Shop til you drop

Wie das Einkaufen die zeitgenössische Urbanität bedingt und zugleich verändert

Vom amerikanischen Regisseur und Komiker Woody Allen stammt der schöne Satz: „Ganz ohne Frage gibt es eine Welt des Unsichtbaren. Das Problem ist, wie weit ist sie vom Stadtzentrum weg, und wie lange hat sie offen?“ Das Bonmot ist – nicht nur wegen der aktuellen Karstadt-Krise – durchaus hintergründiger, als es zunächst den Anschein hat.

Seit in den 60er und 70er Jahren allerorts die Fußgängerzonen sprossen, und seit aus dem Einkauf für den täglichen Bedarf die postmoderne Freizeitbeschäftigung Shopping geworden ist, bemächtigt es sich mehr und mehr der Stadt. Das hat tiefergehende Gründe. So notiert etwa der Soziologe Gerhard Schulze, Erlebnisorientierung sei „die unmittelbare Form der Suche nach Glück“.

Im praktischen Alltagsverhalten der Menschen schlägt sich das auch räumlich nieder, weil Erleben und Glück augenscheinlich nicht nur in der privaten Sphäre – sei’s vorm Fernseher oder im Bett, sei’s im Sportstudio oder an der Theke – gesucht und gefunden werden. Vor einiger Zeit ist sogar behauptet worden, dass sich die Rolle des öffentlichen Raums in den zeitgenössischen amerikanischen und europäischen Städten auf dessen konsumptiven Charakter reduziert habe. Shopping sei demzufolge die letzte verbliebene „öffentliche Handlungsweise“, weil der öffentliche Stadtraum von Kaufmechanismen geregelt werde und andere Bereiche urbanen Lebens – etwa die zwanglose Begegnung von Menschen, der Austausch von Meinungen, das Demonstrieren – vom System des Kaufens und Warenverkaufs verdrängt werden.

Das mag überzeichnet erscheinen. Gleichwohl liegt die Frage nach dem Zusammenhang von Shopping und Stadt nahe. Gestellt worden ist allerdings höchst selten. Die „Charta von Athen“ etwa – jene berühmt-berüchtigte Handlungsanleitung, die international dem Wiederaufbau der Städte in der Nachkriegszeit zugrunde gelegt wurde – benennt mit „Wohnen, Arbeiten, Verkehr und 'sich erholen in der freien Zeit'“ lediglich vier für die Stadt zentrale Funktionen. „Versorgen“ ist hier nicht genannt, somit in dieser Doktrin wohl bloß eine banale Notwendigkeit, die so effektiv wie möglich im Zeitbudget des Wohnens erledigt werden soll. Aus der Charta musste man die Schlussfolgerung ziehen: Mit Handel ist keine Stadt zu machen.

Was natürlich Unsinn ist. Denn, historisch gesehen, gibt es hier eine enge Wechselbeziehung. Die Hansestädte sind ein schlagendes Beispiel: Lebte früher eine Stadt von ihrem Handel und Gewerbe – jeder konnte dies täglich spüren und sehen, Erfolg und Verlust gingen ihn unmittelbar an –, so ist dies heute für den einzelnen durch die komplexen und nur noch mittelbaren Geschäfts- und Logistikbeziehungen kaum mehr erlebbar. Namen wie "Holzmarkt", "Gänsemarkt" oder "Pferdemarkt" sind zwar geblieben, aber was sich heute auf diesen Plätzen zuträgt, hat nicht mehr viel mit dem zu tun, was sich dort in der Vergangenheit abspielte. Denn Änderungen der menschlichen Lebens-, Arbeits-, Wohn-, Verkehrs- und Kommunikationsformen haben im Lauf der Zeit die Nutzung des Stadtraumes erheblich verwandelt.

Im Unterbewussten aber ist das Bild vom „Marktplatz“ wohl stets bestimmend für eine erfolgreiche Verkaufsstrategie des Handels geblieben. So war es nur folgerichtig, dass im beginnenden 19. Jahrhundert mit der Passage ein Bautypus entwickelt wurde, der eben dieses Bild neu belebte: Mit einem Raumgefühl, das den Bedürfnissen und Süchten einer sich liberalisierenden Gesellschaft Rechnung trägt; und der illusionistische Sphäre einer gebauten dschungelhaften Stadtwirklichkeit. Passagen seien, so Walter Benjamin, „Häuser, die keine Außenseite haben - wie der Traum“. Behütet vor den Widrigkeiten des Alltags – wie Regen, Schnee und Straßenschmutz – konnte man hier gänzlich neue Erfahrungen sammeln: Die Welt im Kleinen, und dazu noch käuflich.

