Sexuelle Gewalt: Neue Studien belegen geringe Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Opfern

Sowohl Frauen als Männer stark betroffen

In der Gruppe in der Türkei gaben 78% der Frauen und 66% der Männer Opfererfahrungen mit sexueller Gewalt an: Für 27% der Frauen und 14% der Männer war sexuelles Angefasstwerden, wie oben definiert, die schlimmste Form und für 10% beziehungsweise 7% eine versuchte Vergewaltigung. Für 39% der Frauen und 44% der Männer war es eine vollendete Vergewaltigung. Die Stufen (2) und (3) fielen kaum ins Gewicht. Statistisch signifikant unterschieden sich die Geschlechter nur beim Angefasstwerden.

In Chile gaben 52% der Frauen gegenüber 48% der Männer sexuelle Opfererfahrungen an: Für 11% der Frauen und 8% der Männer war sexuelles Angefasstwerden die schlimmste Form und für 31% beziehungsweise 32% die vollendete Vergewaltigung. Die Penetration durch verbalen Zwang wurde mit jeweils 4% für Frauen und Männer häufiger angegeben als in der Türkei. Auf versuchte Vergewaltigungen entfielen 6% beziehungsweise 3%. Zwischen den Geschlechtern gab es hier keinerlei statistisch signifikante Unterschiede.

Studienergebnisse gemäß den fünf Kategorien für befragte Frauen (dunkel- und hellgrün) sowie Männer (dunkel- und hellblau) in der Türkei und Chile. Gezählt wird hier jeweils nur die schlimmste Erfahrung einer Person. Statistisch signifikant war nur der Unterschied zwischen Frauen und Männern beim Angefasstwerden in der Türkei. Zur Erinnerung: Bei Kategorien (2) und (3) ging es um verbale Zwangsmittel, bei (4) und (5) um Alkohol und körperlichen Zwang. (2) und (4) waren versuchte, (3) und (5) vollendete Penetrationen.

Sex als Tabuthema

Die von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern berichteten Zahlen sind hoch, insbesondere für die Türkei. Dies wird zum Teil dadurch erklärt, dass Sexualität dort ein Tabuthema sei und es so gut wie keinen institutionalisierten oder öffentlichen Diskurs über sexuelle Selbstbestimmung gebe. Ferner hätten andere Studien eine Prävalenzrate von 56-60% bei männlichen Opfern im benachbarten Griechenland ergeben.

In einer Arbeit aus dem Jahr 2015 verglichen Barbara Krahé, Kolleginnen und Kollegen die Daten aus zehn europäischen Ländern. Die Kriterien ähnelten den hier besprochenen Kategorien, bezogen jedoch auch noch das Ausnutzen von Autorität mit ein. Die Angaben zu Opfererfahrungen variieren bei den Frauen von 20% in Belgien und Litauen bis zu 52% in den Niederlanden, bei den Männern von 10% in Belgien bis zu den schon erwähnten 56% für Griechenland.

Im europäischen Vergleich

Dabei sind die Zahlen in vier der zehn Länder bei den Frauen höher als bei den Männern, nämlich in Belgien (20%), den Niederlanden (52%), der Slowakei (36%) und Spanien (31%). In fünf Ländern sind sie bei den Männern höher, nämlich in Zypern (49%), Griechenland (56%), Litauen (33%), Polen (35%) und Portugal (29%). Die Mittelwerte über alle Länder lagen bei 32% bei Frauen und 27% bei Männern. Wie auch bei den beiden im Detail diskutierten Studien geht es um die Angaben junger Erwachsener unter Ausschluss von Kindesmissbrauch.

Bei allen methodischen Einschränkungen, die mit solchen Studien einhergehen, machen diese Ergebnisse eines deutlich: Der überwiegende, oft genug sogar ausschließliche Fokus auf weibliche Opfer bei sexueller Gewalt in Medien, öffentlichen Institutionen und Politik steht im krassen Gegensatz zur Forschung. Dabei folgte die Wissenschaft über lange Zeit ebenfalls der voreingenommenen Prämisse, Männer nur als Täter und Frauen nur als Opfer zu untersuchen.

Oft geht es nur um die Erfahrungen von Frauen

Auch das deutsche Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat für eine repräsentative Studie aus dem Jahr 2004 ausschließlich die Erfahrungen weiblicher Opfer einbezogen. Diese Untersuchung spielte jüngst bei der Nein-heißt-nein-Kampagne wieder eine große Rolle. Die dem Ministerium ebenfalls vorliegende Pilotstudie zu Gewalterfahrungen von Männern in Deutschland wurde demgegenüber bis heute nicht weiter verfolgt (Gewalt gegen Männer - unter Männern).

In ähnlicher Weise veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation 2013 einen umfangreichen globalen Bericht zu Gewalterfahrungen - jedoch ausschließlich von Frauen. Dieser wird mit einem Zitat des Generalsekretärs der Vereinten Nationen Ban Ki-moon eingeleitet:

Es gibt eine universale Wahrheit, die in allen Ländern, Kulturen und Gemeinschaften gilt: Gewalt gegen Frauen ist niemals akzeptabel, niemals entschuldbar, niemals tolerierbar.

Ban Ki-moon in einer Rede vom 25. Februar 2008 in New York

Diese Aussage ist nicht nur falsch - man denke bloß an Notwehr oder Gewalt auf Verlangen -, sondern vor dem Hintergrund schwer nachvollziehbar, dass die Vereinten Nationen für alle Menschen da sind und sich die Gleichberechtigung von Frauen und Männern zum Ziel gesetzt haben. Der UN-Generalsekretär hätte schlicht Gewalt gegen Menschen verurteilen können.

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