Sexuelle Gewalt: Neue Studien belegen geringe Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Opfern

Eine wissenschaftliche Alternative

Ein Beispiel für ein geschlechtsneutrales Forschungsinstrument ist die im Wesentlichen von der Potsdamer Professorin für Sozialpsychologie Barbara Krahé entwickelte Methode. Die sogenannte Sexual Aggression and Victimization Scale (eine englische Demo-Version zum Ausfüllen gibt es hier) kombiniert Fragen zum ausgeübten Zwang, zur sexuellen Handlung und zum Beziehungsstatus von Opfern, Täterinnen und Tätern.

Dabei unterscheidet die Wissenschaftlerin verbalen Zwang (etwa Lügen, Drohen mit Schlussmachen), Zwang mit Alkohol (zum Beispiel Ausnutzung geringerer Widerstandsfähigkeit) und schließlich angedrohten oder ausgeübten körperlichen Zwang (etwa jemanden mit dem eigenen Körpergewicht herunterdrücken). Bei den sexuellen Handlungen werden fünf Stufen unterschieden.

Fünf Formen sexueller Gewalt

  1. Sexuelles Angefasstwerden ohne Penetration,
  2. versuchte und
  3. durchgeführte sexuelle Nötigung (oral, vaginal oder anal) mit verbalem Zwang und schließlich
  4. versuchte und
  5. durchgeführte Vergewaltigung unter Ausnutzung eines Rauschzustandes, körperlicher Gewalt oder der Androhung derselben.

Nur am Rande: Das (bisherige wie neue) deutsche Strafrecht würde schon die Fälle (2) und (3) als Vergewaltigung auffassen, wenn es unter Ausnutzung einer schutzlosen Lage zu einer Penetration käme, beziehungsweise diese versucht würde. Wie gesagt waren und sind weder körperliche Gewalt noch körperlicher Widerstand für die Erfüllung des Tatbestands erforderlich.

Neue Studien aus der Türkei und Chile

Zusammen mit der Doktorandin Isabell Schuster und ausländischen Kollegen hat Krahé vor kurzem zwei Studien zu Opfern, Täterinnen und Tätern sexueller Gewalt in der Türkei und Chile veröffentlicht. Wichtig ist die Einschränkung, dass es sich dabei um keine repräsentativen Bevölkerungsstudien handelt. Untersucht wurden aber große Stichproben (N = 1376 beziehungsweise 1135) von Studierenden an vier Universitäten in Ankara (Türkei) sowie fünf chilenischen Universitäten.

Damit fanden beide Erhebungen in konservativen Gesellschaften statt, in denen einmal islamische, das andere Mal katholische Werte vorherrschen. Das Durchschnittsalter betrug bei beiden Erhebungen rund 22 Jahre. 64% beziehungsweise 78% der Antworten stammen von Frauen. Damit sind Männer in den Studien unterrepräsentiert, vor allem in der chilenischen Befragung.

Um die Untersuchungen vom Thema Kindesmissbrauch zu trennen, fragten die Forscherinnen und Forscher ausschließlich nach Gewalterfahrungen seit dem Erreichen des gesetzlichen Alters der Einwilligungsfähigkeit für sexuelle Handlungen. Das sind in der Türkei 15 Jahre, in Chile 14.

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