Um die vorletzte Jahrhundertwende kam eine weitere "Erfindung" hinzu: Das Kaufhaus. Dessen Prinzip – feste Preise, alles unter einem Dach – kam zwar aus Frankreich, aber Rudolph Karstadt, Abraham Wertheim und Leonhard Tietz haben es hierzulande so prominent wie opulent gemacht. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg verkürzte sich das Kaufen auf Bedürfnisbefriedigung: Die Warenhäuser wurden zu gesichtslosen Boxen mit maximierter Verkaufsfläche, und beim Discounter übernahm der Kunde die Rolle des Hilfslageristen, wenn er die Waren aus der Transportverpackung befreien musste.

Mochten die großen Konsumtempel von Wertheim, Kaufhof und Karstadt bis vor etwa zehn Jahren noch als unangefochtene Ankerpunkte des urbanen Einkauferlebnisses dienen, so tun sie sich nun längst schwer, Kunden anzulocken. Das Sortiment ist enorm, die Verheißung gering. Wen zieht es schon in die Kurzwarenabteilung, um einen Reißverschluss zu kaufen? Wer arbeitet sich gern von Etage zu Etage vor, an Wühltischen und Sammelkassen vorbei, wenn die Modekette oder das Outlet trendigere Ware auch noch billiger verkaufen?

Heute stehen wir vor einer Situation, in der unübersehbar zweierlei Formen des Einkaufens parallel existieren. Zum einen die herkömmliche Bedarfsdeckung. Sie wird, schnell und anspruchslos, gleichsam um die Ecke erledigt – im Supermarkt, der entweder als karger Großraum im Erdgeschoss oder in einer wenig anheimelnden, zweckrationalen Kiste untergebracht ist. Die Zahlen lassen staunen: In den letzten Jahren wurde durchschnittlich jeden Tag ein neuer Lebensmitteldiscounter eröffnet; allein Aldi machte von Mai 2003 bis Juni 2004 insgesamt 265 neue Filialen auf. Gerade diese Art von Supermärkten nimmt aber eigentlich keine Beziehung zur Umgebung auf: Es sind vor allem in sich gekehrte, flache Typenbauten ohne Ortsbezug, mit vorgelagerten, meist überdimensionalen Parkplatzflächen. Irgendwie unwirtlich, aber augenscheinlich von der Kundschaft akzeptiert.

Zum anderen das Shoppen als Erlebnis. Ein Wegzeichen dafür waren die berühmten Flagship-Stores – beginnend mit dem Prada-Epicenter in New York von Rem Koolhaas – sowie die Armani-Niederlassungen, die der Italiener Silvestrin in aller Welt, von Mailand über Paris und Moskau bis Tokio, seit 1999 gestaltet hat. Ein weiteres, noch viel umfassenderes Signal stellt die neue Generation von Shopping-Malls dar. Ein Beispiel dafür ist in Berlin-Steglitz jenes Center, das sich so lapidar wie hochtrabend „Das Schloss“ nennt - ein eklektisches Bauwerk, welches das benachbarte neogotische Rathaus überbieten will und mit „urbaner Aufenthaltsqualität“ protzt. Ein anderes die von den Architekten Herzog & de Meuron entworfenen, mit einem exquisiten Angebot aufwartenden „Fünf-Höfe“ in der Münchner Theresienstrasse. Und auch die „Schloss-Arkaden Braunschweig“ passen nahtlos in dieses Bild – wenngleich sie sich der Hülle einer, um nur das Mindeste zu sagen, diskussionswürdigen Kopie des 1960 abgerissenen Welfen-Schlosses bedienen.

Zeig mir wo du kaufst, und ich sag dir, wer du bist: Der Strukturwandel im Einzelhandel verändert nicht nur die Konsumwelt, sondern auch die Stadtkultur. Wenn seitens der Architektur- und Stadtkritik nun Zeter und Mordio geschrieen wird, dann ist das nicht ohne Ironie. Schließlich hat sich die Architekturdiskussion (zu) lange nicht ernsthaft mit den Bedürfnissen der Einzelhändler und ihrer Kunden beschäftigt. Weswegen man sich auch nicht wundern muss, das Kaufhäuser und Einzelhandelszentren zunächst einmal von Handelslogistikern konzipiert werden, die genau zu wissen glauben, was König Kunde wünscht: Zugänglichkeit, Bequemlichkeit, Sauberkeit. Die Grundhaltung von Planern und Soziologen ist häufig ressentimentgeladen: Das Shopping Center wird als Fremdkörper empfunden, der noch dazu aus den USA kommt (Amerikanisierung!) und sich verhält wie „fast food“ zu „Gutbürgerlicher Küche“. Dabei ist die Geschichte des Shopping Centers so alt wie die europäische Stadt. Deren Gründungsimpuls ist der Markt. Und somit sind beide, Stadt und Center, auch das Produkt identischer Kräfte.

