Sex über 50

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Psychologen erforschen Bedeutung von Sexualität jenseits der Lebensmitte

Kurz zum persönlichen Hintergrund dieses Artikels: Gestern saß ich am späten Nachmittag mit rund 20 Personen in einem großen Saal. Keine Sorge! Am Boden waren für jeden mit Klebeband Rechtecke markiert, damit wir genug Abstand wahren konnten; und die Fenster blieben auf. Ich war einer der Jüngeren und das Publikum war sehr weiblich. Okay, ich sage es direkt: Ich war der einzige Mann. Das Treffen hatte etwas mit Yoga zu tun.

In der Vorstellungsrunde kam die Lehrerin, die mich nun seit fünf Jahren kennt, darauf zu sprechen, dass ich an der Universität Psychologen ausbilde. Das schien bei den Anderen gut anzukommen. Spielverderber, der ich bin, musste ich dann aber doch zum Besten geben, dass man sich darunter nicht zu viel vorstellen sollte. Denn die meisten Psychologen an den Universitäten(!) untersuchen hochspezialisierte und sehr abstrakte Fragestellungen, die mit unserer Lebenswelt nur sehr wenig zu tun haben.

"Angewandte Forschung" ist an der Universität fast schon ein Schimpfwort. Gibt es dafür nicht die Fachhochschulen? Dass Wissenschaftler in populären Medien schreiben, gilt in bestimmten Kreisen übrigens immer noch als verpönt. Kann jemand ein guter Forscher sein, der Zeit für so etwas hat? Allerdings sehen wir hier einen langsamen, aber doch stetigen Wandel. Denn Wissenschaftler müssen sich stärker in der Öffentlichkeit für das verantworten, was sie tun, schlicht um die Finanzierung zu sichern. Dafür hat inzwischen so gut wie jede Uni auch ihre PR-Abteilung mit Kommunikationsexperten, oft genug mit festen Stellen, von denen die meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nur träumen dürfen.

Auf dem Heimweg auf dem Fahrrad am Waldrand, inzwischen war es stockdunkel geworden, kamen meine Gedanken noch einmal auf diesen Moment zurück: Bin ich nicht zu kritisch? Ich denke auch oft darüber nach, ob das überhaupt zu verantworten ist, was ich an der Universität mache: Da kommen all die jungen und idealistischen Menschen und denken, die Wissenschaft mache alles besser. Doch dann die Ernüchterung. Erst vor Kurzem wollte mich einer meiner Leser als "die Sybille Berg der SciLogs" beleidigen. Nun weiß ich zwar nicht, wer Sybille Berg ist, doch die Erklärung lieferte er gleich mit: "… [D]ie Person, der es in ihren Stories nie genug dreckig zu und her gehen kann und die am Schluss immer noch eine Miesheit oben drauf packt."

In 26 Jahren Online-Diskussionen habe ich schon Schlimmeres erlebt. Und ich finde es eher komisch, dass solche Leute dann jahrelang meine Artikel lesen und mitdiskutieren, wo sie doch so schlimm sein sollen. Schwamm drüber. Kommen wir zurück zur Universität und Wissenschaft: Zum Teil kommen meine Studierenden natürlich selbst darauf, dass das, was sie in den (von geschätzten Kollegen angebotenen) Statistikvorlesungen lernen, nicht genau das und oft genug sogar das Gegenteil von dem ist, was professionelle Wissenschaftler für ihre Veröffentlichungen in Fachzeitschriften machen.

Publiziere oder stirb!

In meiner Zeit in der kognitiven Neurowissenschaft habe ich auch Sätze wie diese gehört: "Wir wissen zwar, dass unser Vorgehen nicht die Voraussetzungen für diesen statistischen Test erfüllt. Aber das Ergebnis sieht gut aus. Reichen wir es doch zur Veröffentlichung ein und vielleicht fällt es den Gutachtern gar nicht auf."

