Sex, Drugs, Hate Rock

Die unrühmliche Erfolgsgeschichte des US-amerikanischen Neonazi-Musikvertriebs Panzerfaust Records steht nach einem Eklat um dessen Inhaber vor einem jähen Ende

Das "White Power"-Musiklabel Panzerfaust Records galt seit längerer Zeit als Erfolgsgeschichte der extremen Rechten in den USA. Innerhalb weniger Jahre war das Unternehmen mit Sitz in Minneapolis im Bundesstaat Minnesota zu einem der bekanntesten Großhändler von "Hass-Musik", rassistischer Literatur und Neonazi-Devotionalien aller Art aufgestiegen. Heute, knapp sieben Jahre nach seiner Gründung, steht das Panzerfaust-Reich vor dem Zusammenbruch. Ko-Manager Byron Calvert, Sprecher und interner Drahtzieher des Unternehmens, hat Panzerfaust Records den Rücken gekehrt und sich mit deutlichen Worten von Inhaber Anthony Pierpont distanziert. Die Hintergründe des Zerwürfnisses könnten aus Sicht des rechten Milieus kaum skandalöser klingen: Angeblich soll Pierpont während eines Thailand-Urlaubes im vergangenen Jahr mehrfach sexuellen Kontakt mit "nicht-arischen" Prostituierten gehabt haben.

Zudem bestätigt die unlängst an die Öffentlichkeit gelangte und mittlerweile sogar im Internet kursierende Geburtsurkunde des aus Kalifornien stammenden Skinheads ein pikantes Gerücht: Pierpont ist der Sohn einer Mexikanerin, ein "Mischling". Kein unwichtiges Detail in Kreisen, in denen in jedem zweiten Atemzug die "Reinheit der arische Gemeinschaft" oder der "Kampf um das Überleben der weißen Rasse" beschworen werden.

Zweifel an der Abstammung des Panzerfaust-Gründers waren in den letzten Jahren immer wieder laut geworden. Seine Gegner propagierten bei jeder sich ihnen bietenden Gelegenheit, dass Pierpont aufgrund seines dunklen Teints eher in eine mexikanische Straßengang als in die Reihen der "White Supremacy"-Bewegung passen würde. Hatte Calvert seinen Geschäftspartner bislang immer wieder in Schutz genommen, so dürfte das Tischtuch diesmal endgültig zerschnitten sein.

Erste Risse im Verhältnis der beiden Skinheads waren bereits im vergangenen November aufgetreten, als der wegen eines Drogendeliktes vorbestrafte Pierpont erneut verhaftet wurde. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung in St. Paul hatte die Polizei neben Hakenkreuzfahnen, indizierten Musik-CDs und Anleitungen zum Bau von Rohrbomben auch kleinere Mengen an Kokain und Marihuana gefunden - für viele seiner Mitstreiter eine angesichts von Pierponts exponierter Stellung unverantwortliche Dummheit, zumal der Konsum von Drogen im Verhaltenskodex der Skinhead-Szene streng verboten ist und als Ausdruck von Disziplinlosigkeit und Degeneration gilt. In Internetforen wurden die erneuten Eskapaden des 38jährigen anschließend denn auch heftig kritisiert. Pierpont habe das Vertrauen seiner Kameraden und Kunden mutwillig missbraucht. Alle weiteren Geschäfte oder Abmachungen mit ihm seien, wie es in einer im Netz veröffentlichten Erklärung heißt, als "Verrat an der gemeinsamen Sache" anzusehen.

Die so genannten "Hass-Musik", die den Hauptteil des Angebotes von Panzerfaust Records ausmacht, nimmt heute eine zentrale Position innerhalb des Gefüges der internationalen "White Supremacy"-Bewegung ein. Zum einen ist Musik als Anziehungspunkt ein bedeutender Faktor für die Rekrutierung neuer Mitglieder und damit für das Fortbestehen rechtsextremer Organisationen. Zum anderen stellen das Veranstalten von Konzerten oder der Vertrieb von CDs, Kleidung und Accessoires speziell in den USA eine für viele Gruppierungen mittlerweile unverzichtbar gewordene Einnahmequelle dar. Internetkommunikation und die schwierige Kontrolle des globalisierten Marktes haben ihren Teil zur Ausweitung des Handels mit extremistischem Gedankengut beigetragen, der auch vor Ländern nicht halt macht, in denen die entsprechenden Materialien illegal sind.

Die wichtigste Funktion der Musik besteht jedoch in ihrem Anteil an der Formierung und Festigung einer radikal ideologisierten weißen Subkultur. Während die rechten Demagogen vergangener Zeiten ihren verstreuten Anhängern meist wenig mehr anzubieten hatten als extremistische Rhetorik, haben sich die Strukturen im 21. Jahrhundert deutlich verändert. Neonazis, Rassisten und Antisemiten rund um den Globus teilen heute nicht nur viele politische Ideen, sondern sind auch durch gemeinsame Gewohnheiten, Trends und nicht zuletzt durch Musik verbunden. Vor allem unter der jüngeren Anhängerschaft erfreute sich der mehr als 300 teilweise indizierte Bands aus den USA und Europa (darunter auch viele deutsche Gruppen, wie z.B. die verbotene Kultband "Landser") umfassende Vertriebskatalog von Panzerfaust Records deshalb großer Beliebtheit. Ergänzt wurde das Angebot durch Bekleidung und eine reichhaltige Kollektion an rechtsextremen Devotionalien. Mit einem geschätzten Jahresumsatz von rund 1 Million US-Dollar lief das Label zuletzt sogar dem großen Rivalen Resistance Records den Rang ab.

