Selbstzensur beim Staatsballett – eine PR-Kampagne?

Indisch inspiriertes klassisches Ballett wie hier (Applaus nach „La Bayadère“) mit Primaballerina Iana Salenko gibt es jetzt nicht mehr beim Staatsballett Berlin. Foto: Gisela Sonnenburg

Das Staatsballett Berlin will seinen "Nussknacker" überarbeiten, bevor es ihn wieder tanzt. Auch "La Bayadère" verschwand vom Spielplan. Der Grund sind folkloristische Elemente

Ausgerechnet der Bild gab die kommissarische Intendantin vom Staatsballett Berlin jüngst ein aufsehenerregendes Interview. Grund: Das Ballett "Der Nussknacker", das man in Berlin seit 2013 – vorzugsweise in der Weihnachtszeit – gezeigt hatte, sei möglicherweise diskriminierend. Gemeint sind damit vor allem folkloristisch angehauchte Choreografien und Kostüme, so für den "Orientalischen Tanz" und den "Chinesischen Tanz".

Zwei Kinder, die sich zuvor schwarz angemalt hatten, um als afrikanische Kids aufzutreten, wurden schon vor Jahren angewiesen, als Bleichgesichter kenntlich zu bleiben. Aber ist die kulturelle Vielfalt, ist die traditionelle Exotik in der Hochkultur wirklich eine Schande? Ist das Schwarzschminken ohne herabwürdigende Bedeutung wirklich als "Blackfacing" zu schmähen? Und sind die Folkloretänze nicht sogar wichtig, um Toleranz und Weltoffenheit zu fördern?

International wird "Der Nussknacker" mit Folklore-Elementen, wie man sie auch in Berlin hatte, aufgeführt. In New York, in London, in Moskau, in Peking. Auf Gastspielen sogar bis in den Oman. Auch national, also in Hamburg und in anderen deutschen Ballettmetropolen, tanzen ethnisch Kostümierte. Nur in Berlin befindet eine besonders schlaue Gruppe von Menschen, die sich als Verfechter:innen der Antidiskriminierung ausgibt, das sei nicht mehr möglich und nicht mehr zeitgemäß.

"Blackfacing" aus dem historischen Kontext gerissen

Dabei stellen Fachleute im klassischen Ballett weder herabwürdigendes "Blackfacing" noch andere Formen von Diskriminierung fest. Der Begriff "Blackfacing" entstand, um grausam-derbes Volkstheater in den USA zu bezeichnen, das unter dem Namen "Minstrel Show" im 18. und 19. Jahrhundert stattfand. In den USA galten Schwarze damals bei vielen Weißen noch als geborene Sklaven, und die "Minstrel Shows" bestätigten das. Schwarz geschminkte Menschen gab es darin nur als grotesk lächerlich gemachte Sklaven, die böse vorgeführt wurden.

Schon vor mehr als 100 Jahren wurden diese Spektakel darum auch abgeschafft. Mit der Hochkultur in Europa des 19. Jahrhunderts – der der "Nussknacker" entstammt – haben "Minstrel Shows" nie etwas zu tun gehabt.

Dass nun eine bestimmte Szene den Begriff "Blackfacing" aufgreift und auf jedwede dunkle Schminke im Theater anwenden will, ist insofern unsinnig. Zumal es etwa im normalen Ballett keineswegs um die Herabsetzung dargestellter Afrikaner:innen geht. Auch die zahlreichen russischen, polnischen, spanischen, asiatischen, orientalischen und indischen Tänze in diversen Balletten können keineswegs als herabsetzend gewertet werden. Im Gegenteil: Sie werben mit Schönheit und Anmut für tolerantes Verhalten gegenüber fremden Kulturen.

Oftmals wird sich auch besondere Mühe mit der Exotik gemacht. Der weltbekannte Choreograf Alexei Ratmansky engagierte zum Beispiel für die Einstudierung von "La Bayadère", die 2018 in Berlin Premiere hatte, mit Rajika Puri eine Expertin für indischen Tanz. Das half ihm allerdings nichts.

