Sexuelle Gewalt: Neue Studien belegen geringe Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Opfern

Opfererfahrungen sexueller Gewalt nach Geschlecht im europäischen Vergleich. In vier Ländern waren Frauen (grün) nach eigenen Angaben häufiger betroffen; in fünf Ländern Männer (blau). Österreich ist nicht dargestellt, da hierfür nur Zahlen männlicher Opfer berichtet werden (20%).

Wie Forschungsergebnisse dem Bild der Medien und Politik krass widersprechen

Medien und Politik zeichnen ein einseitiges wie eindeutiges Bild: Opfer sexueller Gewalt sind vor allem Frauen. Männer werden in der Regel als Täter dargestellt. Neue Studien widerlegen dieses Bild deutlich. Bei Untersuchungen in Chile und der Türkei gab es kaum Unterschiede bei den Opfererfahrungen zwischen den Geschlechtern. Im europäischen Vergleich zeigten sich 32% der Frauen und 27% der Männer betroffen von sexueller Gewalt. Es ist höchste Zeit, dass Medien und Politik ihr falsches Bild korrigieren.

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Das Sternchen, das "Hör auf!" rufe, und doch zwei wilden Männern ausgeliefert sei. Der Pornostar, der ungescholten seine Kolleginnen vergewaltige. Der Moderator, der die Geliebte mit dem Messer bedrohe und vergewaltige. Der Komödiant, der mehrere Frauen vergewaltigt haben soll. Der Politiker, der im Hotel das nichtsahnende Zimmermädchen anfalle.

Das sind einige der Geschichten der letzten Jahre, die ein deutliches Bild zeichnen: Frauen sind sexuellen Übergriffen ausgeliefert; Männer begehen sie. Positionen von feministischer Seite und auch der Gender-Theorie merken an, dass die Art und Weise, wie wir über die Welt reden, Folgen für unser Denken und Handeln hat. Das gilt natürlich nicht nur dann, wenn Frauen oder Minderheiten benachteiligt werden.

Durch das ständige Wiederholen der Denkmuster Opfer-sind-Frauen und Täter-sind-Männer entstehen nämlich irgendwann die Stereotypen: Frauen sind Opfer und Männer sind Täter (Kalter Krieg der Geschlechter). In einigen der genannten Fälle kam es mangels Anzeige nicht einmal zu polizeilichen Ermittlungen. In anderen wurden Verfahren eingestellt. In wieder anderen folgte ein Freispruch.

Was bleibt aber in den Köpfen der Menschen davon hängen? Der "Trial by Media", der Prozess in den Medien, ist spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts als Propagandamittel zur Beschädigung des Ansehens einer Person bekannt. In Reaktion auf die Lügen über Massenvernichtungswaffen im Irak hat psychologische Forschung mehrfach belegt, dass trotz späterer Dementis Teile der Falschinformation im Gedächtnis bleiben können (zum Beispiel: Memory for Fact, Fiction, and Misinformation: The Iraq War 2003).

Daher ist davon auszugehen, dass auch die Berichte über sexuelle Gewalt Wahrnehmung, Erleben und damit auch die Beziehungen von Frauen und Männern beeinflussen. So war die Verabschiedung der großen Sexualstrafrechtsreform vom 7. Juli 2016 im Rahmen der Nein-heißt-nein-Kampagne durch zahlreiche Falschdarstellungen geprägt (Sexualstrafrechtsreform: Eine Beweisaufnahme). Auch die häufig in den Medien kolportierte Behauptung, die Strafbarkeit sexueller Übergriffe hätte körperlichen Widerstand erfordert, ist nachweislich falsch.

In einem früheren Artikel habe ich dargelegt, dass laut offizieller Statistik Männer 1,5-mal so häufig Opfer von Gewaltverbrechen werden wie Frauen (Wer ist hier eigentlich das typische Opfer?). In einem Folgeartikel ging es darum, dass die Untersuchung des Bundesfrauenministeriums zur sexuellen Belästigung den Tatbestand so weit fasst, dass selbst allgemeine Bemerkungen über den Körper oder das Privatleben mitzählen, so sie der Frau "ein ungutes Gefühl" geben (Vergewaltigung: Spiel mit den Zahlen).

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Dennoch verweist Ministerin Schwesig in politischen Aussagen noch heute auf diese Untersuchung, die mit rund 60% eine sehr hohe Zahl an Betroffenen berichtet. Ähnliche Verzerrungen gibt es bei einer groß angelegten repräsentativen Befragung aus dem Jahr 2014 in den USA: Medien berufen sich wiederholt darauf, dass eine von fünf Frauen vergewaltigt werde. Männer werden als mögliche Opfer in der Regel nicht genannt.

