"Selbstverwirklichung ist Idiotismus"

Der Philosoph Norbert Bolz über den neokonservativen Zeitgeist

Stimmt es oder trügt der Eindruck, dass die intellektuell anregenden Bücher der Saison von Konservativen stammen, von Schirrmacher, Poschardt, Kirchhoff und Co.?
Norbert Bolz: Der Geist weht schon lange nicht mehr links. Sie müssen nur die Namen mit Geburtsdaten versehen, um zu bemerken, dass dieser intellektuelle Konservativismus sehr unterschiedlicher Abkunft ist. Kirchhoff ist ein Opfer der 68er; ich habe die 68er "in mir überwunden"; Schirrmacher und Poschardt genießen die Gnade der späten Geburt.
Wie kommt es, dass sich Neokonservative viel fortschrittlicher und reformbereiter zeigen als andere?
Norbert Bolz: Die Neo-Konservativen sind die Globalisierungsgewinner; da ist es nur logisch, dass sie die Verkrustungen des Nationalwohlfahrtsstaats absprengen wollen. Gerade deshalb würde ich mich nicht als neokonservativ bezeichnen. Ich hänge am rheinischen Kapitalismus, den auch jeder halbwegs vernünftige SPDler verteidigt.
Ist der überhaupt noch zu verteidigen?
Norbert Bolz: Ob der rheinische Kapitalismus überhaupt noch zu verteidigen ist, scheint mir eine empirische Frage zu sein. Wait and see. Doch wollen wir ihn verteidigen? Sicher will das der Sozialromantiker in mir, der aus einer einfachen BASF-Familie stammt, die "ihre Firma" immer als Heimat und Schutzmacht empfunden hat - heute würde man wohl sagen: als Corporate Citizen.
Ausgerechnet jene politische Linke, die vormals Modernität wie eine Monstranz vor sich hergetragen hat, trägt aber derzeit wenig dazu bei, wie die gesellschaftlichen Herausforderungen des Landes in den nächsten Jahren gemeistert werden könnten.
Norbert Bolz: Die Linken haben den Marsch durch und in die Institutionen sehr erfolgreich gestaltet. Jetzt sind sie die Chefs der großen politischen und kulturellen Institutionen - und verteidigen ihre Besitzstände. Dauerhafter Machtbesitz macht geistig träge. Die Linke hat sich vor allem in den Medien intellektuell zu Tode gesiegt - siehe "Suhrkamp Culture", die gerade zerlegt und ausgeweidet wird.
Haben Sie eine plausible Erklärung dafür, warum es zu diesem seltsamen Crossover kommt, dass Konservative das "neue Europa" repräsentieren, während die Linke es sich im alten Europa doch recht bequem gemacht hat?
Norbert Bolz: Die Linke ist gekettet an das Jahrhundertexperiment des Sozialismus. Der Zusammenbruch des Ostblocks fordert nun Schritt um Schritt seinen geistigen Tribut. Es gibt gegenwärtig keine Alternative mehr zu dem Dispositiv "Kapitalismus - Liberalismus - Demokratie". Hegel, Kojève und Fukuyama haben Recht behalten. Dagegen kann man nur noch das Ressentiment der Verlierer aktivieren - wie man das an der Partei, die sich "Die Linke" nennt, gut beobachten kann.
Andererseits scheint der Links/Rechts-Klappmechanismus vor allem in den Redaktionsstuben der Feuilletons noch überaus gut zu funktionieren. Vor allem, wenn man sich die heftigen Reaktionen vergegenwärtigt, mit denen neonkonservative Lösungsansätze bedacht werden
Norbert Bolz: "Neokonservativ" ist ein Schimpfwort der Linksintellektuellen, die spüren, dass sie sich auf den Nadir der Bedeutungslosigkeit zubewegen. Die Schmähung funktioniert aber in Deutschland immer noch sehr gut, weil die Konservativen sich schämen, konservativ zu heißen. Dabei heißt konservativ eigentlich nur: erwachsen, intelligent und erfahren. Aber die Wortpolitik der Linken hat es geschafft, in die Hirne "konservativ" als Gegensatz zu "sozial" einzubrennen. Der Weg zu einem positiven Begriff des Konservativismus ist in Deutschland noch sehr weit.
