Setzt Amazon Spitzel gegen Beschäftigte ein?

Detektei Pinkerton soll angeblich in ganz Europa Beschäftigte, Betriebsräte, Gewerkschaften und Umweltorganisationen überwachen. In Spanien sind die sogenannten "Kloaken" im Spiel

Ende November berichtete Motherboard, ein Ableger des US-Magazins Vice, von Dokumenten, die nahelegen, dass der Onlineversandhändler Amazon über sein "Global Security Operations Center" sowohl die Aktivitäten von Beschäftigten in Gewerkschaften und Betriebsräten europaweit überwachen lässt.

Die Dokumente wurden der Zeitschrift zugespielt. Demnach seien Spione einer Detektei zum Beispiel in ein Lager im polnischen Wroclaw (Breslau) "eingeschleust" worden, um Lagerarbeiter und deren gewerkschaftlichen Bemühungen zu überwachen, heißt es in dem Bericht. Durchgeführt sollen die Aktivitäten laut den Leaks von der Detektei Pinkerton worden sein.

Dass Amazon, dem mit Jeff Bezos der reichste Mann der Welt vorsteht, Pinkerton angeheuert hat, bestreitet der Konzern nicht einmal. Genau diese Detektei ist aber für ihr "union-busting" bekannt, also für die gezielte und systematische Bekämpfung und Unterdrückung von Gewerkschafts-Aktivitäten, wie dies neben Vice auch Business Insider anmerkt.

Dort wird die "eine lange und blutige Geschichte des union bustings" ausgeführt. Gegenüber Business Insider erklärte die Amazon-Sprecherin Lisa Levandowski, man arbeite mit Pinkerton zusammen, um "wertvolle Warensendungen im Versand zu sichern". Es gehe jedoch nicht darum, an Informationen über Mitarbeiter zu kommen. Sie betonte, wie schon gegenüber Vice, dass alle Aktivitäten "voll und ganz im Einklang mit den örtlichen Gesetzen" stünden.

Ob man tatsächlich stets im Einklang mit den Gesetzen handelt, müssen Juristen in jedem einzelnen Land klären. Dass man es dagegen nicht auf Informationen über die Aktivitäten der Mitarbeiter abgesehen hat, darf bezweifelt werden. Nach Angaben von Motherboard würden von Amazons Global Security Operation Center, in dem auch ehemalige Geheimdienstler tätig seien, gewerkschaftliche Tätigkeiten sowohl in Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien, Deutschland, Polen, Österreich und der Tschechischen Republik eng überwacht.

Dass dabei die Organisierung der Beschäftigten und Streiks, wie sie Amazon-Beschäftigten gerade wieder in Deutschland für eine vernünftige Bezahlung durchführen, im Fadenkreuz der Pinkerton-Leute stehen, geht auch aus den Dokumenten hervor, die Vice vorliegen. Demnach wurde auch ein Streik von Amazon-Beschäftigten in Leipzig im Februar überwacht. Daran hätten 339 Mitarbeiter teilgenommen, wurde unter anderem akribisch in einer E-Mail festgehalten.

Die Firma spioniert offenbar alle Arten von Arbeitnehmertreffen aus, von denen genaue Daten wie Ort, Zeit und Datum genauso festgehalten werden wie auch inhaltliche Positionen der Teilnehmer, die bei diesen Treffen diskutiert werden. Amazon betrachte solche Aktivitäten generell als Gefahr, hatte eine Studie der US-amerikanischen Organisation Open Markets Institutes ergeben.

Die spanischen "Kloaken" und Pinkerton

Man greift dabei nicht nur auf Pinkerton zurück, sondern in Spanien setzt man offenbar auch auf die sogenannten "Kloaken" und die "politische Brigade" korrupter Polizisten, über die in Telepolis schon ausführlich berichtet wurde. Im Zentrum der Aktivitäten, mit denen auch wilde Anschuldigungen gegen missliebige Politiker fabriziert werden, um diese über nahestehende Medien zu diskeditieren, steht der inhaftierte ehemalige Polizeikommissar José Manuel Villarejo.

Villarejo soll unter anderem auch dabei geholfen haben, Beweise über schwarze Kassen, Schmiergelder und illegale Parteienfinanzierung verschwinden zu lassen. Diese haben die rechte Volkspartei (PP) und die Regierung unter Mariano Rajoy schwer belastet.

