Sharing Economy - Werden Konsumenten zu Unternehmern?

Zum Schwindel beim kommerziell inspirierten "Tauschen"

Geschäftemachen als Universalhaltung, auch beim privaten Konsum? Kaufen und dann ein Stück wieder verkaufen? Etwas Erfahrung haben Menschen dabei ja schon, denn sich als Arbeitnehmer gut zu verkaufen, gehört schon seit Jahren zu ihrer Standardausstattung. Beim Konsum konnte man noch hemmungslos und eindimensional dem reinen Verzehr frönen. Das kann allerdings bald anders werden.

Sharing Economy1 ist der Idee nach mit anderen Menschen gemeinsames Wirtschaften und das Teilen der Ergebnisse. Nicht nur bei einem gemeinsamen Konsum, sondern auch mit kollaborativer Produktion. An sich ist es nichts anderes als die alte Gemeinwirtschaft, nur etwas hübscher und moderner benannt. Genossenschaften und die Allmende (Commons) sind dabei wichtige Elemente, ihre bedeutendste Form ist allerdings der alte private Haushalt.

Bevor wir zur neuen kommerziellen Sharing Economy kommen, sollten wir zuerst einen Blick auf das alte, nichtkommerzielle Teilen werfen, denn sonst bleibt es bei Mythen und Verwirrung.

Haushalte sind persönliche Lebensgemeinschaften von Menschen, die auf den Nutzen aller Mitglieder gerichtet sind, nicht auf den Gewinn einzelner. In diesen "privaten Haushalten", also den kleinsten Wirtschaftsgemeinschaften, werden wir groß, und diese leben wiederum örtlich in gemeinsamen öffentlichen Haushalten, wie der Gemeinde. Im Haushalt gilt - idealerweise - das urkommunistische Prinzip: Jeder bekommt nach seinen Bedürfnissen und jeder trägt nach seinen Möglichkeiten bei, das notierte schon der berühmte rechtskonservative Max Weber vor hundert Jahren.2 Auch Wohngemeinschaften, die gemeinsam wirtschaften, sind Haushalte. Ganz prinzipiell: Unternehmen werden vom egoistischen, materiellen Gewinnprinzip getragen, Haushalte dagegen vom kommunistischen Nutzenprinzip.

Die Allmende, das ist gemeinsamer Besitz im örtlichen Lebensverband: Grundstücke der Gemeinde, an denen die Gemeindebürger ein Weiderecht hatten oder Holz machen konnten. Das heute noch geltende Recht, im frei zugänglichen Wald für den Eigenbedarf Pilze oder Beeren zu sammeln, wenn das nicht extra vom Waldbesitzer verboten wurde, ist auch eine Art von allgemeinem Nutzungsrecht (Gewohnheitsrecht).

Public Domain-Software (und ähnlich Open Source) ist die moderne Form der Allmende in der Informationstechnologie - man darf sie kostenlos nutzen, verändern und weitergeben. Sie ist vom Erzeuger aus dem an sich sehr strengen Urheberrecht in die Freiheit der Nutzung durch alle Menschen entlassen.

Wenn vier Reihenhausbesitzer beschließen, kostensparend gemeinsam einen Rasenmäher zu kaufen und ihn abwechselnd zu benützen, dann ist das eine Genossenschaft. Informell, bescheiden und sehr schmal vom Zweck her, aber im Prinzip ist es so. Gemeinsam etwas tun, auch mit anderen Teilen, hat es in der Menschheitsgeschichte schon immer gegeben, solches soziales Handeln ist geradezu die Grundbedingung für die Entwicklung des Menschen. Und die Formen, Regeln und Ziele waren dabei meist ungeschrieben, auch veränderbar.

Von Genossenschaften spricht man, wenn es um gemeinsame wirtschaftliche Aktivitäten (Erwerb, Konsum oder Absicherung) geht, die Spielregeln dabei festgeschrieben und mittlerweile - wie vieles andere im Alltag - verrechtlicht sind, also dem Genossenschaftsrecht entsprechen.