Auch Sie sind mit Ihrem "Helden-Buch" wegen Ihrer Parteinahme für die "traditionelle" Familie zum Objekt diverser Gehässigkeiten geworden. Man hat das Buch als "reaktionäres Pamphlet" bezeichnet, Sie als "seufzenden Patriarchen" tituliert und Ihnen vorgeworfen, den intellektuelle Begleit-Sound zum Eva-Prinzip geliefert zu haben.
Norbert Bolz: Dass ich Prügel für mein Buch beziehen würde, war mir klar. Allerdings habe ich die hermeneutischen Fähigkeiten der Rezensenten überschätzt. Immerhin artikuliert schon die erste Seite des Buches in aller Klarheit prinzipielle Zweifel an der Möglichkeit einer sachlichen Diskussion. Zumindest darin habe ich Recht behalten.
Bereuen Sie im Nachhinein, dass Sie der 68er-Parole gefolgt sind und das Private politisiert haben?
Norbert Bolz: Um eine berühmte Dame zu zitieren: Ich bereue nichts! Mir war von vornherein klar, dass die Rezensenten (und hier ist es wirklich einmal sinnvoll zu ergänzen: und Rezensentinnen!) exakt zur Gruppe derjenigen gehören, auf die meine Polemik zielt. Und man darf eben nicht erwarten, von der- oder demjenigen gelobt zu werden, der/dem man gerade eine Ohrfeige verpasst hat.
Sie haben irgendwo erzählt, dass die meisten Ihrer Freunde und Bekannten kinderlos sind. Eine These Ihres Buches ist, dass sich zwischen Singles und Kinderlosen auf der einen und Familien mit Kindern auf der anderen Seite längst ein kultureller Graben öffne, der stetig wachse. Wie haben denn Ihre Freunde und Bekannten auf das Heldenbuch reagiert?
Norbert Bolz: Einige Freunde und Bekannte sind post "Die Helden der Familie" keine Freunde und Bekannten mehr. Die Welt ist dadurch für meine ganze Familie sehr viel übersichtlicher geworden. Doch um der Wahrheit die Ehre zu geben: Manches Verstummen tut schon sehr weh. Ich habe daraus jedenfalls gelernt, dass die Unterscheidung Kinder/keine Kinder sehr viel wichtiger ist als die Unterscheidung Links/Rechts.
Ein Epizentrum der grassierenden Kinderlosigkeit scheinen vor allem die Redaktionsstuben der Feuilletons zu sein. Nach Aussagen von Beobachtern residiert dort ein Milieu besonders erfolgreicher Aufsteigerinnen, das sich besonders hedonistisch gibt, sich dem Gebären verweigert und Selbstverwirklichung für sich selbst einfordert. Das würde auch die Feindschaft erklären, die Sie und vor allem Eva Herman auf sich gezogen haben?
Norbert Bolz: Ja, genau so ist es. Man kann es nicht besser formulieren. Ich habe diese Erfahrung in zahlreichen Rundfunkinterviews gemacht - allesamt Interviews mit Anti-Eva-Frauen. Aber auch hier wäre es naiv, etwas anderes zu erwarten.
Kritiker haben moniert, dass Sie von der Frau die Unterordnung unter die Ordnung der Familie verlangen, und zwar zu Gunsten der Kinder. Stimmt das? Zahlen die Kinder den Preis für die Emanzipation der Frau? Wird Selbstverwirklichung auf dem Rücken der Kinder ausgetragen?
