bedürfnis, die Religion zu konsolidieren. Der Koran soll vom Filz seiner Traditionen und Missinterpretationen befreit werden. Ins Kreuzfeuer der Kritik geraten vor allem die Fatwas. So verweist al-Sammak auf die Neuorientierung der von saudi-arabischen Religionsführern dominierten islamischen Liga: Statt wie gehabt Rechtsgutachten ohne Fachkenntnisse zu verstreuen, wurde nun ein Gremium eingerichtet, das neben Wirtschaftsexperten und Medizinern unter anderem staatlich geprüfte Psychologen umfasst. Auch in der Al-Azhar-Universität beobachtet al-Sammak Anzeichen für ein selbstkritischeres Vorgehen: Wenn die Nummer Eins des Islam-Establishments ihre auf falschen Korandeutungen basierende Verurteilung von Bankzinsen öffentlich revidiere, sei dies ein klares Signal für die Rückbesinnung auf den wahren Islam. Dessen Botschaft sehe nämlich kontinuierliche Selbstkritik, nicht sture Selbstherrlichkeit vor. Wahrhaftige Muslime wie der erste Kalif, Abu Bakr Siddik, hätten diese Botschaft noch gelebt und ihre Fehler bekannt. Im Gegenzug bedeute dies, dass die sich im Besitz der alleinigen Wahrheit wähnenden Fundamentalisten die wahren Ungläubigen seien.

Dass der politisch versierte al-Sammak vor soviel Klartext nicht zurückschreckt, zeigt, wie stark die Bereitschaft zur Selbstreform und zur Absage an jeglichen Kampf der Kulturen gediehen ist. Und das nicht allein im liberaleren Libanon. So veröffentlichten am 6. Oktober 2004 Araber unterschiedlichster Herkunft ein Manifest, in dem sie den UN-Sicherheitsrat zur Errichtung eines internationalen Tribunals aufforderten, das die Urheber von Fatwas strafrechtlich verfolgt, die zu Terror im Namen Allahs aufrufen. Beispiele lieferten sie gleich mit: Ob 'fötale' Juden oder muslimische Intellektuelle - ermordet werden darf, laut diesem Koranverständnis, so ziemlich jeder Andere.

Aber auch die eigenen Leute werden mit diesem Instrument terrorisiert, wie ein Beispiel aus Ägypten zeigt: Auf die Heuschreckenplage vom vergangenen November folgte eine Fatwa, die das Ereignis als Gottesstrafe auslegte und die Bevölkerung zur Sühne aufrief, indem sie die Heuschrecken fängt und verspeist. Der Umstand, dass viele Ägypter allen Ernstes die Frage umtrieb, ob sie schlechte Muslime seien, wenn sie ihrem Ekel vor den Heuschrecken nachgeben, verdeutlicht ihre geistige Knebelung. Der syrische Koranexeget Mohammad Shahrour (vgl. Alphabet der Freiheit) ortet die Ursache in dem seit Jahrhunderten währenden Missbrauch des Korans durch die Scheichs zwecks ihres eigenen Machterhalts - und dem ihrer eigentlichen Herren, der Staatsführer. Spätestens seit der Gewaltherrschaft der Abbasiden und der seinerzeit erfolgten reaktionären Korandeutung Muhammad al-Schaffiis gehe die Religion in einem Sumpf an Verboten und Ängsten unter. Paranoia und Ignoranz der Muslime würden noch dadurch gesteigert, dass dank wechselnder Fatwas gar nicht transparent werde, was nun verboten ist und was nicht. Das Resultat seien Absurditäten wie die Heuschrecken-Fatwa oder die Reaktion der Völker auf die Einführung des Internets: Noch ehe sie fragten, wie es funktioniere, sorgten sie sich, ob es nicht im Sinne des Korans verboten sei.

Allein vor diesem Hintergrund leuchtet dem ungeduldig und verständnislos auf Selbstreform pochenden Westler ein, weshalb die Araber schier unfähig scheinen, sich aus ihrer Dauerkrise zu befreien. Denn, einmal unabhängig von der vehementen Schuld, die der Westen an ihrer Misere trägt: Unter diesen verquasten Umständen Rationalität walten lassen zu wollen, grenzt an eine Sisyphusarbeit - wie Jesuitenpater Samir Khalil Samir sie aus seiner täglichen Praxis nur zu gut kennt:

Als ich meine Studenten im islamisch-christlichen Kolleg kürzlich fragte, wer der Verfasser der Bibel bzw. des Korans sei, antworteten beide Gruppen: Gott. Auf meine Frage, warum dann im Fall der Bibel auch vom 'Matthäus-Evangelium' die Rede sei, begannen die Christen zu diskutieren: 50% stammen von Gott, 50% von Matthäus oder doch besser 100% von Gott? Ich erwiderte: Das macht 200% und funktioniert schon einmal mathematisch nicht, abgesehen davon, dass wir wirklich keinen wissenschaftlichen Beleg dafür haben, dass Gott schreiben kann. Ich habe sie mit diesem Spiel anfangs verunsichert, aber sie ließen sich darauf ein. Mit meiner muslimischen Gruppe kam ich nicht halb so weit - obgleich eine zeitliche Zuordnung vieler Suren nach linguistischen Erkenntnissen jeder Prüfung stand hält.

