Shell-Jugendstudie: Für die einen ist es Aufbruch, für die anderen Stagnation

Internet und Familie stehen hoch im Kurs bei den befragten 15- bis 25-Jährigen, auch politisches Engagement. Deutlich wird die soziale Schere

Die Kehrseite kommt erst am Schluss: Von zum Teil "massiven Versagensängsten" berichtet die neue Jugend-Shell-Studie auf der letzten Seite der Zusammenfassung. Die Ängste zeichnen sich beim größten Stressfaktor ab. Der wird in den Bereichen "Schule, Noten, Ausbildung und Beruf" lokalisiert.

Generell wird, wie dies verlässlich bei der Präsentation einer neuen Ausgabe der Jugendstudie der Fall ist, Wert gelegt auf Sonnenschein, so gelb wie das Logo des Auftraggebers. "Die junge Generation befindet sich im Aufbruch", erklärt Studienleiter Professor Dr. Mathias Albert von der Universität Bielefeld den Medien. Dies wird fürs Erste zusammenfassend damit unterstrichen:

Sie ist anspruchsvoll, will mitgestalten und neue Horizonte erschließen. Immer mehr junge Leute entdecken dabei auch ihr Interesse an Politik. Der großen Mehrheit der Jugendlichen ist es wichtig, die Vielfalt der Menschen anzuerkennen und zu respektieren.

Man macht also eine Idee von der Jugend. Gleichwohl gibt es eine Menge Ergebnisse der Befragung von repräsentativ ausgesuchten 2.558 Jugendlichen im Alter von 12 bis 25. Schon im ersten großen Bild, bei der Einschätzung, ob die persönliche Zukunft eher optimistisch oder pessimistisch ausfällt, zeigt sich ein Riss, der sich in anderen Schattierungen durchzieht.

61 Prozent der Befragten blicken optimistisch in die persönliche Zukunft, das sind noch einmal mehr als in den Jahren 2010 und 2006. Die Zuversicht der Jugendlichen aus sozial schwachen Schichten hingegen stagniert.

Wie der erwähnte Leistungsdruck zeigt: Vieles spiegelt sich in der Jugend-Studie wieder, was auch die Welt der "Erwachsenen" oder Älteren bestimmt, allen voran die Arbeitswelt. Darin ist man sich einig: Für 95% Prozent der Jugendlichen ist ein sicherer Arbeitsplatz wichtig.

Da Deutschland seit einigen Jahren prosperiert und die Arbeitslosigkeit zurückging, gab es einen Wechsel, wenn es darum ging, wo die Gesellschaft nach Auffassung der "Generation Aufbruch", besonders aktiv werden muss. Früher war das mit großem Abstand der "Arbeitsmarkt", jetzt ist es der Bereich "Kinder und Familie" und danach "Bildung, Wissenschaft und Forschung", gefolgt von "sozialer Sicherung, Rente" und dann erst der Arbeitsmarkt.

Tolle Familie

Familie und Freunde rangieren generell weit oben in den Bewertungen; das Familienleben ist für manche sogar so toll, dass sie gerne ihre Freizeit mit der Familie statt mit Freunden verbringen. Kritik an den Erziehungsmethoden der Eltern wird kaum geäußert.

So berichten weiterhin mehr als 90 % der Jugendlichen über ein gutes Verhältnis zu ihren eigenen Eltern (40 % kommen bestens miteinander aus, und weitere 52 % kommen klar, auch wenn es gelegentlich Meinungsverschiedenheiten gibt). Seit 2010 (35 %) ist der Anteil der Jugendlichen, die bestens mit ihren Eltern auskommen, noch einmal deutlich gestiegen.

Auch hier wird erwähnt, dass dies für Jugendliche aus den benachteiligten Schichten nicht in diesem Maße zutrifft. Sie liegt bei 46 Prozent, der Trend, der Vergleich mit früheren Studien zeige aber nach oben.

Freundschaft, Partnerschaft und Familie stehen bei den Mädchen und Jungen an erster Stelle. 89 Prozent finden es besonders wichtig, gute Freunde zu haben, 85 Prozent, einen Partner zu haben, dem sie vertrauen können, und 72 Prozent, ein gutes Familienleben zu führen.

Interessant im Bereich Familie, deren Beliebtheit in Zeiten größerer Unsicherheit und mit Medienkino-Begleitung offensichtlich zunimmt, ist, dass die Jugendlichen dieselbe Einschränkung angeben wie viele Erwachsene. Sie wünschen sich eine Familie, aber wegen der schwierigen Vereinbarkeit zwischen Beruf und Privat-oder Familienleben, zeigen sie sich, was Kinderwünsche angeht, zurückhaltender als bei früheren Befragungen. Auch hier zeigen sich Unterschiede zwischen den Schichten:

Vieles deutet darauf hin, dass sich die Sorge um die Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben auch auf den Kinderwunsch auswirkt. Insgesamt wünschen sich derzeit 64 Prozent der Jugendlichen Kinder, 2010 waren es noch 69 Prozent; bei männlichen Jugendlichen ist der Kinderwunsch stärker zurückgegangen als bei weiblichen Jugendlichen. Auch die soziale Herkunft spielt beim Kinderwunsch eine Rolle. Während drei Viertel der Jugendlichen aus der oberen Schicht angeben, sich Kinder zu wünschen, waren es in der unteren Schicht nur etwas mehr als die Hälfte.

