Senkt Bewegung das Gesundheitsrisiko vom langen Sitzen?

Bild: Aufgenommen ca. 1896, Keine bekannten Urheberrechtseinschränkungen

Nach einer Studie reduziert jede körperliche Aktivität, auch wenn sie kurz ausgeübt wird, das Risiko eines vorzeitigen Todes, man sollte aber nicht länger als eine halbe Stunde am Stück sitzen

Wir waren ja schon ernüchtert. Zwar hieß es überall von vielen Studien, dass Bewegung Gesundheit erhält, das Krankheitsrisiko, auch für psychische Störungen, senkt und das Leben verlängert. Wer sich nicht ausreichend bewegt, lebt gefährlich. Homo sedens, der Typus der digitalen Gesellschaft, mag zwar die Haltung der Könige auf dem Thron einnehmen, aber er ist dem Tod geweiht, der Körper wird dick und breit, bläst sich auf, wird steif und zugleich schlaff, bis er verkümmert. Und dann wurde uns vorwiegend Sitzenden auch noch gesagt, dass sich wenig ändert, wenn wir nach oder vor oder zwischen langem Sitzen kompensierend Joggen, ins Fitnessstudio gehen oder anderweitig das vorgeschriebene Bewegungsprogramm hinter uns bringen.

Man müsste halt wieder zum Jäger und Sammler werden oder zumindest Jobs haben, die Bewegung beinhalten, Postbote wäre prima, Verkäufer, Landvermesser, Gärtner, Kellner, Fahrradbote, wenn schon nicht gleich Sportler oder Tänzer. Nach einer kürzlich veröffentlichten Studie sitzt ein Viertel der Erwachsenen immerhin 8 Stunden täglich. Stehen anstatt zu sitzen, soll jedenfalls wenig bringen. Was den Energieverbrauch angeht, haben Wissenschaftler herausgefunden, beträgt der Unterschied gerade einmal 9 kcal pro Stunde

Ansonsten leben wir unter dem Druck, unnötig Lebensjahre zu verlieren. Selbstverständlich nur durchschnittlich, denn manche Sitzende leben halt auch lange, was auch bei Rauchern passieren kann. Wir vergessen gerne, dass trotz aller Anstrengung, ein durchschnittliches gesundes Leben zu führen, um länger gesund zu sein und länger zu leben, es doch in Wirklichkeit eine Lotterie bleibt, was passieren wird, weil keine Studie alle Faktoren für den Einzelnen einbeziehen kann.

Reduzierung der durch Sitzen entstehenden Mortalitätsrisiken soll möglich sein

US-Wissenschaftler unter der Leitung von Keith Diaz (Columbia University Vagelos College of Physicians and Surgeons) wollen nun ein für manchen beruhigendes Ergebnis einer Langzeitstudie gefunden haben, an der fast 8000 Personen ab 45 Jahren teilgenommen haben. Im Rahmen einer Herzinfarktstudie hatten sie zwischen 2009 und 2013 mindestens vier Tage lange Azelerometer getragen, um ihre körperliche Aktivität bzw. Inaktivität zu messen. Bis 2017 waren 340 der beteiligten Personen gestorben.

Diaz hatte mit seinem Team bereits 2017 eine Langzeitstudie über eine Verbindung von langem Sitzen und Mortalität veröffentlicht. Auch hier wurde bei fast 8000 Personen ab 45 Jahren mit Akzelerometern untersucht, wie lange sie ununterbrochen sitzen. Nach vier Jahren zeigte sich, dass sowohl die gesamte tägliche Sitzzeit als auch längere Sitzzeiten von mehr als einer Stunde ohne Unterbrechung die allgemeine Mortalität erhöhen. Personen, die jeweils weniger als 30 Minuten ununterbrochen sitzen, hatten das geringste Risiko, vorzeitig zu sterben. Daher schein es so zu sein, dass es gesundheitlich gut wäre, wenn man alle halbe Stunde eine kurze Unterbrechung mit körperlicher Bewegung macht. Wer am längsten täglich sitzt (über 13 Stunden) und das meist zwischen 60 und 90 Minuten am Stück, hat ein doppelt so hohes Sterberisiko wie diejenigen, die am wenigsten täglich sitzen und die kürzesten Sitzperioden haben

Die neue Untersuchung, deren Ergebnisse im American Journal of Epidemiology erschienen sind, wollte dem Ergebnis der vorhergehenden Studie noch einmal nachgehen. Ziel war es festzustellen, ob sich langes Sitzen täglich durch Bewegung kompensieren lässt und ob es gesundheitlich wirklich von Vorteil ist, lange ununterbrochene Sitzungen öfter durch kürzere zu ersetzen, also immer mal wieder wenigstens kurz aufzustehen, und wie lange körperliche Bewegungszeiten sein müssen, um sich positiv niederzuschlagen.

Danach hat es keine gesundheitlichen Auswirkungen, wenn man die einzelnen Sitzzeiten kürzer macht, also öfter aufsteht, ohne dies mit leichter oder mäßig anstrengender Bewegung zu verbinden. Dagegen würde schon alleine eine leicht anstrengende Bewegung nach 30-minütigem Sitzen ausreichen, um das Risiko für einen vorzeitigen Tod um 17 Prozent zu senken. Bewegt man sich mäßig oder sehr anstrengend, dann würde das Todesrisiko sogar um 35 Prozent geringer.

Es spielt nach dieser Studie keine Rolle, wie anstrengend die körperliche Bewegung ist, und auch nicht, wie lange man sie ausübt. Schon ein bis zwei Minuten hätten eine positive Wirkung. Die Schlussfolgerung der Wissenschaftler: "Körperliche Aktivität jeglicher Intensität ist erforderlich, um die durch die Sitzzeiten entstehenden Mortalitätsrisiken zu reduzieren". Aber man könne das Risiko eines vorzeitigen Todes verringern, auch wenn man lange sitzend arbeiten muss, wenn man sich öfter bewegt, egal ob man ein Fitnessstudio eine Stunde lang besucht oder kurz herumgeht.

Untersucht wurde allerdings nur das allgemeine Todesrisiko, zudem mit der Annahme, dass die Teilnehmer ihre Aktivitäts- und Sitzmuster im Median vier Jahre lang beibehalten haben, und wohl auch damit, dass ihre Lebensweise grundsätzlich davor nicht anders war. Zudem war die Auswahl der Teilnehmer nicht repräsentativ. Die Wissenschaftler wollen in der nächsten Studie schauen, ob es einen Zusammenhang der Sitzgewohnheiten bzw. der körperlichen Aktivitäten mit Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen gibt, was am nächsten liegt (vg. Metastudie bestätigt: Bewegung senkt Erkrankungsrisiko). (Florian Rötzer)

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