Dabei war die Definition von "Vergewaltigung" so angelegt, dass fast nur Frauen Opfer und fast nur Männer Täter sein konnten. Die davon abgegrenzte Frage, schon einmal zur sexuellen Penetration gezwungen worden zu sein, was nach deutschem Strafrecht ebenfalls als Vergewaltigung zählt (§177 Absatz 2 Satz 1 StGB), bejahte demgegenüber schon jeder vierzehnte Mann.

Bei einer kritischen Gegenüberstellung der Zahlen der US-Studie kommt man schließlich auf 12% der Frauen, die eine ungewollte Penetration erlebten, gegenüber 7% der Männer, die zur Penetration gezwungen wurden. Im Jahreszeitraum vor der Erhebung der Studie verschwimmen die Unterschiede zwischen den Geschlechtern gänzlich (Vergewaltigung: Spiel mit den Zahlen).

Hierbei geht es selbstverständlich nicht darum, Opfer gegeneinander auszuspielen oder Opfererfahrungen zu relativieren. Es geht im Gegenteil darum, die Erfahrungen aller Opfer ernst zu nehmen - und zwar unabhängig von ihrem Geschlecht. Das ist nicht zuletzt die Pflicht eines Rechtsstaats, in dem alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind (Artikel 3 GG).


Ein Beispiel für ein geschlechtsneutrales Forschungsinstrument ist die im Wesentlichen von der Potsdamer Professorin für Sozialpsychologie Barbara Krahé entwickelte Methode. Die sogenannte Sexual Aggression and Victimization Scale (eine englische Demo-Version zum Ausfüllen gibt es hier) kombiniert Fragen zum ausgeübten Zwang, zur sexuellen Handlung und zum Beziehungsstatus von Opfern, Täterinnen und Tätern.

Dabei unterscheidet die Wissenschaftlerin verbalen Zwang (etwa Lügen, Drohen mit Schlussmachen), Zwang mit Alkohol (zum Beispiel Ausnutzung geringerer Widerstandsfähigkeit) und schließlich angedrohten oder ausgeübten körperlichen Zwang (etwa jemanden mit dem eigenen Körpergewicht herunterdrücken). Bei den sexuellen Handlungen werden fünf Stufen unterschieden.

  1. Sexuelles Angefasstwerden ohne Penetration,
  2. versuchte und
  3. durchgeführte sexuelle Nötigung (oral, vaginal oder anal) mit verbalem Zwang und schließlich
  4. versuchte und
  5. durchgeführte Vergewaltigung unter Ausnutzung eines Rauschzustandes, körperlicher Gewalt oder der Androhung derselben.

Nur am Rande: Das (bisherige wie neue) deutsche Strafrecht würde schon die Fälle (2) und (3) als Vergewaltigung auffassen, wenn es unter Ausnutzung einer schutzlosen Lage zu einer Penetration käme, beziehungsweise diese versucht würde. Wie gesagt waren und sind weder körperliche Gewalt noch körperlicher Widerstand für die Erfüllung des Tatbestands erforderlich.

Zusammen mit der Doktorandin Isabell Schuster und ausländischen Kollegen hat Krahé vor kurzem zwei Studien zu Opfern, Täterinnen und Tätern sexueller Gewalt in der Türkei und Chile veröffentlicht. Wichtig ist die Einschränkung, dass es sich dabei um keine repräsentativen Bevölkerungsstudien handelt. Untersucht wurden aber große Stichproben (N = 1376 beziehungsweise 1135) von Studierenden an vier Universitäten in Ankara (Türkei) sowie fünf chilenischen Universitäten.

Damit fanden beide Erhebungen in konservativen Gesellschaften statt, in denen einmal islamische, das andere Mal katholische Werte vorherrschen. Das Durchschnittsalter betrug bei beiden Erhebungen rund 22 Jahre. 64% beziehungsweise 78% der Antworten stammen von Frauen. Damit sind Männer in den Studien unterrepräsentiert, vor allem in der chilenischen Befragung.

Um die Untersuchungen vom Thema Kindesmissbrauch zu trennen, fragten die Forscherinnen und Forscher ausschließlich nach Gewalterfahrungen seit dem Erreichen des gesetzlichen Alters der Einwilligungsfähigkeit für sexuelle Handlungen. Das sind in der Türkei 15 Jahre, in Chile 14.