Die ersten Genossenschaften waren übrigens Bergbruderschaften (Knappschaften), die zwei Ziele hatten: eine wirtschaftliche Absicherung der Mitglieder bei Krankheit, Alter und im Todesfall sowie die Interessensdurchsetzung gegenüber dem mittelalterlichen Bergbauunternehmen. Wir haben damit die jahrhundertealte Urform der Kranken- und Rentenversicherungen, ebenso wie die der Gewerkschaften vor uns.

Breiter aufgestellt wurden Genossenschaften ab Mitte des 19. Jahrhunderts - Zielsetzung: einerseits Kräftebündelung, andererseits keine Gewinnerzielung, sondern der Ertrag bzw. der Nutzen sollte von den Mitgliedern geteilt werden. Und ja, es gibt auch heute formalrechtlich noch viele davon: im Wohnbau, in der Landwirtschaft, bei Banken (Volksbanken oder Raiffeisen), im Handel (Konsumgenossenschaften). Allerdings haben die größeren sich längst zu kommerziellen Unternehmen mit bloß formeller Genossenschaftsstruktur gewandelt, etwa die Konsumgenossenschaft Migros (Schweiz), die Genossenschaftsbanken (Raiffeisen), etliche sind auch durch Skandale und Misswirtschaft (Coop in Deutschland, Konsum in Österreich) untergegangen.

Das ist jetzt ein vielleicht antiquierter und sperriger Ausdruck, aber wir kennen das schon noch: Nachbarschaftshilfe. Wenn jemand von nebenan auf das eigene Kind schaut, es dort essen kann, weil man selbst gerade vom Beruf aufgefressen wird - und da einmal gelernt wurde, sich notfalls gegenseitig etwas auszuhelfen. "Könnten Sie mir heute nachmittag auf mein Kind schauen, da …, ich revanchiere mich natürlich!"

Durch solche Bitten können mit der Zeit Vertrauensverhältnisse und Hilfestrukturen auch jenseits verwandtschaftlicher oder dörflicher Verhältnisse entstehen. Geld spielt dabei meist keine Rolle, nämlich als Bezahlen für das Aufpassen und das Mitessen-Können, sondern Tausch. Und der wird einerseits eher nur grob abgerechnet, nicht in Geldeinheiten, sondern annähernd in Zeit, andererseits vertrauensvoll kreditiert, sollen solche gegenseitigen Hilfen halbwegs dauerhaft passen.

Nachbarschaftliche Hilfe kann sich natürlich oft zu Freundschaften entwickeln und da zählen dann Äquivalenzen, also Tauschvorgänge ein Stück weniger und Kreditgewährung mehr. In engen, dauerhaften sozialen Beziehungen spielt die Waage eine unwichtige Rolle, ebenso ist es in der romantischen Liebe. Mit einer Abkühlung kann sich das selbstverständlich wieder ändern.

Nachbarschaftshilfe ist alte Sharing Economy: gemeinsames, geteiltes Helfen (in der Sprache der Ökonomie: Wirtschaften) bei der Betreuung eines Kinds, beim Annehmen der Postpakete, bei der Aushilfe mit Lebensmitteln, die beim Einkauf vergessen wurden, bei einer kleinen Reparatur.

Selbstorganisiert; oft erfreulich, manchmal lästig, mitunter gar nicht realisierbar. Erinnern wir uns an das Beispiel von vorhin, wo vier Nachbarn gemeinsam einen Rasenmäher kaufen und verwenden, da das Geld sparen wird. Das funktioniert nicht immer.

Natürlich ist das Internet eine gute Heimstatt für Teilen-Plattformen, da es außer der Zeit, die man dafür aufwendet, nichts weiter kostet, wenn man einmal den Zugang hat. Eine besonders nette Form einer solchen Teilen-Plattform, da sie auf dem Allmende-Gedanken beruht, ist etwa Mundraub. Sie informiert über öffentliche Orte, wo es Obst, Nüsse, Kräuter und anderes kostenfrei zu sammeln gibt. Natürlich, im Winter gibt es keine Äpfel und man muss auch erst einmal zu diesen Plätzen kommen.