Norbert Bolz: In der Tat ist es meine These, dass die Kinder die Opfer der "Selbstverwirklichung" sind. Die Argumente, die ich hier ins Feld geführt habe, stammen übrigens von Horkheimer und Habermas - neokonservativ? Der zentrale Punkt ist die Art der Sorge. Robert Reich unterscheidet sehr schön zwischen "custodial care" und "attentive care". Für mich ist das der Unterschied von Glück und Unglück. Und mir scheint klar zu sein, dass es für verstaatlichte Kinder immer nur "custodial care" geben wird. Bei dieser Frage erreicht die Wut übrigens immer einen Spitzenwert. Auch das ist nicht erstaunlich: Eine Frau, die ihr Kind betreuen lässt, um sich selbst zu verwirklichen (ich sagen nicht: um zu arbeiten!), kann schlecht einräumen, dass es dem Kind an Liebe mangelt. Mit Sicherheit fällt dann das Wort "quality time" (übrigens auch von unserer Familienministerin) - ein typisch amerikanischer, also absurder Begriff.
Was genau jenem "Vorsorgestaat" oder "vorsorgenden Sozialstaat" (SPD) entspricht, den Foucault und seine Schüler schon vor Jahren an die Wand gemalt haben.
Norbert Bolz: Foucault in allen Ehren - aber diese kritische Beobachtung ist natürlich schon viel älter. Im Grunde können Sie die Kritik des fürsorglichen Staates bis zu Tocqueville zurückverfolgen. Und in dieser Frage sind die Studien von Ernst Forsthoff, Helmut Schelsky und Arnold Gehlen sicher aufschlussreicher als die Sozialarchäologie Foucaults.
Männer kommen in Ihrem Buch nur am Ende vor, wo es um "Asyle der Männlichkeit" geht. Kann man sie bei der Sache wirklich außen vor lassen? Sind nicht gerade sie die Bremser in Sachen Kindergebären und Kinderaufzucht? Gibt es die demografischen Probleme nicht auch deswegen, weil sie Verantwortlichkeiten scheuen und sich lieber um ihre Bücher- und CD-Sammlung kümmern als um Hausaufgaben, Steuererklärung, Gartenarbeit usw.
Norbert Bolz: Männer, bekanntlich, können Kinder nicht gebären - und den meisten fehlt auch der Fürsorgeinstinkt zur "Kinderaufzucht". Aber bisher hat man von Männern auch nicht verlangt, Fürsorger zu sein - es genügte, verlässlicher Versorger zu sein. Genau diese klassische Geschlechterrolle wird ihnen aber zunehmend bestritten. Dass das Identitätsprobleme schafft, liegt auf der Hand. Männer sind im "double bind" gefangen: einerseits sollen sie "fürsorglich" und andererseits "Männer" sein. Und jeder Mann weiß, dass Frauen Männer verachten, die keine "Männer" sind.
Was macht Sie so mutig, dass die Familie noch der soziale Ort ist, wo Aufzucht und soziale Platzierung am besten aufgehoben ist. Ist es nicht auch so, dass es gerade die Enge und mentale Beschränktheit ist, die auf Kinder traumatisch wirken kann und muss. Gerade die Psychoanalyse entzündet sich doch gerade an den Traumata, die in der Familie entstehen?
Norbert Bolz: Wohl denen, die bei Freud vorkommen - sie haben wenigstens noch eine Seele. Natürlich verletzt und beschränkt die Familie; natürlich macht sie neurotisch. Aber nur in der Familie kann Liebesfähigkeit entstehen. Was immer auch in Kitas, Horten und Krippen geboten wird - Liebe kann es nicht sein. Es geht hier um die knappsten Güter des 21. Jahrhunderts: Zeit und Aufmerksamkeit. Und weil natürlich alle spüren, dass man die zeitintensive Liebe zu einer konkreten Person durch nichts ersetzen kann, predigt man heute schon in Kindergärten und Grundschulen das große Blabla von Teamfähigkeit, sozialem Lernen und Kommunikationstraining.
Untersuchungen zeigen aber, dass Kinder, die in außerfamiliären Orten aufwachsen, später viel selbstbewusster, weniger verweichlicht und kommunikativer sind als Kinder, die in der räumlichen und emotionalen Enge einer Familie aufwachsen.