In der Gruppe in der Türkei gaben 78% der Frauen und 66% der Männer Opfererfahrungen mit sexueller Gewalt an: Für 27% der Frauen und 14% der Männer war sexuelles Angefasstwerden, wie oben definiert, die schlimmste Form und für 10% beziehungsweise 7% eine versuchte Vergewaltigung. Für 39% der Frauen und 44% der Männer war es eine vollendete Vergewaltigung. Die Stufen (2) und (3) fielen kaum ins Gewicht. Statistisch signifikant unterschieden sich die Geschlechter nur beim Angefasstwerden.

In Chile gaben 52% der Frauen gegenüber 48% der Männer sexuelle Opfererfahrungen an: Für 11% der Frauen und 8% der Männer war sexuelles Angefasstwerden die schlimmste Form und für 31% beziehungsweise 32% die vollendete Vergewaltigung. Die Penetration durch verbalen Zwang wurde mit jeweils 4% für Frauen und Männer häufiger angegeben als in der Türkei. Auf versuchte Vergewaltigungen entfielen 6% beziehungsweise 3%. Zwischen den Geschlechtern gab es hier keinerlei statistisch signifikante Unterschiede.

Studienergebnisse gemäß den fünf Kategorien für befragte Frauen (dunkel- und hellgrün) sowie Männer (dunkel- und hellblau) in der Türkei und Chile. Gezählt wird hier jeweils nur die schlimmste Erfahrung einer Person. Statistisch signifikant war nur der Unterschied zwischen Frauen und Männern beim Angefasstwerden in der Türkei. Zur Erinnerung: Bei Kategorien (2) und (3) ging es um verbale Zwangsmittel, bei (4) und (5) um Alkohol und körperlichen Zwang. (2) und (4) waren versuchte, (3) und (5) vollendete Penetrationen.

Die von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern berichteten Zahlen sind hoch, insbesondere für die Türkei. Dies wird zum Teil dadurch erklärt, dass Sexualität dort ein Tabuthema sei und es so gut wie keinen institutionalisierten oder öffentlichen Diskurs über sexuelle Selbstbestimmung gebe. Ferner hätten andere Studien eine Prävalenzrate von 56-60% bei männlichen Opfern im benachbarten Griechenland ergeben.

In einer Arbeit aus dem Jahr 2015 verglichen Barbara Krahé, Kolleginnen und Kollegen die Daten aus zehn europäischen Ländern. Die Kriterien ähnelten den hier besprochenen Kategorien, bezogen jedoch auch noch das Ausnutzen von Autorität mit ein. Die Angaben zu Opfererfahrungen variieren bei den Frauen von 20% in Belgien und Litauen bis zu 52% in den Niederlanden, bei den Männern von 10% in Belgien bis zu den schon erwähnten 56% für Griechenland.

Dabei sind die Zahlen in vier der zehn Länder bei den Frauen höher als bei den Männern, nämlich in Belgien (20%), den Niederlanden (52%), der Slowakei (36%) und Spanien (31%). In fünf Ländern sind sie bei den Männern höher, nämlich in Zypern (49%), Griechenland (56%), Litauen (33%), Polen (35%) und Portugal (29%). Die Mittelwerte über alle Länder lagen bei 32% bei Frauen und 27% bei Männern. Wie auch bei den beiden im Detail diskutierten Studien geht es um die Angaben junger Erwachsener unter Ausschluss von Kindesmissbrauch.

Bei allen methodischen Einschränkungen, die mit solchen Studien einhergehen, machen diese Ergebnisse eines deutlich: Der überwiegende, oft genug sogar ausschließliche Fokus auf weibliche Opfer bei sexueller Gewalt in Medien, öffentlichen Institutionen und Politik steht im krassen Gegensatz zur Forschung. Dabei folgte die Wissenschaft über lange Zeit ebenfalls der voreingenommenen Prämisse, Männer nur als Täter und Frauen nur als Opfer zu untersuchen.

Auch das deutsche Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat für eine repräsentative Studie aus dem Jahr 2004 ausschließlich die Erfahrungen weiblicher Opfer einbezogen. Diese Untersuchung spielte jüngst bei der Nein-heißt-nein-Kampagne wieder eine große Rolle. Die dem Ministerium ebenfalls vorliegende Pilotstudie zu Gewalterfahrungen von Männern in Deutschland wurde demgegenüber bis heute nicht weiter verfolgt (Gewalt gegen Männer - unter Männern).

In ähnlicher Weise veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation 2013 einen umfangreichen globalen Bericht zu Gewalterfahrungen - jedoch ausschließlich von Frauen. Dieser wird mit einem Zitat des Generalsekretärs der Vereinten Nationen Ban Ki-moon eingeleitet:

Es gibt eine universale Wahrheit, die in allen Ländern, Kulturen und Gemeinschaften gilt: Gewalt gegen Frauen ist niemals akzeptabel, niemals entschuldbar, niemals tolerierbar.

