Sex und Krieg

Sexualexperiment: Niemals waren so viele Frauen militärisch wie jetzt im Irak im Einsatz, aber Krieg und Sexualität bleiben trotz Abu Ghraib weiterhin ein Tabuthema

Zum Krieg als einem Ausnahmezustand gehört eine enthemmte und auch gewalttätige Sexualität. Kein Wunder bei Menschen, die permanent vom Tod bedroht sind und gleichzeitig im Einsatz eng miteinander leben müssen, kaum Rückzugsmöglichkeiten haben und unter strenger Disziplin stehen, während sie auch eine außergewöhnliche Macht über Leben und Tod ausüben. Das heizt wie in einem Drucktopf die Begierde bei vielen an, zumal der Wert eines Menschenlebens sinkt und damit die normale Achtung vor den Mitmenschen außer Kraft gesetzt wird. Offiziell ist Sexualität für Soldaten im Krieg verpönt, auch wenn der Gang zu Prostituierten oder auch Vergewaltigungen schon immer zum Kriegshandwerk dazu gehören: Homosexuelle Beziehungen zwischen Soldaten sind zwar tabu, aber sie kamen stets vor oder prägten die Atmosphäre der militärischen Männerhorden.

Wenig war bislang von diesem verpönten Thema vom Irak zu vernehmen, obgleich hier erstmals längere Zeit Frauen und Männer im Einsatz waren und sind. Mehr als 350.000 Frauen sind bei den US-Streitkräften oder den Reserveeinheiten, sie stellen bereits bis zu 20 Prozent des Truppen (Luftwaffe), in der Reserve der Army schon 24 Prozent. 100.000 Frauen waren zwischen 2002 und 2004 im Einsatz im Irak. Noch sollen sie nicht an der Front kämpfen, zur Crew von Panzern oder der Artillerie gehören oder bei Spezialeinheiten mitmachen. Aber sie werden im Irak, in dem das ganze Land Konfliktzone ist, dennoch in Kämpfe verwickelt, und müssen schießen. Im Kampf sind schon über 20 Soldatinnen gestorben.

Bekannt ist allerdings, dass es allgemein, besonders auch in den Militärakademien, und gehäuft im Einsatz Probleme zwischen männlichen und weiblichen Soldaten gibt, also sexuelle Belästigungen und Vergewaltigungen. Zwar geht das Pentagon verstärkt dagegen vor, aber es wird nur ein Bruchteil der sexuellen Belästigungen und Übergriffe gemeldet. Soldatinnen beschweren sich, dass Übergriffe kaum verfolgt werden und dass sie sich auch innerhalb der Lager und Kasernen wie auf Feindesland bewegen würden.

Sperrt man junge Menschen beiderlei Geschlechts, meist gerade mal um die 20 Jahre, über lange Zeit 24 Stunden am Tag im Kontext von Gewalt zusammen, die sie ausüben oder deren Opfer sie werden können, so ist das nicht nur ein soziales, sondern eben auch ein sexuelles Experiment (Sex is a fact of life among Americans in uniform).

Die Fotos von Abu Ghraib haben nicht nur vorgeführt, wie Soldaten ihnen hilflos ausgelieferte Gefangene sadistisch quälen und erniedrigen, sondern auch ihre sexuellen Fantasien ausleben. Vornehmlich ist von Lynndie England und Charles Graner bekannt geworden, dass sie nicht nur besonders aktiv in der Inszenierung sexueller Demütigungen waren, sondern offenbar auch eine leidenschaftliche sexuelle Beziehung miteinander hatten (aus der auch ein Kind in Abu Ghraib erzeugtes Kind entstand). In einem überfüllten Gefängnis, angefüllt mit wirklichen oder vermeintlichen Feinden, bedroht von Angriffen von außen, in einem Krieg weit fort von der Heimat, in soldatischer Disziplin stehend, gleichzeitig aber ausgestattet mit einer ungeheuren Macht, ist es nicht so erstaunlich, dass eine junge, gerade einmal 21-jährige Frau mit einem in Sachen Behandlung von Gefangenen älteren Mann wie Graner (damals 35) in eine Art Sex- und Machtrausch geriet, da sie vermutlich wähnten und wohl auch zunächst davon ausgehen konnten, dass sie im Ausnahmezustand des Krieges auch mit den Gefangenen machen konnten, was sie wollten.

