Setzt Russland den Westen bald Schachmatt?

Geopolitische Strategen planen den neuen Kalten Krieg

Alle Welt blickt zur Zeit auf die Konflikte im Nahen Osten und manche befürchten, dass sie sich zu einer globalen Auseinandersetzung entwickeln könnten. Doch der US-amerikanische Analyst und Herausgeber von Global Events Magazine, W. Joseph Stroupe, denkt in ganz anderen Dimensionen. Er geht von einem globalen Kampf zwischen Ost und West um strategische Ressourcen aus. An der Spitze dieses Kampfes gegen den Westen sieht er Russland. Das frappierendste Detail an Stroupes These: Der Kampf sei schon längst im Gange und Russland dabei, ihn zu gewinnen.

Zunächst fühlt man sich bei solchen Vorstellungen in die Hochzeiten des Kalten Krieges zurück versetzt. Doch der Text ist ganz aktuell. Es handelt sich um einige der Kerngedanken seines Buches mit dem apokalyptischen Titel Russian Rubicon - Impending Checkmate on the West. "Als hochexplosives Buch" wird der Band reißerisch beworben. Auf den Internetseiten zahlreicher Verschwörungstheoretiker wird es schon heiß diskutiert. Das ist nun nicht verwunderlich. Schließlich haben die Thesen über die angeblich bald zu Neige gehenden Ölreserven und die weltpolitischen Implikationen schon lange die Phantasie vieler virtueller Strategen angeregt. Da macht es sich gut, die eigenen Thesen mit den Namen eines als seriös geltenden Autoren zu schmücken. Als solcher gilt Joseph Stroupe in der Fachwelt. Schon lange beschäftigt er sich auch in Artikeln für Zeitungen und Magazine in den USA mit dem Kampf um die Energieressourcen. Hier vertritt er all die Thesen, die im Buch nur zugespitzt werden. Allerdings wird in seiner Argumentation schon deutlich, warum es sich so gut für Verschwörungstheoretiker aller Couleur nutzbar ist.

The vast bulk of the world's oil, gas and strategic minerals resources either is coming under or is already under the control of authoritarian, or less-than-democratic, or leftist, or otherwise radical regimes either with a decidedly anti-Western political stance and ideology or pointedly decreased sensitivities to strategic US interests.

Joseph Stroupe

Zwischen Analyse....

Zunächst wiederholt Stroupe Binsenwahrheiten. Die Energieressourcen Öl und Gas werden in Zukunft an Bedeutung zunehmen. Schließlich sind die hochkomplexen westlichen Ökonomien existentiell davon abhängig. Schon ein kurzfristiger Ausfall dieser Energien hätte tiefgreifende Auswirkungen für die Ökonomie und die Gesellschaft. Diese doch wohl weltweit gültigen Prämissen werden dann hochpolitisch aufgeladen. Da gibt es dann wieder den Westen, das sind die USA und Westeuropa. Dem stehen die Staaten gegenüber, die ihm die Energie abdrehen will, an der Spitze eben Russland.

Hier wird das ideologische Herangehen des Autors deutlich. Sicher ist seine Annahme, dass Russland den auf ökonomischer Macht basierenden Einfluss der USA zurückdrängen könnte, wenn es Einfluss auf die Höhe des Ölpreises nehmen kann, sicher nicht falsch. Auch seine darauf basierenden Überlegungen sind logisch nachvollziehbar. Eine schwächelnde US-Wirtschaft könnte einen weiteren Verfall des Dollar zur Folge haben. Insbesondere bei hohen Rohölpreisen könnte dann für Ölexporteure ein zunehmender Anreiz bestehen, den begehrten Rohstoff nicht mehr in Dollar, sondern beispielsweise in Euro abzurechnen. Diese Flucht aus dem Dollar aber würde wiederum weitere negative Auswirkungen auf die US-Wirtschaft haben und darüber auch den Dollar selber weiter schwachen. Hier werden in grober Form ökonomische Prozesse beschrieben, die tatsächlich zu tiefgreifenden Rezensionen führen können.

....und Spekulation

Doch wenn Stroupe dann behauptet, dass Russland in Kooperation mit Saudi-Arabien bereits die Kontrolle über den Weltmarktpreis erlangt hat, begibt er sich schon auf das Gebiet der Spekulation. Denn schließlich ist Saudi-Arabien immer noch der engste Verbündete der USA. Ein Abzug der US-Truppen dort aber könnte nach Meinung vieler Nahostexperten zu einem Sturz der dortigen Herrscherclique und zu einem Machtzuwachs der Islamisten führen. Das ist wiederum eine Entwicklung, die nun überhaupt nicht im Interesse Russlands sein dürfte.