In der vergangenen Woche hat nun die spanische Zeitung eldiario.es exklusiv berichtet, dass Pinkerton für Amazon auf einen Vertrauten von Villarejo bei der Bespitzelung von Amazon-Beschäftigten in Spanien zurückgegriffen hat. Angeworben worden sei die Detektei Castor & Polux. Sie gehört Julián Peribañez und das ist für eldiario ein alter Bekannter der "politischen Brigade".

Er habe in der "Operation Katalonien" schon eine Rolle gespielt, bei der falsche Anschuldigungen gegen Katalanen fabriziert wurden. "Das wird die Staatsanwaltschaft anpassen", sagte der damalige Innenminister angesichts von nur schwachen Indizien, die vorlagen. Jorge Fernández Díaz wird wegen der Vorgänge angeklagt und er wird von seinem ehemaligen Staatssekretär schwer belastet.

Doch zurück zur Bespitzelung von Amazon-Beschäftigten. Als "Verbindungsglied" der Detektei Castor & Polux zur Polizei soll bei der Überwachung eines Amazon-Streiks im vergangenen Herbst in Barcelona ein weiterer alter Bekannter der "Kloaken" gedient haben: Antonio Giménez Raso, Partner des inhaftierten Villarejo, wird ebenfalls im Rahmen von dessen "krimineller Organisation" angeklagt.

Er ging kurz vor dem Streik im September 2019 in Pension und war an der Überwachung des Streiks am 30. Oktober 2019 beteiligt. Der 51-seitige Bericht für Amazon, den Castor & Polux mit Unterstützung von Giménez Raso erstellt hat, liegt eldiario.es vor. Und der spricht genauso Bände wie das Material, das Motherboard vorliegt.

Darin werden zum Beispiel die Aktivitäten von Gewerkschaftlern, Beschäftigten und auch von Journalisten am Streiktag aufgeführt, begleitet mit viel Bildmaterial. Sogar die Kennzeichen der Autos von Journalisten, die über den Streik berichtet haben, wurden notiert und Bilder von deren Fahrzeugen gemacht. Eldiario legte am Mittwoch noch einmal nach und machte in Bezug auf interne Amazon-Dokumente deutlich, wie auch Journalisten ins Zielfernrohr rücken.

Im Rahmen einer Protestaktion zum Black Friday 2019 in Madrid zitiert die Zeitung aus einem Dokument in englischer Sprache zu einem Artikel in La Información: "Den Artikel hat Jesús Martínez geschrieben, ein Journalist, der sehr kritisch und gewerkschaftsnah ist." So muss auch das Wirken des Journalisten, der "in einem negativen Ton berichtet und die Message der Gewerkschaften verbreitet", überprüft worden sein

Der Ex-Polizist Julián Peribañez und Detektei-Chef will aus Gründen der "Kundenvertraulichkeit" keine Angaben zu den Vorgängen machen. Amazon hat gegenüber der Zeitung bestritten, dass man Pinkerton oder deren Partner damit beauftragt habe, den Streik zu überwachen.

Überwachung auch von Fridays-for-Future-Aktivisten

Die detaillierten Angaben, die von Aktivisten auch beim Streik in Barcelona notiert wurden, sollen offensichtlich dazu dienen, diese identifizieren zu können. Motherboard hatte bereits im September in einem früheren Bericht festgestellt, dass Amazon ein Instrument zur Überwachung Dutzender privater und öffentlicher Gruppen in sozialen Medien eingesetzt hatte, um Fahrer zu identifizieren, die Streiks oder Proteste organisiert hatten.

Im letzten Motherboard-Bericht wurde zudem ausgeführt, dass nicht nur Amazon-Beschäftigte eng überwacht werden. So mache das Global Security Operations Center der Firma auch Datenanalysen über Facebook und Instagram, um allgemein die Aktivitäten von Aktivisten im Bereich Umweltschutz oder anderer sozialer Bewegungen zu überwachen, wie Fridays For Future (FFF), Extinction Rebellion, Greenpeace…

Über Dritte verschaffe sich der Konzern auch Zutritt zu geschlossenen Foren, um Mitarbeiter oder Aktivisten auszuspähen. Aus den Dokumenten, die Motherboard vorliegen, geht hervor, dass Amazon derlei Gruppen genauso wie die Gewerkschaften als bedrohlich einstuft. FFF soll beispielsweise seinen "Einfluss insbesondere auf junge Menschen und Studenten vergrößert haben". Besorgt ist man im Hause von Bezos darüber, dass solche Gruppen "schnell wachsen und immer mehr Menschen anziehen". (Ralf Streck)