Gegründet worden war Panzerfaust Records im Sommer 1998 von Anthony Pierpont und Eric Davidson, einem ehemaligen Mitarbeiter des im darauf folgenden Jahr von der National Alliance (NA), der größten rechtsextremen Organisation der Vereinigten Staaten, aufgekauften Musikverlages Resistance Records. Den Namen wählte der ambitionierte Rassist dem eigenen Bekunden nach zu Ehren der von der deutschen Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges gebrachten Opfer. Panzerfaust, so erklärte Pierpont in einem Interview, sei die "musikalische Artillerieunterstützung für die Kameraden an den Frontlinien des heutigen Rassenkampfes." Davidson wurde alsbald durch Bryant Cecchini, besser bekannt unter dem Namen Byron Calvert, einem weiteren Ex-Angestellten von Resistance Records ersetzt, dessen Erfahrung als Vertriebsleiter dazu beitrug, das einstige Garagen-Projekt zu einem konkurrenzfähigen Unternehmen zu formen.

Profitieren tat das Führungsduo Pierpont/Calvert in der ersten Phase auch von den Vernachlässigung der radikale Skinhead-Szene durch die sich selbst als intellektuelle Avantgarde verstehende NA und deren Label Resistance Records (vor allem die Abneigung des verstorbenen NA-Führers William Pierce gegenüber "unzivilisierten" Skinheads ist legendär). Panzerfaust, im Gegensatz zur NA weit von Bemühungen um ein gutbürgerliches Image entfernt, füllte die entstandene Nische bereitwillig aus. Das Unternehmen förderte neue Bands, organisierte Konzerte und erwarb sich auf diesem Weg den Respekt und die Unterstützung verschiedener Neonazi-Gruppierungen wie Volksfront oder White Revolution sowie großer Teile der berüchtigten Skinhead-Organisation Hammerskin Nation, aus deren Umfeld auch Pierpont stammt.

Panzerfaust Records war von Beginn an kommerziell orientiert, bot den Betreibern aber auch die Möglichkeiten zur Verbindung von Geschäft und dem Transport von Ideologie. Pierponts erklärte Vision war es, das Unternehmen als Instrument zur "Verbreitung des Nationalsozialismus" zu nutzen. Ziel sei es, die "Ehre der White Power-Musikszene in den USA wieder herzustellen" und die Jugend dazu zu inspirieren, eine "Sieg oder Tod-Einstellung im Rassenkampf" zu entwickeln. Beim Versand von CDs wurden häufig Propagandaliteratur oder Aufkleber mit rassistischen und antisemitischen Parolen beigelegt. Auch für Byron Calvert zählte die Botschaft mehr als Melodien und Rhythmen. Die Musik, so erklärte der Manager, sei lediglich der Köder. Dem Motto des Unternehmens zufolge, wollte Panzerfaust rassistische Jugendliche nicht nur unterhalten, sondern diese erschaffen - "We don't just entertain racist kids, we create them!"

Zu einem vorläufigen Stillstand gekommen ist mit dem Eklat auch die CD-Kampagne Project Schoolyard USA, die Panzerfaust Records im Herbst letzten Jahres ein willkommenes Medieninteresse beschert hatte. Calvert hatte damals im Namen des Unternehmens angekündigt, bis Ende Dezember 100.000 Kopien eines selbst produzierten Samplers mit Songs verschiedener Neonazi-Bands an amerikanische Schülerinnen und Schüler zwischen 13 und 19 Jahren verteilen zu wollen. Angelehnt an das in Deutschland per Gerichtsbeschluss verhinderte "Projekt Schulhof" (Verteilung rechter Gratis-CD bundesweit strafbar) stellte die Kampagne einen weiteren Baustein der übergeordneten Strategie dar, Jugendliche über Musik mit der Ideologie der "White Supremacy"-Bewegung in Kontakt zu bringen. In einem Zeitungsinterview bekräftigte Calvert seinerzeit das Kalkül: "Unsere Zielgruppe sind 50 Millionen weiße Jugendliche, die noch nie von uns gehört haben." Bis heute sollen angeblich rund 40.000 CDs abgesetzt worden sein.

Nach dem Abschied von Calvert ist die Abwicklung der laufenden Versandgeschäfte ebenso ungewiss wie der Verbleib vieler Bands beim Label. Die ehemaligen Verbündeten haben dem Unternehmen die Unterstützung entzogen. Die Website von Panzerfaust Records ist nicht mehr erreichbar und wird von dem ebenfalls abgewanderten Webmaster auf ein Nachfolgeprojekt namens "Free your Mind Productions" umgeleitet, das offensichtlich von Calvert und anderen abtrünnigen Panzerfaust-Leuten mit Unterstützung der Hammerskins betrieben wird. Anthony Pierpont hingegen ist völlig abgetaucht. Gerüchten zufolge soll der in Ungnade Gefallene bereits versucht haben, den verbliebenen Teil des Unternehmens zu verkaufen. Preis: zwischen 150.000 und 200.000 US-Dollar. (Michael Funk)

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