In meinen Kursen geht es weniger um Statistik als um die größeren Zusammenhänge: Wie beeinflussen gesellschaftliche Strömungen die Wissenschaft und umgekehrt. Und insbesondere: Wie funktionieren Gemeinschaften von Wissenschaftlern? Auch sie sind Menschen mit Meinungen und Bedürfnissen und nicht absolut rational wie Mr. Spock oder Commander Data von Raumschiff Enterprise. Und über all dem hängt natürlich das Damoklesschwert des Erfolgs: Publiziere oder stirb! Das zwingt Wissenschaftler dazu, produktiv zu sein, um jeden Preis.

Die Rückmeldungen meiner Studierenden geben mir Recht: Neben der Masse, die sich schlicht für ihre Noten und Credit Points interessiert, finden es fast alle wichtig, mehr über die Hintergründe zu erfahren. Mir hatte das niemand erzählt, bevor ich - eher zufällig - die akademische Laufbahn begann. Wissenschaft bleibt auch wichtig und man begegnet vielen faszinierenden Menschen. Wenn es darum geht, im Konkurrenzkampf einen der wenigen Publikationsplätze in den angesehensten Zeitschriften zu ergattern, findet der Idealismus aber ein schnelles Ende (Warum die Wissenschaft nicht frei ist).

Und als ich dann zuhause ankam und zum Ergebnis gekommen war, meine Arbeit nur so und nicht anders machen zu können, fand ich eine interessante Fallstudie in meinem E-Mail-Postfach: "Sex um die 60: Heute wichtiger als früher". Die Abteilung für "Kommunikaton, Marketing und Veranstaltungsmanagement" der Humboldt-Universität zu Berlin hat uns mit einer Pressemitteilung über eine Studie beglückt, an der Berliner Psychologen mitgewirkt haben. Und darauf komme ich jetzt endlich, wie im Titel versprochen, nach einer doch etwas länger geratenen persönlichen Einleitung.

Sex um die Sechzig

Gerade erst, nämlich am 11. September 2020, ist die entsprechende Studie in der Zeitschrift mit dem schönen Namen "Sexuality Research and Social Policy" erschienen. Es sieht erst einmal vielversprechend aus: Im Abstand von 20 Jahren wurden 55- bis 65-Jährige zu ihrem Sexualleben befragt. In der ersten Kohorte reagierten N = 718 Personen, in der zweiten N = 860. Das mittlere Alter betrug 60 Jahre und 52-53% waren Frauen.

Die Pressemitteilung stimmt optimistisch: "Wichtigstes Ergebnis der Studie: Im Vergleich zu 55- bis 65-Jährigen, die Anfang der 1990er Jahre befragt wurden, berichteten Gleichaltrige 20 Jahre später, dass Sexualität für sie wichtiger sei." Das ist doch einmal was! Die Erstautorin der Studie, Karolina Kolodziejczak von der HU Berlin, erklärt dies wie folgt: "Unter anderem vermuten wir, dass gesellschaftliche Bewegungen, wie die sogenannte 'sexuelle Revolution' der 60-70er Jahre, die Einstellungen zur Sexualität weitreichend verändert haben."

Ein zweiter Befund ist, dass der Anstieg dafür, wie wichtig Sexualität ist, bei alleinstehenden Frauen am größten war. Auch dazu hat die Erstautorin eine Erklärung: "… [D]ie feministischen Bewegungen seit dieser Zeit mögen das Bild von weiblicher Sexualität in der Hinsicht geprägt haben, dass alleinstehende Frauen ihre Sexualität heute freier und ungezwungener ausleben und genießen können." Der Studienleiter, Professor Denis Gerstorf, ein Entwicklungspsychologe, erklärt abschließend, diese Befunde in Zukunft näher untersuchen zu wollen: "Welche Rolle spielen historische Veränderungen im tatsächlichen Verhalten? Und welchen Anteil haben historische Veränderungen in der Wahrnehmung der eigenen Sexualität und Veränderungen in der Freizügigkeit, über das eigene Sexualleben zu berichten?"

So weit so gut. Irre ich mich also, wenn ich Psychologen vorwerfe, sich überwiegend mit lebensfernen Themen zu beschäftigen? Ich finde die untersuchte Fragestellung auch wirklich gut: Sexualität spielt für jeden von uns eine wichtige Rolle und Veränderungen in Abhängigkeit vom Alter und Kultur sind ebenfalls bedeutend.