Norbert Bolz: Dieser Satz ist das perfekte Entschuldungsformular für alle Eltern, die keine Lust haben, sich um ihre Kinder zu kümmern. Die Phänomenologie des Alltags zeigt mir etwas ganz anderes.
Sind Einverdienermodell und Eva-Prinzip überhaupt noch zeitgemäß? Welche Familie kann sich das denn noch leisten?
Norbert Bolz: Ich propagiere nicht die klassische Familie, sondern ich werbe für sie - als Glücksmodell. Nur wenige können es sich leisten. Aber die, die es sich leisten können, sollten es tun. Mit politischen Programmen hat das nichts zu tun. Es gibt modern kein "Zurück zur Familie". Aber es gibt den lebensbürgerlichen Luxus "klassische Familie", den sich sehr viel mehr Menschen leisten könnten.
Die taz hat Ihnen jüngst vorgeworfen, ein besonders "militant bekehrter Neubürger" zu sein, der "die Feier des Bürgerlichen direkt mit ästhetischer Distanzierung von der Unterschichtkultur" verkoppelt. Angewidert würden Sie sich von einer solchen Welt abwenden, in der im Schwimmbad alle Tattoos haben und sogar Schuldirektoren Ohrringe tragen, und sich in Ihr Heim flüchten, um sich dort dem Schönen, Wahren & Guten zu widmen. Fühlen Sie sich da treffend beschrieben oder ungerecht behandelt? Verstehen Sie sich als Vertreter einer neuen Bürgerlichkeit?
Norbert Bolz: Neue Bürgerlichkeit - gerne! Allerdings bin ich nun der letzte, der sich von der "Unterschichtkultur" ästhetisch distanzieren würde. Das ist übrigens Ihre einzig unlogische Frage. Denn es liegt ja wohl auf der Hand, dass der Schuldirektor mit Ohrring nicht zur Unterschicht gehört. Ich mache mich lustig über gut situierte Leute, die der Trash-Ästhetik huldigen und jeden Sinn für Peinlichkeit verloren haben. Dass ein TAZ-Autor das missversteht, ist eigenartig, denn diese Zeitung wird eigentlich von klugen Köpfen gemacht.
Was ist der Grund für diese plötzliche "Rolle rückwärts"? Ich kann mich erinnern, dass Sie vor einigen Jahren noch die Auftritte von Anke Engelke im Privatfernsehen gepriesen haben und die Massenkultur als eine Art Gegengift gegen jeglichen Fundamentalismus gepriesen haben.
Norbert Bolz: Anke Engelke ist nicht Trash, sondern sie spielt Trash - das ist ein Unterschied ums Ganze. Sie macht dasselbe wie ich, nämlich sich lustig über diejenigen, die die Ästhetik der Bronx für sexy halten.
Gerade sie wird aber am Boulevard als Nachfolgerin von Alice Schwarzer bei der "Emma" gehandelt.
Norbert Bolz: Anke Engelke und die Selbstaufhebung des Feminismus in Comedy - das gefällt mir!
Seit Jahren haben wir es schon mit der Paradoxie zu tun, dass "alle anders sein wollen als die anderen, dass also gerade dieses Anderssein der gemeinsame Zug der Massenkultur ist". Aber warum soll derjenige, der sein bürgerliches Leben ordentlich über die Runden bringt, weniger konformistisch sein als jemand, der den Parolen der Selbstverwirklichung, der Selbsterlösung und des radikalen Andersseins als die anderen folgt?
Norbert Bolz: Das Problem des Konformismus des Andersseins ist nicht der Konformismus, sondern die Energie, die ans Anderssein verschwendet wird. Die einen arbeiten am Anderssein, und die Arbeit tun die anderen. Man könnte das noch positiv deuten, wenn es sich dabei um eine Ästhetik der Existenz wie in der Antike handeln würde. Aber das moderne Andersseinwollen bleibt kriterienlos - und deshalb geschmacklos. Selbstverwirklichung ist Idiotismus.
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