99 Prozent der Jugendlichen haben Zugang zum Internet

Die Unterschiede setzen sich fort in dem Feld, wo sich die Jugendlichen als Generation zeigen, die einen markanten Unterschied zu den Älteren setzt, beim Anteil derjenigen, die internetfähige Geräte nutzen. Dazu liefert die Studie eindrucksvolle Zahlen - "99 Prozent der Jugendlichen haben Zugang zum Internet und sind durchschnittlich 18,4 Stunden pro Woche online, 2006 waren es noch weniger als 10 Stunden - und ein Spektrum an Aufschlüsselungen der Nutzung, die einen eigenen Blick verdienen.

Als bedeutsam erweist sich die soziale Herkunft, wenn es um die Vielfalt der Zugangskanäle geht. Fast die Hälfte (47 %) der Jugendlichen aus der oberen Schicht berichtet von drei oder mehr Zugängen (Smart-phone, Laptop, Desktop-Computer, Tablet etc.).

Angemerkt sei, dass sich auch hier bei der Art der Nutzung und der Häufigkeit auf Unterschiede zwischen den sozialen Schichten hingewiesen wird. Angesprochen wird im Bereich "Freizeitverhalten" zudem, was man Untersuchungen zu Schulleistungen bereits kennt, dass die Förderung, der Bildungshintergrund im Elternhaus Unterschiede verstärkt.

Verstärktes politisches Interesse und Verdrossenheit mit Parteien

Hervorgehoben wird in der Studie, dass das politische Interesse wieder - seit dem Höhepunkt zu Zeiten der deutschen Einheit - gewachsen ist.

41 Prozent der Jugendlichen bezeichnen sich heute als politisch interessiert (2002: 30 Prozent). Damit einher geht die gestiegene Bereitschaft, sich politisch zu engagieren. Häufige Aktivitäten sind der Boykott von Waren aus politischen Gründen und das Unterzeichnen von Petitionen. Online-Petitionen sind beliebter als Unterschriftenlisten. Jeder Vierte hat bereits an einer Demonstration teilgenommen, und zehn Prozent engagieren sich in einer Bürgerinitiative.

Zugleich wird aber eine Politikverdrossenheit gegenüber Parteienpolitik beobachtet:

Nach wie vor unterdurchschnittlich ist das Vertrauen, das Parteien entgegengebracht wird (2,6 auf einer Skala von 1 bis 5). Der Aussage "Politiker kümmern sich nicht darum, was Leute wie ich denken" stimmen 69 % der Jugendlichen zu (Altersgruppe 15 bis 25 Jahre).

Mit der Demokratie zufrieden zeigen sich 74 Prozent der Jugendlichen. 2002 waren das noch 60 Prozent und 2010 63 Prozent. Ein Trend, der in der Studie erfreut zur Kenntnis genommen wird, allerdings mit dem üblichen Verweis: Auch im politischen Bereich würden sich "soziale Differenzierungen" zeigen - Jugendliche aus den unteren sozialen Schichten artikulieren demnach eine "eine höhere Unzufriedenheit mit der Demokratie". Im Kontext der politischen Selbsteinstufung würden sich diese unzufriedenen Jugendlichen ebenfalls deutlich "weiter rechts" einordnen.

Insgesamt zeige sich auch hier: "Je höher die Bildungsposition und je höher das politische Interesse, desto eher erfolgt eine Positionierung links von der Mitte. Und umgekehrt". Interessant ist die Beobachtung der Studie, dass sich mit der "Bildungsposition" generell die Wahrscheinlichkeit ändere, dass Jugendliche mit in Kategorien "rechts" und "links" einordnen.

Gewalt, Krieg und Terror

Der Aussage, dass es "in jeder Gesellschaft Konflikte gibt, die nur mit Gewalt gelöst werden können" stimmen nur 14 Prozent zu. Die Studie ergänzt dies mit der Beobachtung, dass die Zustimmung zur Legitimität von Gewalt in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen bei den Jugendlichen, die sich "links", "eher links" oder "in der Mitte" einstufen, in etwa dem Durchschnittswert entspricht (links: 14 %, eher links: 12 %, Mitte: 15 %, ohne Positionierung: 12 %). Bei Jugendlichen, die sich "eher rechts" oder "rechts" positionieren, steige sie dagegen deutlich an: eher rechts: 19 %, rechts: 37 %.

Die Anschläge in Paris und der Konflikt in der Ukraine spielen laut Studie ein große Rolle in der Wahrnehmung der Jugendlichen:

Die gestiegene Terrorgefahr und der Konflikt in der Ukraine sind im Bewusstsein der Jugendlichen stark präsent. Fürchteten sich 2010 nur 44 Prozent vor Krieg in Europa, ist die Zahl 2015 sprunghaft auf 62 Prozent angestiegen. Das sind etwas mehr als 2002, als die Kriege im früheren Jugoslawien nachwirkten. Drei Viertel haben Angst vor Terroranschlägen. Für Deutschland wünschen sich die Jugendlichen in der internationalen Politik eine wichtige, vermittelnde, aber keine militärisch eingreifende Rolle.

Einwanderer

Auch die Offenheit der Jugendlichen gegenüber Einwanderern wird in der Studie hervorgehoben:

Waren es 2002 noch 48 % der Jugendlichen und 2006 sogar 58 %, die sich dafür aussprachen, die Zuwanderung nach Deutschland zu verringern, so ist dieser Anteil aktuell auf 37 % gesunken. 39 % der Jugendlichen sprechen sich hingegen dafür aus, dass auch in Zukunft genauso viel und sogar 15 %, dass mehr Personen als bisher aus dem Ausland zuwandern sollten.

Hier wurden markante Ost-West-Unterschiede ausgemacht - 35 % im Westen seien für weniger Einwanderung, im Osten 49. Die Zahlen stammen aus dem Frühjahr 2015. Es wäre interessant, ob sie sich gehalten haben. (Thomas Pany)