Selfie mit Krematorium

Bild: © déjà-vu film

Der Dokumentarfilm "Austerlitz" beschreibt das Phänomen "KZ-Tourismus"

Den Ort muss man einfach gesehen haben. Und so ziehen an dem heißen Sommertag, an dem der Dokumentarfilm "Austerlitz" entstand, Horden von Touristen durch die Anlage. Junge und Alte. In Gruppen oder als Einzelne. Viele mit einem Audioguide am Ohr oder geleitet von einem kundigen Führer. Manche wirken beim Rundgang gelangweilt, andere essen schnell mal eine Kleinigkeit.

Da es offenbar heiß, ja sehr heiß ist, tragen fast alle Besucher bequeme Freizeitklamotten. T-Shirts mit witzig gemeinten Sprüchen, kurze Hosen, an den Füßen Sandalen und auf dem Kopf einen Strohhut, der vor der prallen Sonne schützen soll. Und zwischendurch macht man schnell mal ein Selfie, um es womöglich auf Facebook hochzuladen. Oder man stellt sich an besonders markanten Punkten in Position für ein Erinnerungsfoto.

Bild: © déjà-vu film

Diese Szenen, die der Film zeigt, wirken ungemein normal. Ganz ähnliche Szenen spielen sich wohl fast täglich an beliebten Ausflugszielen und Sehenswürdigkeiten ab. Dabei ist der Ort, dessen Besucher hier beobachtet werden, eigentlich alles andere als normal. Schauplatz ist nämlich das Konzentrationslager Sachsenhausen, in dem zur NS-Zeit Tausende von Häftlingen unter unvorstellbar grausamen Bedingungen lebten und ermordet wurden.

Die markanten Punkte, die von den Touristen routiniert fotografiert werden, sind die Baracken, die Verbrennungsöfen, das KZ-Gefängnis oder das Tor mit der zynischen Inschrift "Arbeit macht frei". Und gerade letzteres ist offensichtlich besonders beliebt, auch für ein schnelles Familien-Erinnerungsfoto mit dem Selfie-Stick.

Bild: © déjà-vu film

In Szene gesetzt hat diesen Film der ukrainische Regisseur Sergej Loznitsa, um dem Phänomen KZ-Tourismus nachzugehen. "Eines der größten Mysterien solcher Orte," sagt der Filmemacher, "ist die Motivation der Menschen, ihre Sommerwochenenden in ehemaligen Konzentrationslager zu verbringen und Öfen und Krematorien anzuschauen. Um es zu verstehen, habe ich den Film gemacht".

Dabei verzichtet Loznitsa allerdings auf eine Kommentierung oder Wertung, sondern zeigt in langen Einstellungen einfach nur den Strom der Touristen. Als Zuschauer fragt man sich dennoch schnell: Was treibt die Leute an, ausgerechnet ein KZ zu besuchen? Warum machen sie Fotos? Für wen sind die Bilder? Darf man während eines solchen Rundgangs einen Snack verzehren? Und vor dem Krematorium ein Erinnerungsfoto schießen?

Bild: © déjà-vu film

Fragen über Fragen, die sich beim Betrachten des Films aufdrängen. Genau wie die nach der passenden Bekleidung für einen solchen Besuch. Fragen, die der Film jedoch nicht beantwortet. Die Antworten muss der Zuschauer schon selber finden. Und genau das macht den Film so interessant.

Der Film läuft vom 15. Dezember an in ausgewählten Kinos.
Eine Liste und die Termine gibt es hier.

(Ernst Corinth)