Showdown an der Bernsteinküste: Wenn Politik die Energieversorgung bestimmt

Exkurs: Kohlenwasserstoffvorkommen vor der baltischen Küste

Im Baltikum gibt es zwar Vorkommen von Kohlenwasserstoffen, ihre Größe ist jedoch übersichtlich. Nach Schätzungen des US Geological Survey aus dem Jahre 2014 könnten die Ostsee-Anrainer Polen, Russland, Litauen, Lettland, Estland und Schweden bis zu 1,6 Milliarden Barrel an förderbarem Öl (82 Prozent davon unkonventionelles Schieferöl) an ihren Küsten finden. Bei den auf 147 Milliarden Kubikmetern bezifferten Gasreserven der Region sind es fast 90 Prozent, die der Kategorie Schiefergas zuzuordnen sind.

Die vielversprechendsten Gasfelder sollen in den Hoheitsgewässern Polens liegen, während die möglicherweise produktivsten Ölfelder dem Kaliningrader Gebiet zugeordnet werden.

Erste Versuche zur Erkundung des Offshore-Kohlenwasserstoffpotentials der Ostsee wurden ab 1975 unter sowjetischer Federführung durchgeführt. In den polnischen, russischen und jetzt lettischen Hoheitsgewässern wurden mehrere Ölfelder entdeckt, von denen keins einen Umfang von 5 Millionen Tonnen an Reserven überschritt.

Von den entdeckten Feldern produzieren drei: zwei vor der polnischen Küste, und das Kravtsovskoye-Ölfeld vor der Küste des Kaliningrader Gebiets. Jüngere Entdeckungen im russischen Sektor haben unterdessen neue Hoffnungen geweckt. 2015 hatten Lukoil-Prospektoren eine Offshore-Öllagerstätte mit geschätzten Ölreserven von 21,2 Millionen Tonnen entdeckt: das erste mittelgroße Ölfeld in der Ostsee.

Lukoil hatte seine Suche im Ostseeraum 1995 begonnen. Heute sind die meisten Vorkommen an Land erschöpft, und es gilt als unwahrscheinlich, dass dort noch eine bedeutende Lagerstätte auf ihre Entdeckung wartet.

Lukoil will bis zum Jahr 2030 vier Offshore-Felder in Betrieb nehmen und bis 2027 eine Gesamtproduktionsleistung von 2,15 Millionen Tonnen Öl pro Jahr erreichen - lediglich 0,3 Prozent der gesamten russischen Produktion und 2 Prozent der Gesamtleistung von Lukoil. Trotzdem bekräftigte Lukoil die Absicht, die Erkundungsbohrungen in fünf weiteren Blöcken fortzusetzen, deren verwertbare Ressourcen auf 32 Millionen Tonnen Öl geschätzt wurden.

Russland wird hier bis mindestens Mitte des Jahrhunderts weiter fördern, wenn auch in kleinem Umfang. Ähnliches wird für Polen erwartet. Das Land wurde 1992 zum ersten Ölförderer in der Ostsee. Es hat mehr als zwanzig Jahre gedauert, bis 2015 mit der neuen Plattform "Petrobaltic" ein weiteres Offshore-Projekt in Betrieb genommen wurde, dessen förderbare Reserven auf 3,5 Millionen Tonnen geschätzt werden. Der Betreiber, das polnische Öl- und Gasunternehmen Lotos, hält eine Produktionsspitze von rund 5.000 Barrel pro Tag für möglich, was einem Viertel der gesamten Ölproduktion Polens entspräche. Lotos beabsichtigt nun, auch zwei gashaltige Lagerstätten mit Gesamtreserven von 4 Milliarden Kubikmetern und einer voraussichtlichen Jahresleistung von 250 Millionen Kubikmetern ans Netz zu bringen.

Litauen hat bisher keinerlei Schritte unternommen, um sein Kohlenwasserstoffpotential auszuloten. Lettlands größtes Offshore-Ölfeld, der E6-1-Block von Balin Energy, einem Joint Venture zwischen Polens PKN Orlen und Kuwait Energy, ist das Relikt eines sowjetischen Fundes, der 1984 entdeckt worden war. Die angenommenen Reserven von 2-3 Millionen Tonnen könnten sich für die Produktion jedoch als unwirtschaftlich herausstellen. Daher werden Russland und Polen bis auf weiteres wahrscheinlich die einzigen Öl- und Gasproduktionsnationen im Baltikum bleiben. Das hier geförderte Öl wird vor allem vor Ort verwendet. (Bernd Schröder)

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