Neue Geschäfte, Läden und Shops scheinen heute allerdings nur dann Aussicht auf Erfolg zu haben, wenn sie das jeweilige Umgebungsmilieu aufgreifen und weiterentwickeln. Und die Res publica, der öffentliche Raum der Stadt, wird mehr denn je zu einer kommerziellen Kategorie, zu einer Art Fruchtwasser, in dem der Einzelhandel sich neu gebiert. Das performative Aufpeppen der City steht aber beileibe nicht nur im Interesse des Handels: Vollmundig sprechen viele Kommunen davon, dass die Attraktivität, Anmutung und Aufenthaltsqualität des Innenstadtraums gestärkt werden müsse. Genau das ist auch die Philosophie hinter den BIDs, den Business Improvement Districts, die in Hamburg und auch in Nordrhein-Westfalen erprobt bzw. eingeführt werden. In diesen Bereichen, wie z.B. der Langen Reihe in Hamburg-St.Georg, vereinbaren die Besitzer der darin liegenden Immobilien rechtskräftig, gemeinsam zur Verbesserung der Einkaufssituation beizutragen, indem sie etwa das äußere Erscheinungsbild ihres Bereiches verbessern oder gemeinsame Verkaufsaktionen durchführen.

Nicht mehr die grüne Wiese – wie seinerzeit das Main-Taunus-Zentrum vor den Toren Frankfurts –, sondern die Innenstadt ist die Perspektive der avancierten Einkaufscenter. Die zeitgenössische Handelsarchitektur sucht nun eben jenes städtische Milieu, das die industrielle Handelskultur weithin überwunden glaubte. Und plötzlich ist der öffentliche Raum ein Standortkriterium, zugleich ein Faktor in der Städtekonkurrenz. Wie wichtig gerade dieser public space für den Handel ist, zeigt sich daran, dass er mit Malls und Galerien eigene Formen entwickelt hat, die aus Sicht des Handels optimal gestaltbar und kontrollierbar sind.

In Berlin, am Alexanderplatz, entstand vor einiger Zeit ein Center der Superlative: Das „Alexa“, im Volksmund aufgrund seiner geschwungenen Form als Banane bezeichnet, bildet nun mit mehr als 180 Geschäften den größten Konsum-Tempel der Hauptstadt. Damit will man etwa dem Limbecker Platz in Essen Paroli bieten. Denn am Ort seines historischen Stammhauses hat sich der Karstadt-Konzern – zusammen mit ECE, den größten Center-Betreiber Europas – mit Gunter Henn einen Stararchitekten geangelt, der mit der Autostadt Wolfsburg und der Gläsernen Manufaktur in Dresden Großprojekte in ansprechende Verpackung zu kleiden verstand.

Vergleichbares findet auch im Wettbewerb der mittelgroßen Städte statt; so werden etwa in Osnabrück, Oldenburg, Hameln und Celle zeitgleich riesige Einkaufsparadiese realisiert, die sich mitten in die gewachsenen Strukturen zwängen. Was wiederum die Umland-Gemeinden dazu nötigt, ihre Flaniermeilen herauszuputzen und verstärkt die Kundschaft im Ort zu halten. Im Zweifel hilft dabei der Branchenprimus ECE. Allerorts verheißen seine schicken Mall-Architekturen mit viel Glas, edlen Böden, Wasserspielen und Piazza-Qualitäten vor allem eines: Einkaufsspaß mit Unterhaltungswert. Aus der Warte des Handels ist das nur folgerichtig. Doch auch gesellschaftlich hat das durchaus seine Richtigkeit: Der augenscheinliche Rückgriff auf die europäische Stadt im allgemeinen und die berühmten italienischen Stadtplätze im besonderen muss wohl als Vergewisserung eines Ideals verstanden werden, das in der Verbindung von Schönheit und Lebendigkeit bis heute den meisten als Vorbild gilt.