Um die Studie wirklich verstehen zu können, müssen wir aber etwas tiefer einsteigen und uns mit der Methodik befassen. Halten wir dafür noch einmal den Kernbefund - laut Pressemitteilung der HU Berlin - im Kopf: "Wichtigstes Ergebnis der Studie: Im Vergleich zu 55- bis 65-Jährigen, die Anfang der 1990er Jahre befragt wurden, berichteten Gleichaltrige 20 Jahre später, dass Sexualität für sie wichtiger sei."

Liebe fürs Detail

Da die Studie Open Access veröffentlicht wurde, kann jeder sie selbst lesen. Doch hier die wichtigsten Punkte im Schnelldurchlauf: Die Teilnehmer waren entweder im Zeitraum von 1928 bis 1937 oder 1948 bis 1957 geboren und wurden 1992/93 beziehungsweise 2012/13 befragt. Nebenbei: Dass die neuesten Daten schon wieder sieben bis acht Jahre alt sind, hat uns die Pressemitteilung nicht verraten.

Der entscheidende Punkt ist jetzt, wie wurde Sexualität überhaupt untersucht? Oder in Fachsprache: Wie haben die Forscherinnen und Forscher ihre abhängige Variable operationalisiert? Haben sie vielleicht junge Psychologinnen und Psychologen in die Schlafzimmer der älteren Semester geschickt um zu beobachten, wie die Paare Geschlechtsverkehr haben? (Dazu ein Filmtipp: die norwegische Komödie "Kitchen Stories" von 2003.) Wurden dafür zuerst aufwändige Beurteilungskriterien entwickelt? Oder haben die Wissenschaftler wenigstens Interviews mit den Studienteilnehmern geführt?

Leider Pustekuchen: Stattdessen wurden, wie so oft, leblose Fünf-Punkte-Skalen verwendet, mit denen die folgenden zwei Fragen beantwortet werden sollten: Wie wichtig ist Sexualität für Sie heute? Und: Wie erfahren Sie ihr Sexleben heute? Die Antwortmöglichkeiten für die erste Frage reichten von 1 = sehr unwichtig bis 5 = sehr wichtig, die für die Zweite von 1 = sehr unangenehm bis 5 = sehr angenehm. Bei der zweiten Frage gab es noch die Antwortmöglichkeit "nicht zutreffend". Diese war wohl für diejenigen gedacht, die sexuell gar nicht aktiv waren.

Reduzierte Erfahrungen

Fragen Sie sich einmal selbst, wie viel Inhalt in diesen Fragen und den Antwortmöglichkeiten über die Sexualität und das Sexleben stecken, bevor wir uns die Ergebnisse anschauen. Das heißt, was kann die Studie aufgrund ihrer Methodik überhaupt nur herausfinden? Und was nicht? Welche Dimensionen des menschlichen Daseins sind enthalten, welche nicht? Und zwar aus prinzipiellen Gründen!

Wenn die große Ernüchterung jetzt noch nicht eingetreten ist, wird sie wohl gleich kommen: Das wichtigste Ergebnis der Studie besteht nämlich schlicht darin, dass die Antwort auf der Fünf-Punkte-Skala im Mittelwert von knapp 3,1 in der ersten Befragung auf vielleicht 3,2 in der Zweiten gestiegen ist. Dabei ist übrigens die Zufriedenheit von vielleicht 3,7 auf rund 3,6 gefallen. Diese Unterschiede sind statistisch signifikant und das ist die Eintrittskarte für Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften, nicht nur in der Psychologie. Dabei sollte man aber auch bedenken, dass winzige Unterschiede bei großen Gruppen aus rein mathematischen Gründen statistisch signifikant werden.