Vatikan-Berater Youssef el-Hage von der Notre Dame Université, Beirut sieht in der (anerzogenen) Verweigerungshaltung vieler Muslime gegenüber jeglicher Analyse den Hauptgrund für ihre zivilisatorische Unterentwicklung. Dabei wäre eine Aufarbeitung ihrer eigenen Vergangenheit, vor allem ihrer zu Glanzzeiten durchgeführten Kreuzzüge überfällig. Eine öffentliche Hinterfragung, ob diese ausschließlich religiöse oder nicht doch vorrangig wirtschaftliche und strategische Gründe gehabt hätten, brächte sie zu der Einsicht, dass der Islam keineswegs nur Opfer und "Beste aller Gemeinschaften" sei. Das wäre allein schon heilsam für ihren Umgang mit dem imperialistisch empfundenen Christentum und den orientalischen Christen. Zwar gebe es auf klerikaler wie politischer Ebene verstärkt Plädoyers für eine kritischere Selbstwahrnehmung, das Manko sei aber das Fehlen einer übergreifenden Bewegung.

In der Tat: Trotz sich häufender Einzelinitiativen fehlt (noch?) die breite innerarabische Debatte. Diese würde zwar Muslimen und generell Arabern dienen, nicht aber ihren Diktaturen, deren Bestehen zum Großteil vom Fortbestehen des Nullniveaus ihrer Untertanen abhängt. Bedenkt man noch, dass religiöse Wortführerinnen wie die Al-Azhar-Institution von Steuergeldern finanziert und Scheichs durch Staatspräsidenten einberufen werden, wird klar, auf welchem Terrain sich islamische Reformwillige bewegen: Beißen sie die Hand, die sie füttert, überantworten sie sich der Staatswillkür. Tun sie es nicht, überantworten sie ihre Thesen der Interpretationswillkür. Ein Ende des Dilemmas ist nicht in Sicht. Lediglich ein Hoffnungsschimmer, zu dem ihnen die jüngsten Entwicklungen - die Explosion des Fundamentalismus einerseits und die Explosion der US-Hegemonie andererseits - unerwartet verhalfen: Ihre Diktaturen werden angesichts der Doppelbedrohung hellhöriger und williger, ihre Anliegen ernst zu nehmen.

So geschehen in Saudi-Arabien: Im Januar 2003 adressierten sunnitische und schiitische Liberale ihr Manifest über die "Vision der Gegenwart und Zukunft des Heimatlandes" an Kronprinz Abdallah. Zu ihren Forderungen gehören gleiches Recht für alle, gleichgültig welchen konfessionellen oder tribalen Hintergrundes, Redefreiheit sowie die Schaffung eines gewählten nationalen und regionalen "Majlis al-Shura". Der Begriff "Parlament" wurde dabei ebenso streng vermieden wie jeglicher Angriff auf die Scharia. Die Gefahr, angesichts so wenig Bissfreude unterzugehen, schien vorprogrammiert. Doch bereits im Juni 2003 berief Kronprinz Abdallah die geforderte nationale Dialogkonferenz ein, in der erstmals die Religionsvertreter unterschiedlichster Konfessionen zusammenkamen. Und gegenwärtig läuft - von einer auf Palästina- und Irak-Wahlen fokussierten Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt - das Registrierungsverfahren für die ersten freien Kommunalwahlen Mitte Februar. Ca. 40.000 Saudis bemühen sich um 1.700 Sitze in 178 Gemeinderäten.

Inwiefern dieses Unterfangen ein Vorbote für saudische Demokratie ist, sei dahingestellt. Klar aber ist, dass dies in der Hochburg fundamentalistischer Modernisierungsverlierer eine harsche Kritik am und Abwendung vom Wahhabismus bedeutet. Der Trend zum "Stop-Islamismus" ist somit in der Region eingeleitet. Ob es ein tatsächlicher "ismus" wird, bleibt abzuwarten.

Kommentare lesen (48 Beiträge)
Anzeige