Serviceroboter als Helfer in der Not

Auch außerhalb der Fabrik tritt neben die menschliche Arbeit die maschinelle

Ende März 2016 wollte ich mich nach einem Vortrag über tierfreundliche Roboterautos belohnen. Ich ging zur Stanford Shopping Mall hinüber, an immergrünen Bäumen und herumkletternden Eichhörnchen vorbei. Vor Tiffany & Co. stand ein Sicherheitsroboter. Er wirkte fast so elegant wie Audrey Hepburn vor dem Schaufenster des Juweliers in New York. Ich wandte mich an ihn, aber er schwieg. Später erfuhr ich, dass er sehen, hören und riechen kann. Sprechen ist nicht so sein Ding. Er rollt umher und meldet Verdächtiges an eine Zentrale, die im Zweifel menschliches Sicherheitspersonal schickt. Dieses hat seine Arbeit also nicht ganz verloren. Es ist auf Abruf verfügbar.

Beim Besuch eines Unternehmens in Bern im selben Jahr kam mir ein Transportroboter entgegen. Begleitet wurde er von zwei Mitarbeitern, die ihn mit Sprachbefehlen in die Schranken wiesen. Auch er war nicht gerade mitteilsam. Ich durfte seine Klappe öffnen, unter der man Päckchen verstauen kann, und weitere Untersuchungen vornehmen. Dann bewegte er sich weiter, wie ein kleiner, dicker, fauler Hund. Man wollte mit ihm eines Tages in den Städten die Post zustellen, beaufsichtigt nurmehr aus der Ferne. Das hielt ich für keine gute Idee. Weniger, weil Briefträger ihre Arbeit verlieren würden - von der gab es noch genug. Eher, weil Fußgänger über ihn stolpern würden. Und weil er zu langsam war.

Im Jahre 2017 war ich wieder bei dem Konzern eingeladen. Ich ließ mich von seinem smarten Shuttle auf einer neuen Teststrecke herumkutschieren. In Sion im Wallis war es bereits seit 2016 im Betrieb. Automatisches Fahren dieser Art funktioniert, sogar in der Stadt. Die Geschwindigkeit ist gering, die Strecke vorbestimmt. Der Fahrer wird zum Beifahrer, der Beifahrer steigt aus, und niemand merkt es. Mal sehen, wie weit man es wirklich treibt.

Danach wollte man mir die Transportdrohnen zeigen. Leider war der Raum, in dem sie von ihrer Zukunft träumten, gerade besetzt, von einem physischen Meeting (in Zeiten vor COVID-19). Später flogen sie über Zürich, über dem See und über dem Wald - und stürzten ab. Sie waren nicht der Sonne zu nah gekommen, nicht mit Vögeln zusammengestoßen, sondern einfach fehlerhaft gewesen. So schnell sie waren, so schnell fielen sie einem auf den Kopf.

Pflegeroboter als spezielle Roboter in der Pflege

Seit Januar 2017 bin ich mit einer Firma bei Zürich im Austausch, die zwei Pflegeroboter in Kleinserien produziert, einen einarmigen in Europa, einen zweiarmigen in China. Es handelt sich letztlich um Kooperations- und Kollaborationsroboter, sogenannte Co-Robots oder Cobots, wie man sie aus der Industrie kennt, und die auf mobile Plattformen montiert wurden. Der eine kann mit seinem Arm etwas aufheben, etwas wegbringen und holen - und unter Einbezug einer Vorrichtung an seinem Körper eine Flasche öffnen. Der andere könnte mit seinen zwei Armen, so ein Szenario, eine pflegebedürftige Person umarmen, die dann ebenso viel spürt, wie wenn sie sich selbst umarmt, nämlich nichts (bis man seine Arme umhüllt und erwärmt und sich bei ihr ein leichtes Wohlgefühl einstellt). Und er könnte sie an- und ausziehen - für einen Roboter sehr schwierig, wie das Reichen von Nahrung. Beide beherrschen die Kunst der Kommunikation. Der eine versucht sich sogar an Dialekt. Das schätzt man in der Schweiz, selbst wenn es sich um eine Maschine handelt.