Sehen Sie selbst, wie groß die Unterschiede waren. Links die Frage, wie wichtig Sexualität den Personen war, rechts, als wie angenehm sie Sexualität erfuhren. Das Sternchen steht für statistische Signifikanz. Mit d wird die Effektgröße ausgedrückt - und diese ist, das sieht man wohl auch als Laie, eher bescheiden. Nebenbei noch ein kleines Fehlerchen: Anders, als die Achsenbeschriftung behauptet, liegen die möglichen Werte im Bereich von 1 bis 5. Man sollte auch beachten, dass die Skala für die Darstellung auf den Ausschnitt von 2 bis 4 beschränkt wurde, um die Effekte größer darzustellen. Quelle: Kolodziejczak, K., Drewelies, J., Deeg, D. J. H., Huisman, M., & Gerstorf, D. (2020). Sexuality Research and Social Policy. Lizenz: CC BY-4.0

Das habe ich zum Beispiel auch bei neueren genetischen Studien, die die Daten von über 10.000 Personen untersuchen, immer wieder angemerkt (Science: Genetik kann Sexualverhalten nicht erklären). Solche Veröffentlichungen sorgen regelmäßig für Blätterrauschen im Medienwald. Über irgendetwas müssen all die Journalisten ja schreiben. Zu den Voraussetzungen und Hintergründen erfährt man aber meist gar nichts. Das ist übrigens in Studien zur Wissenschaftskommunikation auch quantitativ belegt.

Geschlecht und Partnerschaftsstatus

Deutlichere und interessantere Unterschiede zeigen sich allerdings, wenn man die Befragten nach dem Geschlecht und dem Partnerschaftsstatus aufschlüsselt (18% waren Singles). Dann sieht man erst einmal, dass Männern in diesem Alter Sexualität wichtiger ist als den gleichaltrigen Frauen. Am größten waren die Unterschiede bei den Frauen: Denjenigen in einer Partnerschaft war Sexualität deutlich wichtiger als den Singles. Und im historischen Vergleich sieht man nun auch, dass der Unterschied bei den Single-Frauen am größten war: Denen war Sexualität 2012/13 wichtiger als noch 1992/93.

Für Interessierte hier noch die Ergebnisse, aufgeschlüsselt nach Geschlecht und Partnerschaftsstatus. Quelle: Kolodziejczak, K., Drewelies, J., Deeg, D. J. H., Huisman, M., & Gerstorf, D. (2020). Sexuality Research and Social Policy. Lizenz: CC BY-4.0.

Ein generelles Problem ist bei solchen Studien natürlich die Frage nach der Kausalität: Sind die Frauen im Alter von 55 bis 65 nicht in einer Partnerschaft, weil ihnen Sexualität weniger wichtiger ist? Oder ist ihnen Sexualität weniger wichtig, weil sie keinen Partner haben? Und zum historischen Vergleich: Liegt die Zunahme der Bedeutung der Sexualität bei den Single-Frauen vielleicht daran, dass es 2012/13 mehr Aufmerksamkeit für das Sexualverhalten von Frauen über 50 gibt als noch 1992/93? Und dass sie es darum eher vermissen?

Fragen über Fragen. Das gefällt aber Wissenschaftlern, denn damit gibt es ja genügend Arbeit für die Zukunft. Ob sie das mit den hier beschriebenen Methoden tun sollten, möge jeder für sich beurteilen. Ach ja: In der Pressemitteilung erfährt man erst ganz am Ende und auch in der Studie eher am Rande, dass hier nur Niederländerinnen und Niederländer befragt wurden. Ich vermute, hier hat jemand diese Antworten in einem größeren Datensatz gefunden, die sich für eine neue Fragestellung untersuchen ließen, und daraus eine Masterarbeit gemacht. Publiziere oder stirb!

Positivbeispiele

Das ist insofern schade, als es durchaus interessante und bedeutende Forschung zur Sexualität gibt. Denjenigen, die bis hierhin gelesen haben, will ich darum noch zwei Schmankerl mit auf den Weg geben: Da sei erst einmal an das Buch "Die Pille und ich: Vom Symbol der sexuellen Befreiung zur Lifestyle-Droge" (2015) der Sozialwissenschaftlerin Katrin Wegner erwähnt. Dafür führte sie Interviews mit 250 Frauen aus West- und Ostdeutschland und aus drei Generationen. Dabei zeigte sich, dass die Antibabypille für die älteste Gruppe vor allem als Mittel zur Emanzipation wahrgenommen wurde: endlich selbst entscheiden, wann man (nicht) schwanger werden will, ohne darum auf Sex verzichten zu müssen.

