Showdown an der Bernsteinküste: Wenn Politik die Energieversorgung bestimmt

"BRELL exit, Connecting Europe": Die Politik gestaltet das baltische Stromnetz um

Diese Tendenz setzt sich auch im Energiesektor des Ostseeraums fort. Dessen Umstrukturierung beschränkt sich dabei nicht auf die Erdgasversorgung.

Die baltischen Staaten waren bisher im Rahmen des BRELL-Abkommens von 2001 in einem von Russland betriebenen Stromnetz integriert, das die Netze von Weißrussland (Belarus), Russland, Estland, Lettland und Litauen miteinander verbindet. Die Netzbetreiber in allen fünf Ländern arbeiten mit gleicher Spannung und Frequenz und haben die gleichen Backup-Regeln für den Fall eines Stromausfalls. Das als IPS/UPS bezeichnete System war zu Sowjetzeiten geschaffen worden und wird weitgehend zentral von Moskau verwaltet. Früher daran angeschlossene sozialistische Bruderländer wie Polen und Ungarn oder das Gebiet der ehemaligen DDR wechselten Mitte der 1990er Jahre ins europäische Verbundsystem.

Die ehemaligen Sowjetrepubliken Estland, Lettland und Litauen haben wiederholt angekündigt, sich von BRELL verabschieden und stattdessen ihre Netze mit dem europäischen Stromnetz synchronisieren zu wollen - mit Hilfe von milliardenschweren Zuschüssen aus dem EU-Programm "Connecting Europe" - doch nicht ohne Bedenken.

Die drei baltischen Länder planen, über eine einzige Verbindung mit dem polnischen Netz ans europäische Stromnetz angeschlossen zu werden. Doch das hat seine eigenen Sorgen, die mit der Energiewende seines westlichen Anrainers Deutschland kamen: Schwankungen in der Versorgung mit erneuerbaren Energien führen zu Problemen im deutschen Netz. Bei hoher Stromproduktion kommt es immer wieder zu ungeplanten Stromflüssen - mit Domino-Effekten für die angeschlossenen europäischen Nachbarn. Die Installation von Phasenschiebertransformatoren soll den Zufluss von Ökostrom aus Deutschland besser regulieren und ausgedehnte Stromausfälle vermeiden, doch ob das ausreichen wird, Netzstörungen zu verhindern, sobald die EU ihr Stromnetz ins Baltikum ausweitet, ist unklar.

Wenn die baltischen Länder nicht erhebliche Investitionen tätigen, um ihre Grundlastkapazitäten zu erhöhen, werden die bereits jetzt schon stark belasteten Stromverteilungssysteme der EU weiter unter Druck geraten. Die baltischen Staaten hoffen, eine Erhöhung ihrer Reservekapazitäten ausschließlich über erneuerbare Energien erreichen zu können - ein Schritt, der das Problem nur verschärfen wird. Für Beobachter deuten diese unausgegorenen Vorstellungen auf eins hin: das "BRELL exit" vor allem ein politisches Projekt ist, dessen Alltagstauglichkeit fraglich bleibt.

Der "Baltic Energy Market Interconnection Plan" (BEMIP) der EU sieht vor, den Übergang bis 2025 vollzogen zu haben. Um die baltischen Staaten mit dem kontinentaleuropäischen Netz des europäischen Verbundsystems zu synchronisieren, ist für Juni 2019 anders als bei vorangegangenen Versuchen ein Test anberaumt, bei dem die Stromverbindung von Litauen nach Kaliningrad für die Testdauer abgeschaltet werden soll.

Russland und Weißrussland müssen im Falle des "BRELL exit" ihre Netze neu ordnen. In Moskau ist man der Ansicht, dass russische Interessen in dieser Frage missachtet werden. Die anberaumten Veränderungen würden den Weiterbetrieb des Kaliningrader Elektrizitätssystems in Frage stellen. Es müssen nun Lösungen gefunden werden, die sicherstellen, dass Stromversorgung und Netzbalance gewährleistet bleiben.

Eine Option aus Kaliningrader Sicht: die Wiederaufnahme des Baus des Kernkraftwerks Kaliningrad, mit dem die Russen ursprünglich auch Strom an die Nachbarn exportieren wollten. Der Bau begann 2012, wurde 2013 jedoch aus verschiedenen Gründen ausgesetzt. Obwohl es bisher keine Hinweise auf eine Wiederaufnahme gibt, wird das Projekt in der Statistik der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) als im Bau befindlich gelistet.

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