Freilich gibt es einen ganz entscheidenden Einwand: Was das Center oder die Shopping-Mall von der innerstädtischen Geschäftsstraße unterscheidet, ist die Tatsache, dass ein Investor bzw. Betreiber die Mall plant, produziert, besitzt und verwaltet. Er verfügt über alle relevanten Informationen, über alle notwendigen Mittel (Eigentumsrechte, Geld), und er verfolgt widerspruchsfreie Ziele: die Maximierung des Ertrags auf das eingesetzte Kapital. Und er strebt danach, alles Unliebsame außen vor zu halten – auch jene Bürger, die sich nicht (konsum)konform verhalten. Kurz: die Mall oder das Center wird in jener idealen Planungssituation realisiert, die der Oldenburger Soziologe Walter Siebel so schön das „Gott-Vater-Modell von Planung“ genannt hat: Von einem allmächtigen und allwissenden Subjekt, das jenseits von Gut und Böse handelt. Demgegenüber werden innerstädtische Räume gleichsam in Stückwerkstechnik produziert, d.h. in einem Aushandlungsprozess zwischen einer Vielzahl von Akteuren, die teilweise widersprüchliche Ziele verfolgen und unter Bedingungen strukturell unzulänglicher Mittel und Information handeln müssen. Dies ist ein wesensmäßiger Unterschied, der nicht aufhebbar ist.

Dass Zugang und Sicherheit durch den Betreiber vollkommen und zentral kontrolliert wird, scheint „Otto Normalverbraucher“ indes kaum zu kümmern; er frequentiert und genießt die Malls und Centers, beklagt allenfalls, dass zu wenige Ruhebänke angeboten werden. Die perfekt gestylten (Innen)Räume des Shopping verändern die städtische Sphäre, wie umgekehrt die neuen Raumangebote unser Alltagsverhalten verwandeln. Bis zu einem gewissen Grad werden wir also akzeptieren müssen, dass sich die Rolle des öffentlichen Raums in unseren zeitgenössischen Städten ändert, indem sein konsumptiven Charakter akzentuiert wird.

Mögen die Center hierzulande, gemessen an internationalen Maßstäben, auch eher im Bonsai-Format daherkommen, so boomen sie doch unaufhörlich: Die Zahl derjenigen, die mindestens eine Verkaufsfläche von 10.000 Quadratmetern aufweisen, stieg von 93 im Jahr 1990 auf 372 im Jahr 2006; und trotz leichter Abschwächung ist kein Ende des Trends abzusehen. Ähnlich ausgeprägt ist jedoch die Kritik an ihnen – als ästhetisch-sterile, funktional-monotone, bloße Simulationen von Stadt.

Freilich sind auch die Fußgängerzonen – Symbol des gehobenen Massenkonsums in Zeiten des Wirtschaftswunders – nicht mehr das, was sie einmal waren. Renommierte Fachgeschäfte schließen und werden teilweise, vor allem in kleineren Städten, durch Ramschläden ersetzt oder stehen leer. Damit wiederum nimmt die Attraktivität und die Besucherfrequenz dieser Einkaufsbereiche ab, zumal sie tendenziell monofunktionaler werden, weil der Anteil der Geschäfte, die ausschließlich Textilien (H&M, New Yorker, C&A, Zara usw.) verkaufen, steigt. Die Filialisierung, also die Verdrängung privat betriebener individueller Geschäfte durch Franchiser oder Filialisten (Schlecker, Douglas, Nordsee, Fielmann etc.), tut da nur ein übriges: Sie sorgt, mit ihren standardisierten Sortimenten und Geschäftsmodellen, für Langeweile, und sie banalisiert, mit ihrer anspruchslosen Architektur des Immergleichen, das Stadtbild. Und die großen Kaufhäuser schaffen es kaum, ein Gegengewicht zu bilden, da sie sich seit zwanzig Jahren in einer Krise – und nun gänzlich in der Misere – befinden, auf die bisher keine endgültige Antwort gefunden wurde.

Die Kernfrage lautet: Was wird aus der City angesichts des Booms der Shopping Center und der Existenzkrise des traditionellen Handels in den Kaufhäusern, Einkaufsstraßen und Fußgängerzonen? Wenn die Modernisierungsschübe des Handels die Vitalität der Innenstädte auszuhöhlen drohen, dann kann die Aufgabe für Städte und Kommunen bloß lauten: Das Shopping für die Stadt zu „kultivieren“! Dafür allerdings bleibt noch einiges zu tun.

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