Ban Ki-moon in einer Rede vom 25. Februar 2008 in New York

Diese Aussage ist nicht nur falsch - man denke bloß an Notwehr oder Gewalt auf Verlangen -, sondern vor dem Hintergrund schwer nachvollziehbar, dass die Vereinten Nationen für alle Menschen da sind und sich die Gleichberechtigung von Frauen und Männern zum Ziel gesetzt haben. Der UN-Generalsekretär hätte schlicht Gewalt gegen Menschen verurteilen können.


Auch die Istanbul-Konvention des Europarats zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen aus dem Jahr 2014, die die jüngste Reform des Sexualstrafrechts einleitete, klammert Gewalt gegen Männer aus. Darin wird beispielsweise so getan, als seien nur Frauen von häuslicher Gewalt betroffen.

Schließlich erhebt der Gender Equality Index des European Institute for Gender Equality, einer EU-Institution, seit kurzem sieben Indikatoren zur körperlichen, sexuellen und psychischen Gewalt - jedoch ausschließlich gegen Frauen.

Die jüngst im Rahmen der Nein-heißt-nein-Kampagne wieder geäußerte Behauptung, Gewalt gegen Frauen sei ein Tabuthema, ist also unzutreffend: Nationale wie internationale Institutionen tun sehr viel dafür, Gewalt gegen Frauen zu thematisieren - und diese Entscheidungen haben weitreichende politische Konsequenzen.

Daran ist nichts verkehrt. Es ist lediglich verkehrt, die vielfach belegten Gewalterfahrungen von Männern zu tabuisieren und in repräsentativen Befragungen, Studien und Indikatoren noch nicht einmal zu erheben. Damit wird das falsche Signal an die Gesellschaft gesendet, dass es Gewalt gegen Männer entweder nicht gibt oder dass es sie zwar gibt, sie jedoch normal oder kein gesellschaftliches Problem ist.

Die unzutreffende Aussage Ban Ki-moons wirft umgekehrt die Frage auf, wieso und unter welchen Umständen Gewalt gegen Männer gerechtfertigt ist. Vielleicht wenn sie für politische Führer ihr Leben aufs Spiel setzen und schwer traumatisiert von sogenannten humanitären Einsätzen zurückkommen?

Ganz analog zum Generalsekretär der Vereinten Nationen reagierte der Parteivorsitzende der Linkspartei Bernd Riexinger vergangenen Mai, als Sahra Wagenknecht wegen umstrittener Äußerungen zur Flüchtlingspolitik eine Torte ins Gesicht bekam: Er sagte, Gewalt gegen Frauen sei nicht zu tolerieren. Heißt das im Umkehrschluss, dass Gewalt gegen Männer im Allgemeinen oder Torten in Riexingers eigenes Gesicht im Speziellen sehr wohl zu tolerieren sind?

Im April 2015 schlug Toya Graham vor laufender Kamera auf ihren Sohn ein. Dieser hatte sich an den Protesten in Reaktion auf den Tod des 25-jährigen Afroamerikaners Freddie Gray bei einem Polizeieinsatz in Baltimore (Maryland, USA) beteiligt.

Die prügelnde Mutter wurde anschließend in Talkshows eingeladen und dort wie eine Heldin gefeiert. In den Medien kursierte gar die Rede von der "Mutter des Jahres". Es ist schwer vorstellbar, dass die öffentliche Reaktion so positiv gewesen wäre, hätte eine Mutter ihre Tochter oder gar ein Vater seine Tochter vor laufender Kamera verprügelt.

Solche Indizien sowie das systematische Tabuisieren von Gewalt und insbesondere sexueller Gewalt gegen Männer durch die Medien und die Politik untermauern die Vermutung, dass Opfer mit zweierlei Maß gemessen werden, nämlich abhängig von ihrem Geschlecht. Medien haben aber einen Aufklärungsauftrag und öffentliche Institutionen sowie die Politik müssen die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz und die Gleichberechtigung berücksichtigen.

Nicht nur aus diesen prinzipiellen Gründen, sondern auch pragmatisch gesehen spricht vieles dafür, die Opfererfahrungen von Männern endlich ernst zu nehmen. Viele der Opfer werden nämlich selbst wieder zu Tätern: Es kommt zu einer Gewaltspirale. Wenn wir in einer friedlichen Welt für alle leben wollen, dann müssen wir endlich auch das Problem der Gewalt gegen Männer auf die wissenschaftliche, soziale und politische Agenda setzen.

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