"Sie konnten Ihre Identität nicht nachweisen"

Comment Monsieur prend son bain

Ich ist ein anderer: Nachrichten aus dem Leben eines Filmliebhabers in drei Abteilungen - Folge 2

Was bisher geschah: Der Autor, der in gewisser Weise Hans Schmid heißt, bestellt im Versandhandel französische DVDs mit Stummfilmen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die als Importprodukt von der FSK nie auf ihre Jugendverträglichkeit untersucht und deshalb auch nicht freigegeben wurden. Darum dürfen sie nur eigenhändig sowie nach vorheriger Alters- und Identitätsprüfung übergeben werden. Das erfordert der Jugendschutz. - Der Paketbote hat nicht die Zeit, die nötig wäre, um den Empfänger zuhause anzutreffen. Statt zu klingeln hinterlässt er eine Sendungsbenachrichtigung. - Jetzt steht der Autor in der Postfiliale, in der er sein Paket abholen soll.

Zunächst lief alles wie geschmiert. Ich legte die Benachrichtigung des Zustellers vor, das zugehörige Paket war rasch gefunden. Das war umso erfreulicher, als ich von einer Angestellten betreut wurde, die hervorragend deutsch spricht, dies aber mit einem leichten Akzent, der ihren Migrationshintergrund verrät. Hinter mir stand ein Opa, der gerade seine polnische Altenpflegerin zur Schnecke machte, weil sie ihm die Brille nicht schnell genug gereicht hatte. Meiner Beobachtung nach reagieren manche Ausländer und Zuwanderer mit einer Form von Überkompensation auf die harsche Behandlung, die ihnen von gewissen Einheimischen zuteil wird, weil die Ausländer (auch solche mit deutschem Pass) keine Deutschen sind. Ohne der Dame mit dem Akzent zu nahe treten zu wollen muss ich sagen, dass sie es mit der Anpassung an die hiesige Leitkultur übertreibt. Ich weiß, wovon ich spreche. Wenn man wieder einmal begriffsstutzig ist oder ohne ausgefülltes Formular vor der Angestellten steht, weil man es zwischen Schreibwaren und Krimskrams nicht finden konnte, reagiert sie so ungeduldig, dass es wie früher ist, als man als Kunde wie ein die geregelten Abläufe störender Bittsteller behandelt wurde und Deutschland stolz darauf war, eine Servicewüste zu sein.

Dieses Mal schien alles gutzugehen. Ich hatte der Angestellten durch mein Erscheinen nicht die Laune verdorben, zwischen ihr und mir lag das Paket mit "Le cinéma premier" auf dem Tresen: sieben DVDs mit Stummfilmen aus der Zeit von 1897 bis 1913, nur leider ohne FSK-Freigabe und daher erst nach erfolgter Identitäts- und Altersprüfung auszuhändigen. Seit dem Erlebnis mit Alice Guy und der Namensverwechslung in Rheinland-Pfalz hätte ich auf der Hut sein müssen. Oft steckt der Teufel im Detail. Ein Name kann verhängnisvoll sein. Mit meinem eigenen war ich lange Zeit nicht glücklich. Wer kein Herdentier ist will sich der Außenwelt als Individualist präsentieren und nicht blöde Witze hören, weil man heißt wie Hinz und Kunz, wie Meier, Schröder oder Müller. Übrigens ist Hans Schmid mein echter Name, in gewisser Weise jedenfalls. Ich erwähne das, weil Leute hin und wieder glauben, das sei ein Pseudonym, hinter dem ich meine wahre Identität verberge.