Pflegeroboter werden meist zusammen mit einer Pflegekraft eingesetzt. Manches dürfen sie selbstständig leisten. So bringt man dem genannten europäischen Modell gerade bei, Patienten einzusammeln. Es rollt von Tür zu Tür, es klopft mit einem Stock, wartet auf Antwort, drückt die Klinke herunter, ruft etwas ins Zimmer, schließt die Tür, um die Intimsphäre zu wahren, rollt weiter. Solche Tätigkeiten werden zunehmen. Bis Pflegekräfte überflüssig werden, vergehen freilich noch Jahrzehnte. Dass manche von ihnen trotzdem Angst haben, ist verständlich. Ansonsten haben vor allem die Angehörigen der Pflegebedürftigen Angst, weniger diese selbst - wenn der Roboter ihnen hilft, ist es ihnen ziemlich egal, dass er kein Mensch ist.

Immer wieder wird gefordert, den Begriff "Roboter in der Pflege" zu bevorzugen. Natürlich können wir nun von Kernobst sprechen und nicht mehr von Äpfeln - aber damit verschenkt man gewisse Unterscheidungsmöglichkeiten. Der Begriff des Pflegeroboters funktioniert grundsätzlich wie alle entsprechenden Komposita: Der vordere Teil verweist auf den Bereich, für den der Roboter speziell entwickelt wurde. Ob Therapie-, Sex- oder auch - um ein Beispiel jenseits der Serviceroboter zu nennen - Industrieroboter: In keinem Fall wird behauptet, dass der Bereich vollständig abgedeckt wird. Und meist ist darin oder daneben ausreichend Platz und Bedarf für andere Typen.

So spielen in der Pflege bestimmte Reinigungs- oder Transportroboter eine Rolle. Diese kann man zusammen mit den Pflegerobotern, wenn sie sich für Alten- und Pflegeheime eignen und dort verwendet werden, unter den Begriff der Roboter in der Pflege subsumieren. Sie wurden womöglich leicht angepasst, aber man könnte sie wiederum leicht angepasst ins Hotel integrieren.

Pflegeroboter als spezielle Roboter in der Pflege

Serviceroboter als Helfer in der Not

Serviceroboter ergänzen und übernehmen unsere alltägliche Arbeit mehr oder weniger gut. Sie können auch etwas tun, das für uns zu gefährlich, zu anstrengend oder unmöglich ist. Man lässt sie Tiere beobachten, Bomben entschärfen, in Höhlen eindringen und den Mars erkunden. Krisen und Katastrophen werden zunehmen, durch Artensterben, Klimawandel und Krankheiten aller Art.

In China hat man Serviceroboter benutzt, um COVID-19-Patienten mit Lebensmitteln und Medikamenten zu versorgen. Dort ist man keineswegs meilenweit voraus. Mehrere Transportroboter stammen aus Kalifornien - neben dem genannten ein relativ großer, der keine Stolperfalle ist. Ihn konnte ich neulich in der Schweiz kennenlernen, wo er Fuß fassen soll, trotz seiner Rollen (die an fast allen Servicerobotern angebracht sind).

Jedes Land, das sich für Notlagen wappnen will, sollte - so habe ich schon in einem kleinen Beitrag im Februar gefordert - Kohorten von Robotern aufstellen. Man muss Sicherheits-, Transport- und Pflegeroboter sowie Desinfektionsroboter weiterentwickeln und sie zusammenarbeiten lassen. In einigen Jahren mag es Generalisten geben, und dem erwähnten Pflegeroboter werden gerade auch andere Aufgaben schmackhaft gemacht, wie die Desinfektion. Aber in der Kooperation und Kollaboration, zwischen Menschen und Robotern und zwischen Robotern, liegt heute die Lösung.

Literatur

Bendel, Oliver; Gasser, Alina; Siebenmann, Joel. Co-Robots as Care Robots. Accepted paper of the AAAI 2020 Spring Symposium "Applied AI in Healthcare: Safety, Community, and the Environment" (Stanford University). In: ArXiv, 10. April 2020. Cornell University, Ithaca 2020.
Bendel, Oliver. Serviceroboter als Retter in der Not. In: ICTkommunikation, 28. Februar 2020.
Bendel, Oliver (Hrsg.). Pflegeroboter. Springer Gabler, Wiesbaden 2018.
Bendel, Oliver. Pflegeroboter. Beitrag für das Gabler Wirtschaftslexikon. Springer Gabler, Wiesbaden 2016. (Oliver Bendel)