Selektion und Wissenschaft

Einige wenige Veröffentlichungen bestimmen, welche Forschungsergebnisse wichtig sind und prägen damit eine ganze Branche

Die Public Library of Science (PLoS) ist ein Projekt, das aus der Kritik an der Praxis der etablierten wissenschaftlichen Fachmagazine entstanden ist. Diese veröffentlichen ihre vollen Texte meist nicht vollständig oder lassen ihn nur für eine begrenzte Zeit online. In PloS stehen die Texte hingegen unter einer Open Access-Lizenz, werden aber trotzdem durch ein peer review von Experten geprüft.

In PLoS Medicine erschien nun von Neal S. Young (National Institutes of Health), John P. A. Ioannidis (University of Ioannina School of Medicine und Tufts University School of Medicine) und Omar Al-Ubaydli (George Mason University).ein Artikel unter dem Titel „Why Current Publication Practices May Distort Science“, der die derzeitige Veröffentlichungspraxis massiv kritisiert. Einer der Hauptkritikpunkte ist, dass es nur ein winzig kleiner Ausschnitt der in Labors und anderswo erzielten Ergebnisse überhaupt schafft, in angemessener Form publiziert zu werden. Angemessen bedeutet hier, einen der begehrten Slots in den viel zitierten Fachmagzinen zu bekommen, deren bekannteste Vertreter Nature und Science sein dürften.

Dadurch entsteht eine starke Selektion, die nach den Autoren nicht mehr die Wirklichkeit widerspiegelt. Es werden vorwiegend Studien mit aufsehenerregenden neuen Ergebnissen veröffentlicht, aber keine, die eben solche zu widerlegen versuchen. Unsichere Ergebnisse werden so bestärkt. Außerdem entsteht ein Wettbewerb, über bestimmte Themen zu publizieren, wodurch andere, ebenso wichtige, aber vielleicht unpopulärere, vernachlässigt werden (herding).

Der interessante Ansatz der Studie ist es, wissenschaftliche Forschungsergebnisse als eine Ware zu betrachten, um dann wirtschaftliche Prinzipien darauf anzuwenden. Dazu erstellten die Autoren eine Tabelle, die versucht wirtschaftliche Begriffe wie „winner's curse“ auf die Wissenschaft anzuwenden. Winner's curse bezeichnet das Phänomen, dass der Gewinner einer Auktion über Wert bezahlt. Übertragen enthalten Artikel in viel zitierten Journalen Behauptungen über Wert, d.h. Übertreibungen. Es entstehe eine „Oligopolie“, also wenige Magazine bestimmen, was wichtig ist.

In Nature werden beispielsweise nur unter 10% der eingesandten Papers auch wirklich veröffentlicht. Die Begründung dafür ist der fehlende Platz. Ein Argument, das in Zeiten des Internets nicht mehr ganz stichhaltig wirkt und von den Autoren als "künstliche Knappheit" bezeichnet wird. Die Auswahl wird überdies primär von der Redaktion, erst im zweiten Schritt durch das peer review getroffen.

Nach dieser Analyse, die noch eine ganze Reihe weiterer Vergleiche anstellt, die mehr oder weniger zutreffen mögen, versuchen die Autoren Lösungsvorschläge zu entwerfen. Darunter der Vorschlag, alle Artikel ohne methodische Fehler, unabhängig von ihrer "Wichtigkeit" und von ihrem Thema, sofort online zu veröffentlichen, oder negative Ergebnisse zu bevorzugen bzw. die Anforderungen an Reproduzierbarkeit für positive Ergebnisse stark zu erhöhen. Weiter wäre es möglich, die Artikel nicht nach dem Ergebnis, sondern nach der Qualität der Methoden auszuwählen, was allerdings etwas utopisch erscheint. Realistischer ist es wohl, Anreize für wirklich unabhängige, neue Arbeiten zu bieten, um damit das Herding einzudämmen. Die Autoren behaupten, es wäre moralisch geboten, über eine andere Praxis des Veröffentlichens nachzudenken.

Wissenschaftliche Karrieren hängen sehr stark an Veröffentlichungen. Wer es einmal geschafft hat, in einem renommierten Magazin zu veröffentlichen, kann sich nahezu sicher sein, dass er eine Zukunft als Forscher haben wird. Die Magazine veröffentlichen naturgemäß das lieber, was interessanter klingt. Da die Forscher das bedienen, scheint es schwierig eine Lösung durchzusetzen. Dies könnte vor allem am Widerstand der Journale scheitern. (Laurin Rötzer)