Sexuelle Gewalt: Neue Studien belegen geringe Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Opfern

Gewalt gegen Männer nicht auf dem Radar

Auch die Istanbul-Konvention des Europarats zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen aus dem Jahr 2014, die die jüngste Reform des Sexualstrafrechts einleitete, klammert Gewalt gegen Männer aus. Darin wird beispielsweise so getan, als seien nur Frauen von häuslicher Gewalt betroffen.

Schließlich erhebt der Gender Equality Index des European Institute for Gender Equality, einer EU-Institution, seit kurzem sieben Indikatoren zur körperlichen, sexuellen und psychischen Gewalt - jedoch ausschließlich gegen Frauen.

Die jüngst im Rahmen der Nein-heißt-nein-Kampagne wieder geäußerte Behauptung, Gewalt gegen Frauen sei ein Tabuthema, ist also unzutreffend: Nationale wie internationale Institutionen tun sehr viel dafür, Gewalt gegen Frauen zu thematisieren - und diese Entscheidungen haben weitreichende politische Konsequenzen.

Daran ist nichts verkehrt. Es ist lediglich verkehrt, die vielfach belegten Gewalterfahrungen von Männern zu tabuisieren und in repräsentativen Befragungen, Studien und Indikatoren noch nicht einmal zu erheben. Damit wird das falsche Signal an die Gesellschaft gesendet, dass es Gewalt gegen Männer entweder nicht gibt oder dass es sie zwar gibt, sie jedoch normal oder kein gesellschaftliches Problem ist.

Einladung zur Gewalt gegen Männer?

Die unzutreffende Aussage Ban Ki-moons wirft umgekehrt die Frage auf, wieso und unter welchen Umständen Gewalt gegen Männer gerechtfertigt ist. Vielleicht wenn sie für politische Führer ihr Leben aufs Spiel setzen und schwer traumatisiert von sogenannten humanitären Einsätzen zurückkommen?

Ganz analog zum Generalsekretär der Vereinten Nationen reagierte der Parteivorsitzende der Linkspartei Bernd Riexinger vergangenen Mai, als Sahra Wagenknecht wegen umstrittener Äußerungen zur Flüchtlingspolitik eine Torte ins Gesicht bekam: Er sagte, Gewalt gegen Frauen sei nicht zu tolerieren. Heißt das im Umkehrschluss, dass Gewalt gegen Männer im Allgemeinen oder Torten in Riexingers eigenes Gesicht im Speziellen sehr wohl zu tolerieren sind?

Im April 2015 schlug Toya Graham vor laufender Kamera auf ihren Sohn ein. Dieser hatte sich an den Protesten in Reaktion auf den Tod des 25-jährigen Afroamerikaners Freddie Gray bei einem Polizeieinsatz in Baltimore (Maryland, USA) beteiligt.

Die prügelnde Mutter wurde anschließend in Talkshows eingeladen und dort wie eine Heldin gefeiert. In den Medien kursierte gar die Rede von der "Mutter des Jahres". Es ist schwer vorstellbar, dass die öffentliche Reaktion so positiv gewesen wäre, hätte eine Mutter ihre Tochter oder gar ein Vater seine Tochter vor laufender Kamera verprügelt.

Zweierlei Maß in Gesellschaft und Politik

Solche Indizien sowie das systematische Tabuisieren von Gewalt und insbesondere sexueller Gewalt gegen Männer durch die Medien und die Politik untermauern die Vermutung, dass Opfer mit zweierlei Maß gemessen werden, nämlich abhängig von ihrem Geschlecht. Medien haben aber einen Aufklärungsauftrag und öffentliche Institutionen sowie die Politik müssen die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz und die Gleichberechtigung berücksichtigen.

Nicht nur aus diesen prinzipiellen Gründen, sondern auch pragmatisch gesehen spricht vieles dafür, die Opfererfahrungen von Männern endlich ernst zu nehmen. Viele der Opfer werden nämlich selbst wieder zu Tätern: Es kommt zu einer Gewaltspirale. Wenn wir in einer friedlichen Welt für alle leben wollen, dann müssen wir endlich auch das Problem der Gewalt gegen Männer auf die wissenschaftliche, soziale und politische Agenda setzen.

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