Für Stroupe nimmt Russland über seinen angeblichen Einfluss auf Saudi-Arabien letztlich auch Einfluss auf die Politik der Opec. Doch Stroupe wird noch konkreter und damit diffuser. So interpretiert er beispielsweise die Reduzierung der Öl-Fördermengen durch die Opec während des letzten US-Wahlkampfes als eine gezielte Intervention gegen Präsident Bush. Damit ist er von der Analyse über die Spekulation bei der Verschwörungstheorie angelangt. Auffällig ist, dass Stroupe nicht einmal einen Gedanken an die Strategien der USA und ihrer Verbündeter verschwendet, eben selber maßgeblichen Einfluss auf die Energievorräte zu haben. Wie in Zeiten des Kalten Krieges sind bei ihm also gut und böse gut verteilt.

Das wird auch schon bei Stroupes Artikeln in verschiedenen US-Magazinen und Fachzeitungen deutlich, wo er sich neben Prognosen über den Dollar vor allem mit dem Gaskrieg zwischen Russland und der Ukraine zu Beginn des Jahres befasst.

Wie Feindbilder produziert werden

Auch im Gasstreit mit der Ukraine sieht Stroupe Russland als klaren Sieger. Die ukrainische Regierung sei weiterhin von den russischen Lieferungen abhängig und das russische Selbstbewusstsein in der Reaktion sei enorm gewachsen. Russland habe gezeigt, dass es mit seinen Energielieferungen Politik machen kann. In der Folge habe nicht nur das moskaufreundliche Weißrussland, sondern auch die streng auf Distanz zu Russland setzenden baltischen Staaten Litauen und Lettland neue Energieabkommen mit Russland unterzeichnet. Die weitere Entwicklung in der Ukraine nach der Nominierung eines russlandfreundlichen Premierministers wird Stroupe sicher in seiner Ansicht bestärken. Aber auch hier ist auffällig, dass es für ihn nur Russland als handelnden Akteur gibt. Dass das Land auf Versuche reagiert hat, in seinem Umfeld durch orangene oder andersfarbige Revolutionen US-freundliche Regimes zu etablieren,, wird ausgeblendet.

Da ist man eher überrascht, dass Russland eben doch nicht so machtlos scheint und sich diesem Trend entgegenstellt. Vor allem hat auch Stroupe registriert, dass die russische Energieindustrie konsolidiert und unter "die Kontrolle des Kreml" gebracht wurde. Mit dieser nebulösen Formulierung wird umschrieben, dass Versuche von US-Seite auch auf die Bodenschätze in Russland zuzugreifen, gesetzlich ein Riegel vorgeschoben wurde. Das war in den Tagen des wilden Kapitalismus Anfang der 90er Jahre noch anders. Damals hoffte man noch, Russland zu einem Vorhof der USA oder zumindest zu einem stummen Zuschauer auf der Bühne der Weltpolitik degradieren zu können. Seit einigen Jahren ist klar, dass diese Versuche gescheitert sind. Russland hat sich auf die weltpolitische Bühne zurück gemeldet und ist sich der Bedeutung seiner Bodenschätze bewusst. Nun wird Russland von denen zum Feind erklärt, die wohl der Ansicht waren, die Kontrolle der Bodenschätze stünde einzig der USA oder, wie Stroupe in der Lesart des kalten Krieges formuliert, dem Westen zu.

Nun könnte man wegen des fatalistischen Einschlags seines Buches denken, hier habe jemand registriert, dass es so nicht läuft und findet sich damit ab. Schließlich sieht er den Westen bald schachmatt. Doch auch hier muss man an den Kalten Krieg erinnern. Da wurde von konservativen Scharfmacher auch immer mal wieder behauptet, dass Moskau eigentlich schon gesiegt habe und die Rote Armee in einer Woche bis an westeuropäischen Atlantikküste stehen kann. Genau wie damals will Stroupe mit seinem Buch aufrütteln und zur Frontstellung gegen Moskau beitragen.

Dabei hat er nicht nur diverse Internetstrategen auf seiner Seite, die virtuell schon mal weltweite Energiekriege führen. Auch US-Vizepräsident Cheney hat sich vor einigen Monaten ausgerechnet in Litauen in einer kriegerischen Rede gegen Moskau gewandt. Daraufhin hat Russlands Präsident Putin an die Stärke der russischen Armee erinnert. Stroupes Thesen werden durchaus nicht nur in der virtuellen Welt gelesen. (Peter Nowak)