"Fraternisierung", also sexuelle Kontakte zwischen verschiedenen Dienstgraden, steht unter Strafe. Im Einsatz ist Sexualität verpönt, meist auch für verheiratete Paare, auch wenn es hier einige Kommandeure gibt, die anscheinend die Augen zudrücken. Strikt offiziell verboten ist Sex nicht, aber Frauen und Männer dürfen beispielsweise nicht in einem Raum mit verschlossener Tür sein. Natürlich aber findet heimlich zwischen den Soldaten Sex statt und wird diese auch von den Vorgesetzten geduldet, die mitunter Kondome ausgeben. Es gibt allerdings auch strenge Vorgesetzte:

Dual-military couples deployed in the [Central Command Area of Responsibility] are prohibited from sexual contact, handholding or kissing. … Sexual relationships between soldiers in a unit have the potential to negatively affect morale, readiness and good order and discipline of a unit during a deployment.

1st Lt. Brandon McNeese, Kommandeur de rim Irak stationierten 940th Military Police Company im Mai 2005

Im Unterschied zu anderen Einsätzen sind die Konflikte in Afghanistan und im Irak für die stationierten Soldaten sexuell besonders anstrengend. Wie man weiß, gibt es in der Nähe von Militärlagern in fremden Ländern, beispielsweise in Bosnien oder im Kosovo, Bordelle und Prostitution. Aber das Ausleben der Sexualität durch Prostitution ist etwa im Irak schon deswegen kaum möglich, weil die Soldaten nicht die Lager verlassen können, ohne Gefahr zu laufen, umgebracht zu werden. Das zwingt die männlichen und weiblichen US-Soldaten, Sex in den Festungen mit den KollegenInnen zu suchen, was natürlich die Atmosphäre, da verboten, noch weiter sexuell auflädt.

Im Pentagon hält man sich offiziell zurück und überlässt die Verbote den Kommandeuren vor Ort, die etwa anordnen: "Sexual intercourse or other sexual relations between individuals who are not married to each other are prohibited while deployed." Zwar wird gemunkelt, dass mehr Frauen im Einsatz schwanger werden, aber über Berichte zu sexueller Gewalt hinaus, findet man beim Pentagon nichts zum Thema Sexualität und Irak oder Afghanistan, wenn man die Berichte über die auch oft sexuell ausgerichteten Misshandlungen von Gefangenen einmal außer Acht lässt.

Klar aber ist, dass Sex ein großes Thema ist. Zwar kann von den Dienstrechnern wegen der Filter auf keine pornographischen Websites zugegriffen werden, wohl aber von privaten Computern. Und dass Sex eine Obsession ist, lässt sich beispielsweise auch an Websites wie nowthatsfuckedup.com sehen, in denen Soldaten und Soldatinnen Fotos einschicken, in denen SoldatInnen in anzüglichen Posen, nackt oder auch vögelnd gezeigt werden (Sind grausame Kriegsbilder obszön?). Frauen, noch in der Minderzahl, stehen natürlich besonders unter Druck in der von Testosteron geschwängerten, bislang von Männern beherrschten militärischen Umgebung. Aber selbstverständlich suchen Frauen in der Ausnahmesituation auch ihre sexuellen Abenteuer oder wahrscheinlich auch Vorteile, wenn sie Sex mit Vorgesetzten haben. Frauen sagen allerdings, dass lesbische Beziehungen weitaus überwiegen. Die Versuchung ist allerdings groß, wie Kaly Williams schreibt (und wahrscheinlich auch den Fall von Lynndie England beleuchtet):

A woman at war: you're automatically a desirable commodity, and a scarce one at that. We call it "Queen for a Year." Even the unattractive girls start to act stuck-up. It's impossible not to notice.

Natürlich sind Sex und sexuelle Begierden, wenn es um Krieg und Terrorismus geht, ein untergeordnetes Thema. Wie Abu Ghraib oder bekannt gewordene sadistische Misshandlungen in anderen Lagern gezeigt haben, kann die offiziell verdrängte und autoritär kontrollierte Sexualität sich dann auch Bahnen brechen, die sich politisch auswirken und eine ganze Mission gefährden können. Und weil nicht nur Sexualität, sondern auch Gewalt, Entsetzen und Grausamkeit möglichst unter den Tisch gekehrt werden, rücken Sex und Grausamkeit tatsächlich zu einer „Pornographie des Krieges“ zusammen. Die aber ist eben nicht nur Bild, sondern sowohl hinsichtlich der Sexualität, als auch der Grausamkeit Wirklichkeit. Von der aber will man, geht es doch um große Politik, nicht gerne etwas hören. (Florian Rötzer)

Anzeige