Sie können auch anders

Kindergeburtstage als legalisierte Folter für alle

Überall, auch in Telepolis, ist viel von dem die Rede, was Erwachsene Kindern antun. Selten wird hingegen beleuchtet, welche Möglichkeiten Kinder haben, sich an Erwachsenen zu rächen. Eine der wirkmächtigsten ist ganz gewöhnliche Kindergeburtstag.

Haben Sie Kinder? Ja? Na Glückwunsch. Die einen sagen: "Süß!" oder "Bravo!", und die anderen schauen Sie mitleidig an, weil Sie zu der schwachsinnigen Minderheit gehören, die sich das noch antut. Ob ich meine Kinder liebe? Was glauben Sie denn? Aber Fakt ist nun einmal, dass Erziehung eine traumatische Erfahrung ist - und zwar für Eltern und Kinder. Weil sie sich nämlich gegenseitig traumatisieren. Ich rede hier gar nicht von den wenigen, aber belegbaren Fällen, in denen Kinder ihre Eltern schlagen. So glimpflich kommen Eltern bei einer heutzutage normalen Kindheit nicht weg.

Ich rede seit meiner letzten Erfahrung in dieser Hinsicht vor allem von der harmlos wirkenden, aber in der Realität grausamen Institution des Kindergeburtstags. Früher war bekanntlich alles besser, Kindergeburtstage sind da keine Ausnahme. Früher bekam das Kind irgend etwas geschenkt, saß mit irgend welchen anderen Kackbratzen um den Küchentisch herum, auf dem irgend ein Kuchen stand, hatte ein bisschen rote Backen vor Aufregung und war am Abend wieder für ein ganzes Jahr bedient. Die Zeiten des "irgend etwas", der "irgend welchen" und des "irgend ein" sind lange vorbei.

Eigentlich ein Klacks

Ernsthafte, wirklich gut durchgeplante Kindergeburtstage fangen ein halbes Jahr vor dem Geburtstag an. Wer glaubt, dass er heute noch mit einem Egalgeschenk von der Stange rote Aufregungsbacken hervorrufen kann, der wird am Tag der Tage erfahren, wie Enttäuschung im Gesicht einer Neunjährigen aussieht. Und das Gleiche gilt für die PARTY, einen Schrecken, dem wirklich nur Großbuchstaben angemessen sind.

Natürlich wollte ich dieses Jahr schlauer sein. Wie immer. Ich hatte mir überlegt, mit der ganzen Bagage eine Bowlingbahn unsicher zu machen. Eine Bowlingbahn wohlgemerkt, die sich ihrer speziellen Angebote für Kinder brüstete. Kindgemäße Bowlingkugeln. Leitplanken, die verhindern, dass die lieben Kleinen je die charakterdeformierende Erfahrung eines Fehlschusses machen müssen. So was halt. Es waren nur neun Mädchen zwischen acht und zehn Jahren. Neun. Eigentlich ein Klacks.

.. und dann: ein Tornado

Aristoteles war der Meinung, dass der Mensch ein politisches Tier sei, aber selten wird gemutmaßt, dass die Betonung auch auf "Tier" liegen könnte und nicht auf "politisch". Man kennt die menschliche Schwarmblödheit von Demonstrationen, Fußballspielen, Kirchentagen und ähnlichen Volksbelustigungen, aber beim Kindergeburtstag erreicht sie eine ungeahnte Intensität. Stellen Sie sich einen Tornado in einer Bowlingbahn vor, und sie kommen noch lange nicht hin.

Ich will jetzt gar nicht zu sehr in die Details gehen. Wem die Schuhe wann nicht passten; wer gegen was allergisch war; wer wem die Zehen mit der Bowlingkugel zu zermatschen oder hinter ihr her über die Bowlingbahn zu schliddern drohte, weil er bzw. sie mit neun Jahren nicht in der Lage war, sich die Schuhe zu binden; wer sein soziopathisches Talent zur Geltung brachte, indem er bzw. sie alle anderen unter Zuhilfenahme eines Strohhalms mit "Scheißeknöddelchen" beschoß, die in Wirklichkeit aus spuckeweichem, von der Getränkekarte weggerupftem Papier bestanden - das würde den Rahmen dieses Artikels sprengen.

Ich will auch nicht die Namen der Teilnehmerinnen nennen, die auf dem Nachhauseweg drei Mal auf die Toilette mussten, denen nach zehn Metern die Füße so weh taten, dass sie sich nur durch Bestechung zum Weiterlaufen animieren ließen oder die spontan kleine giftige Mobbingruppen bildeten, um andere Teilnehmerinnen hinter ihrem Rücken, aber deutlich für sie hörbar, mit übler Nachrede zu überziehen. Sie heißen ja auch alle gleich - Cora, Chiara, Charlotte und was dergleichen Kleinbürgerlüftchen mehr sind.

Ich will einfach vergessen, was dann zu Hause geschah, als der ausgewählte Film nicht passte, die Allergien wieder zuschlugen, der Zickenterror ein Ausmaß annahm, das jedem Modelcontest Ehre gemacht hätte. Durchatmen und vergessen wollte ich, als der Staub sich gelegt hatte, das Geschwätz verstummt, der böse Mädchenmob verschwunden war. Aber das hat eine posttraumatische Belastungsstörung nun einmal so an sich, dass sie noch ewig nachwirken kann. Alpträume, Flashbacks, Schweißausbrüche sagen mir, dass ich jetzt doch einen Krieg miterlebt habe. Einen unerklärten zwar - aber das sind ja oft die schlimmsten.

Pech?

Mein individuelles Pech? Fehlerhafte Logistik und Durchführung? Das Problem ist doch wohl, dass einem zum Thema Kindergeburtstag überhaupt Begriffe wie "Logistik" einfallen. Neuerdings habe ich von Wellness-Kindergeburtstagen gehört, bei denen enderschöpfte Mütter den anwesenden Prinzessinnen Massagen und Gurkenmasken verpassen, nur um sich später Beschwerden darüber anzuhören, dass das Wetter zum Sonnenbaden nicht getaugt hat.

Wenn das so weiter geht, kommen in den nächsten Jahren die ersten Angebote für Kindergeburtstage im erdnahen Orbit auf den Markt - wobei die Aussicht, den ganzen Zirkus auf den Mond schießen zu können, wieder einen gewissen Reiz hat. In den USA gibt es bereits professionelle Beratung gegen den Wahnsinn. Und bei mir wird nächstes Jahr alles anders. Hoffentlich. Meine Tochter war übrigens sehr zufrieden. (Marcus Hammerschmitt)

Anzeige