Inzwischen habe ich mich mit meinem Allerweltsnamen arrangiert. In einer Zeit, in der man auch als Bewohner eines freien Landes immer gläserner wird, bietet er einen gewissen Schutz der Privatsphäre, weil man in der Anonymität der Masse verschwindet. Das kann von Vorteil sein. Stellen wir uns vor, ich würde zur Fahndung ausgeschrieben, weil ich versucht habe, am Jugendschutz vorbei Walt Disneys Bambi zu kaufen, auf einer Import-DVD ohne FSK-Freigabe. Bisher ist die deutsche Polizei mit ihren Ermittlungsmethoden nicht wirklich in der digitalen Welt angekommen. Anders ist nicht zu erklären, wie unbehelligt die besorgten Bürger bleiben, die im Internet ihre Hassbotschaften verbreiten (für Kinder, zu deren Schutz wir uns ganz tolle Regeln gegeben haben, ist das Gegeifere problemlos zugänglich). Um meiner habhaft zu werden müssten die Behörden mehrere Seiten des örtlichen Telefonbuchs durcharbeiten und eruieren, welcher der dort gelisteten Hans Schmids der richtige ist. Mir würde das den Vorsprung verschaffen, den ich brauche, um im Untergrund abzutauchen oder nach Frankreich zu fliehen, wo Bambi auch dann an Kinder ausgehändigt werden darf, wenn kein FSK-Flatschen die DVD-Hülle verunstaltet. Sogar bei Dumbo, Susi und Strolch und Cinderella soll das erlaubt sein.

Als ich geboren und getauft wurde waren Hans und seine Variationen (Johann, Johannes, Hannes, Hanns) ganz weit oben auf der Liste mit den häufigsten männlichen Vornamen, unter den ersten zehn. Ich bin einer von den vielen, die immer Hans hießen, behördlich aber unter einer der Varianten geführt werden. Bei mir steht Johann Michael im Personalausweis. Michael hieß mein Taufpate, Johann bzw. Hans mein Vater. So war das üblich. Bei "Hans Schmid" hätte man mal eine Ausnahme machen können, aber Traditionen wiegen schwer. Und als Säugling wird man nicht gefragt. Mein Namenspatron ist Johannes der Täufer. Johannes, habe ich gelesen, ist die latinisierte Form eines griechischen bzw. hebräischen Namens, der soviel heißt wie "Gott ist gnädig". Daran kann man erkennen, dass früher doch alles besser war. Gott mag gnädig sein. Die DHL und ihre Vertragspartner sind es nicht. Denn die Jugend muss geschützt werden. Oder wenn schon nicht die Jugend, dann wenigstens die zu deren Schutz benötigten Regularien.

Das Paket mit der Blumenkohlfee, mit der klebrigen Frau im Postamt, mit Schlangentänzerinnen und den dressierten Hunden von Miss Dundee, mit Bibelfilmen von Louis Feuillade und mit Léonce Perrets filmischem Gedicht über die roten Chrysanthemen lag also vor mir, aber anfassen oder gar mit nach Hause nehmen durfte ich es nicht. Vorher musste ich beweisen, dass ich ich bin und über 18 Jahre alt. An dieser Aufgabe bin ich grandios gescheitert. Ich kam so wenig vom Fleck wie der Mann in Comment Monsieur prend son bain, mit dem Alice Guy 1903 vorführte, was für spaßige Sachen sich mit Kameratricks veranstalten lassen. Monsieur will verständlicherweise nicht im Anzug in die Badewanne steigen. Kaum hat er ein Kleidungsstück abgelegt hat er wie durch ein Wunder schon wieder ein neues an. Der Sisyphos des Badezimmers hat nur noch für das Ausziehen Zeit und bleibt darum ungewaschen.

Mademoiselle Alice mochte solche Spielereien sehr. Avenue de l’Opéra zeigt uns Pferdekutschen und Fußgänger auf der Prachtstraße vor dem Operngebäude in Paris. Alle bewegen sich in die falsche Richtung, weil der Film rückwärts läuft. In solchen Experimenten wird nicht nur der Spaß an der Freud sichtbar, mit dem die Pioniere zu Werke gingen (und mit dem das im besten Sinne unbedarfte, das Gebotene mit kindlicher Unschuld bestaunende Publikum vor der Leinwand saß). Sie probierten aus, was das neue Medium an Möglichkeiten bot, die man bisher noch nicht kannte. Das eine wurde wieder verworfen, das andere nicht. Im Rückblick wirkt Avenue de l’Opéra fast programmatisch, weil dieser Film von 1900 vorwegzunehmen scheint, dass Louis Feuillade, Alice Guys Nachfolger als künstlerischer Direktor der Gaumont, einmal versuchen würde, die durch die Oper repräsentierte Hochkultur mit den Mitteln der zunächst als Unterschichtenphänomen wahrgenommenen Kinematographie herauszufordern.

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