"La Bayadère" wurde wie der "Nussknacker" beim Staatsballett Berlin gecancelt – und erst jetzt wurde bekannt, warum: weil die Folklore darin angeblich problematisch sein könnte.

Aber ist das ein veritabler Grund? Verletzt eine solche Begründung nicht vielmehr selbst das Recht? Nämlich das Recht auf die Freiheit der Kunst sowie auch das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit der kreativen Künstler:innen?

In der Kunst muss die Fantasie sehr viel leisten dürfen. Wenn eine Gesellschaft anfängt, sich hier selbst zu gängeln, muss man ein lobbyistisches Interesse dahinter vermuten.

Wieso wird eigentlich ausgerechnet das Ballett in dieser Hinsicht attackiert? Die Popkultur etwa mixt dermaßen viele Ethno-Einflüsse, dass man von korrekten Kontexten oft wirklich nicht mehr sprechen kann. Aber da gibt es anscheinend keine Beschwerden.

Diskriminierung kann man ohnehin nur dann konstatieren, wenn eben wirklich jemand herabgesetzt wird. Allein eine folkloristische Choreografie oder Kostümierung gehören in einer Demokratie selbstverständlich in den Bereich des Erlaubten.

Im Kino üblich: Traumwelten jenseits ethnologischer Forschung

Sonst müsste man übrigens auch nicht nur etliche Opern, sondern auch populäre Veranstaltungen wie den "Karneval der Kulturen" in Berlin glattweg untersagen. Die Opernwelt würde sich bei solchen Maßstäben bedanken. Aber auch Kinofilme spielen häufig mit Klischees und Kostümen, sie errichten Traumwelten, die jenseits ethnologischer Forschung stehen.

Bei der Leitung vom Berliner Staatsballett finden die absurden Argumente gegen Multikulturalität aber viel Anklang. Die kommissarische Ballettintendantin Christiane Theobald geht auffallend gern auf solche Einwände ein – und sie nutzt die Diskussion über angeblichen Rassismus in der Ballettklassik, um der Öffentlichkeit ihren vergleichsweise dröge inszenierten "Don Quixote" von Victor Ullate von 2018 als neues Weihnachtsstück anzudienen.

Nicht, dass "Don Quixote" schlecht wäre. Aber ein solcher Publikumsrenner wie der beliebte "Nussknacker" wird er wohl nie. Überraschenderweise ist darin aber auch Ethno-Folklore zu sehen, und zwar in Form von Gitano-Tänzen, die dem Flamenco ähneln. Weil das Wort "Gitano" keine Fremdbezeichnung ist wie etwa "Zigeuner", lässt Christiane Theobald das Stück durchgehen.

Ursprünglich wurde "Der Nussknacker" in Berlin sowieso aus einem rein praktischen Grund abgesetzt: weil man die rund 50 Kinder, die darin mitwirken sollen, seit dem großen Krach an der Staatlichen Ballettschule Berlin im Jahr 2020 nicht mehr zusammen bekam. So berichtet es auch Vasily Medvedev, der zusammen mit Yuri Burlaka den "Nussknacker" nach historischen Vorlagen rekonstruierte.

"Ich bin ein bisschen entsetzt", sagt er bezüglich der aktuellen Debatte um "seinen" Ballettklassiker. Trotzdem sei er bereit, das Stück umzuarbeiten – schließlich ist er froh, wenn es überhaupt wieder gespielt wird. Nächstes Jahr oder auch erst übernächstes. In welcher Form genau, sei noch offen.

Nicht alle Künstler:innen lassen so einfach mit sich handeln. Schließlich berührt das Verlangen Theobalds nicht nur in nötigender Weise das Urheberrecht, sondern vor allem auch das Recht auf persönliche Ausdrucksweise in der Kunst.