Bei der mittleren Altersgruppe hatte sich das aber umgekehrt: Diese Frauen fühlten sich durch die Pille stärker unter Druck gesetzt, Sex mit ihren Partnern zu haben. Schließlich konnte man dann das Risiko einer Schwangerschaft nicht mehr als Grund gegen den Geschlechtsverkehr anführen. Ganz anders waren schließlich die Antworten der jüngsten Frauen: Diese verwiesen häufig auf die Verbesserung des Aussehens - weniger Pickel, glattere Haut, glänzenderes Haar - und die Steigerung der Leistungsfähigkeit dank der Hormone. Manche nahmen die Pille sogar ganz ohne Unterbrechung ein, um damit die unangenehmen Seiten der Menstruation zu vermeiden. Meinem Eindruck nach beschäftigen sich übrigens heute immer mehr Frauen - passend zum Gesundheitskult - mit den möglichen Risiken des Pillenkonsums, doch dafür habe ich keine wissenschaftlichen Interviews geführt.

Mit Blick auf das fortgeschrittenere Lebensalter ist eine Veröffentlichung von Annie Potts und Kollegen von der neuseeländischen Universität von Canterbury bedeutsam. Diese führten Gespräche mit den Partnerinnen von Männern, die Viagra konsumierten. Dabei zeigte sich, dass manche Frauen es gar nicht so schlecht fanden, dass das "Stehvermögen" ihrer männlichen Partner abgenommen hatte. So suchten die Paare nämlich nach Formen von Zärtlichkeit, bei denen es nicht nur um Penetration ging. Manche Frauen fühlten sich auch unter Druck, in der Zeit, in der das Medikament wirkte, ihren Partnern sexuell zur Verfügung stehen zu müssen, denn immerhin hatten die für die Pille bezahlt.

Qualitative Methoden

Man sieht, dass die Wissenschaft durchaus interessante Ergebnisse über Sexualität liefern kann. Die hier genannten positiven Beispiele stammen jedoch eher von Anthropologen und Soziologen, die qualitative Methoden verwenden und die Vielfältigkeit menschlicher Erfahrungen nicht nur auf eine Fünf-Punkte-Skala reduzieren wollen. Das ist natürlich aufwändiger und kostet mehr Zeit. Darum wird es im Konkurrenzkampf um Veröffentlichungen auch seltener gemacht. So führt sich eine wissenschaftliche Disziplin wie die Psychologie aber schließlich in die Bedeutungslosigkeit.

Dahinter steckt natürlich die alte Angst, keine "harte Wissenschaft" zu sein. Um den Erfolg der Physik zu imitieren, erhob man die statistisch-quantitativen Methoden im 20. Jahrhundert zu einem Fetisch und verbannte alles Subjektive aus der Psychologie. Menschen sind aber keine Atome! Daher bedarf es auch besonderer Methoden. Und wenn diese von den Psychologen nicht mehr angewendet werden, dann müssen wir das eben als Yogalehrerinnen und Yogalehrer machen.

Während ich diesen Artikel schrieb, rief mich übrigens die eingangs erwähnte Yogalehrerausbilderin an. Ich hatte ihr am Morgen eine Sprachnachricht über die Studie zur Sexualität von Menschen über 50 geschickt. Ihre Antwort möchte ich meinen Leserinnen und Lesern nicht vorenthalten: "Wenn ihr etwas über wissenschaftliche Ergebnissen hört, fragt euch dann: Ist das wirklich so? Nehmt eure eigene Wahrnehmung ernst. Und bewahrt eure Subjektivität." Erfahrungen wahrnehmen, das war übrigens einmal der Kern der empirischen Methode.

Zum Glück spricht sich das allmählich in der Psychologie herum. So wächst seit einigen Jahren wieder das Interesse an qualitativen Methoden. Auch der entsprechende Kurs an unserem Institut erfreut sich großer Beliebtheit. Anbieten muss ihn aber eine Anthropologin, da wir dafür keine eigenen Fachkräfte haben. Eigentlich schon etwas peinlich für eine Wissenschaft, die sich wörtlich "Lehre von der Seele" nennt. Doch was das alles mit einer Sybille Berg zu tun haben soll, ist mir immer noch schleierhaft.

Dieser Artikel erscheint ebenfalls im Blog "Menschen-Bilder" des Autors.

(Stephan Schleim)