Aber ebenso für zuviel gekaufte Lebensmittel oder ganz generell für Konsumgüter, die einer, aus welchen Gründen immer, verschenken will, existieren zumindest in Ansätzen zugängliche Möglichkeiten. Im Alltag praktisch sind dabei die Bücherboxen, bei denen Bücher verschenkt, getauscht und gratis entnommen werden können; hier die Liste solcher öffentlicher Bücherboxen in Wikipedia.

Bei den anderen Dingen fehlt allerdings ein solcher fixer und halbwegs zentraler Tauschpunkt wie die Buchbox. Das erschwert die Transposition der Güter in der Praxis, denn es ist einfach nur umständlich und teuer, durch eine halbe Stadt zu gondeln, um eine Schüssel Salat geschenkt zu erhalten. Darum funktionieren viele Tauschplattformen kaum, zum Beispiel Foodsharing in Wien. Einen Netzwerkeffekt in Gang zu bringen, Anlaufschwierigkeiten zu beheben, auf solche Möglichkeiten hinzuweisen, ist aufwendig und mühsam, nichts läuft von selbst.

Gut eingeführt und hoch genutzt hingegen sind die sogenannten Gastfreundschaftsnetzwerke, wie das für die Beteiligten unentgeltliche (aber mittlerweile kommerziell betriebene) Couchsurfing oder der Hospitality Club: Ein Schlafplatz wird hier tatsächlich geliehen (= unentgeltliche Gebrauchsüberlassung). Die Nutzung der Websites ist für den Leiher wie den Leihenden kostenlos, das Angebot passabel bis reichlich. Der Grund ist, für den Anbieter gibt es außer einer Email keine Transpositionskosten, der Nutzen kann reichlich sein - Menschen aus anderen Ländern sind oft interessanter und amüsanter als das abendliche Fernsehprogramm und überdies ist die Wohnung belebt.

Tauschringe sind kleine lokale Netze, die auf ein anderes ökonomisches Verständnis setzen. Hier wird nicht Leistung oder Marktwert getauscht oder verschenkt, sondern Fertigkeiten, die Einheit ist die Lebenszeit, jenseits von Euros. Wir kennen das schon von der erwähnten Nachbarschaftshilfe. Egal ob Nachhilfe für ein Kind, Reinigungsarbeiten, Kochen oder Hilfe bei der Steuererklärung, "für 1 Stunde werden 4 Talente berechnet" (Tauschring Heidelberg). Für einen überregionalen Austausch gibt es eine bundesweite Tauschbörse. Man hat den Eindruck, es funktioniert erst holprig und mühsam.

Während Tauschringe - in deren Selbstverständnis sind sie eine Form alternativer sozialer Ökonomie - Sharing Economy bedeuten, sind Regionalwährungen, wie der "Chiemgauer" als bekanntestes Beispiel, einfach herkömmliche Ökonomie, nur mit anderem Geld. Man kauft das Notebook mit seinem Europreis halt beim regionalen Händler mit euroäquivalenten Chiemgauern statt bei Amazon oder beim Mediamarkt mit Eurokreditkarte. Vorteil: Das Geld bleibt so zu einem Teil in der Region. Der Chiemgauer ist auch Schwundgeld (oder umlaufgesichertes Geld): "Der Umlaufimpuls bedeutet, dass [ein] Verbraucher die Scheine alle drei Monate um zwei Prozent mit Klebemarken aufwerten muss, wenn er sie nicht weitergibt. Das sorgt dafür, dass der Chiemgauer schneller im Kreis umläuft und so die Geschäftstätigkeit fördert." Für Liebhaber und Regionalfans funktioniert das in manchen Gegenden halbwegs.

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