Ihr Publikum hat Theobald ebenfalls schon schwer verprellt. Die Kommentare der Berliner Ballettfans in den sozialen Medien lesen sich wie Demonstrationen von Unverständnis und Verärgerung. "Irrsinnige Selbstzensur" – so der Tenor.

Ja, es gibt routinierte Gewohnheiten, die rassistisch sind

Dazu muss man sagen, dass es sicher andere Bereiche der Gesellschaft gibt, in denen routinierte Gewohnheiten rassistisch oder intolerant sind. Allerdings greift dann das Antidiskriminierungsgesetz.

Im Ballett allerdings herrscht an sich ein explizit nicht xenophober Geist. Darum sind sowohl Tänzer:innen wie auch ihre Zuschauer:innen überwiegend davon befremdet, dass man dieser Kunst rassistische Diskriminierung nachsagen will. Christiane Theobald und ihre Anhänger:innen argumentieren auch keineswegs juristisch. Damit hätten sie wohl keine Chance.

Vielmehr hat man den Eindruck, dass der etwas richtungslosen Balletttruppe in Berlin mit der vom Zaun gebrochenen Debatte reichlich PR verschafft werden soll.

Und tatsächlich kommentieren viele große Zeitungen den seltsamen Streit mit Zustimmung, wobei das Berliner Staatsballett dann manchmal als ganz besonders gedankenvoll und fortschrittlich gezeigt wird. Mangelhafte Fachkenntnisse etwa über die Herkunft des "Blackfacing" erschweren dabei allerdings die Suche nach dem richtigen Verhalten.

Nun beißen Gegner:innen der Theaterfolklore außerhalb der Berliner Ballettkultur eher auf Granit als auf Zucker. Niemand sonst hat ein Interesse daran, das Spiel mit interkulturellen Requisiten oder Gewändern zu untersagen.

Und dass sich wirklich jemand ohne unterdrückerische Absichten davon beleidigt fühlt, wenn ein gut aussehender Jüngling zusammen mit hübschen Damen einen erotischen, hoch ästhetischen orientalischen Tanz aufführt – na, das glaubt Christiane Theobald vielleicht nicht mal selbst.

Auch der lustig-graziöse "Chinesische Tanz" erhielt stets großen Beifall – selbstverständlich auch von den Asiat:innen im Publikum. Warum auch nicht? Groteske Herabsetzung auf der Bühne würde anders aussehen.

Und selbst wenn es karikaturhafte Züge im Ballett gibt: Die Satire darf, rechtlich gesehen, in einer Demokratie ziemlich viel. Um da beleidigt zu sein, muss man wohl ein anderes Problem mit sich herumtragen.

Normalerweise ist das Publikum sogar stolz, wenn es seine eigene Ethnie in einem tollen Ballett dargestellt sieht. Weil die Kunst in einer Demokratie nun sowieso einen besonderen Schutz hat, dürfte es auch schwer sein, Opern und Ballette, Theater und Gemälde einfach so unter Verdacht zu stellen und zu verbieten. Aber auf der Diskurs-Ebene – an der Rechtslage ganz absichtlich glatt vorbei – und auch bei der Spielplan-Gestaltung im In- und Ausland könnten Theobald und ihre Anhänger:innen punkten. Was sie dabei nicht bedenken: Sie bringen anerkannte Künstler:innen in Verruf.

Und islamische Fundamentalist:innen haben sich bisher für Ballett zwar noch nicht interessiert. Aber sollte das kommen, so kann man ihnen immerhin sagen, man habe den teilweise fast nackt gezeigten "Orientalischen Tanz" vorsorglich schon mal abgeschafft. Ob das ein Fortschritt ist in einer aufgeklärten Gesellschaft?

Gisela Sonnenburg ist als Journalistin breit aufgestellt, gründete 2014 das Ballett-Journal auf www.ballett-journal.de und ist auch als Choreografin tätig.

(Gisela Sonnenburg)