Sieg ohne Wert gegen die Schattenbibliotheken?

Elsevier wird Schadensersatz in Höhe von 15 Millionen US-Dollar zugesprochen

Die sogenannten Schattenbibliotheken wie Sci-Hub (Guerilla-Open-Access), die unter Umgehung des Copyrights wissenschaftliche Texte kostenlos zum Download anbieten, sind ein Dorn im Auge der kommerziellen Wissenschaftsverlage, zumindest derer, die nicht ausschließlich das Geschäftsmodell Open Access verfolgen. Sci-Hub bietet mittlerweile kostenfreien Zugriff auf sage und schreibe 62 Millionen wissenschaftliche Artikel, für deren Nutzung Leser oder wissenschaftliche Bibliotheken ansonsten teils hohe Gebühren zahlen müssen.

Elsevier, neben Wiley und Springer Nature einer der drei größten Wissenschaftsverlage, errang nun vor einem New Yorker Gericht einen Sieg über Sci-Hub und weitere Schattenbibliotheken wie LibGen: Insgesamt stand das Gericht dem niederländischen Verlagshaus 15 Millionen US-Dollar Schadensersatz für Urheberrechtsverletzungen zu. Die Forderung basierte auf einer durch Elsevier dem Gericht vorgelegten Liste von 100 Artikeln, die von Sci-Hub und LibGen illegal zur Verfügung gestellt wurden. Der Verlag strengte eine ständige Unterlassung der Verbreitung dieser Artikel und einen Schadensersatz in Höhe von 15 Millionen US-Dollar an - beidem wurde stattgegeben.

Besonders die Höhe der Schadensersatzforderung überrascht: Einnahmen in Höhe von 150.000 US-Dollar pro Artikel dürften selbst Laien stutzig werden lassen, wenn man bedenkt, dass in aller Regel weder die Autoren, noch Reviewer oder Journalherausgeber von Wissenschaftsverlagen eine Aufwandsentschädigung für ihre Arbeit erhalten.

Bereits vor zwei Jahren versuchte Elsevier vor Gericht zu erwirken, dass LibGen vom Netz genommen wird - letztlich sogar mit vorübergehendem Erfolg. Nur vorrübergehend, da diese Bibliotheken nach Löschen der auf sie registrierten Domain wie beim Hase-Igel-Rennen umgehend wieder online erreichbar sind.

Auch Versuche, die Betreiber juristisch zu verfolgen oder ihre Datensammlungen zu beschlagnahmen, scheitern zwangsläufig, denn sowohl die Verantwortlichen als auch die Infrastrukturen befinden sich außerhalb der Zugriffsmöglichkeiten US-amerikanischer Strafverfolgungsbehörden in Osteuropa. Dasselbe Schicksal dürfte nun auch das neueste Urteil erleiden - es ist mehr als fraglich, dass die Unterlassungsverfügung und die Schadensersatzforderung jemals durchgesetzt werden können.

Die Aussage der Elsevier-Anwälte DeVore & DeMarco, wonach die Schattenbibliotheken der Öffentlichkeit irreparablen Schaden zufügten, konterte Alexandra Elbakyan, Sci-Hub-Frontfrau und laut Nature eine der zehn einflussreichsten Person der Wissenschaft im Jahr 2016, sarkastisch: In Elseviers Weltsicht genüge anscheinend der offene Zugang zu wissenschaftlichen Texten über eine Website, um die Welt zu zerstören.

Elsevier hat vor dem New Yorker Gericht wohl einen nur symbolischen Sieg errungen, denn faktisch ging auch diese Runde an die Schattenbibliotheken. Nichts destotrotz verklagte nun auch die American Chemical Society (ACS) Sci-Hub wegen Diebstahls, illegaler Reproduktion und Verbreitung urheberrechtlich geschützten Materials.

Derweil schwelt der Konflikt zwischen Elsevier und der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) weiter: Die HRK versucht seit geraumer Zeit, Elsevier zum Abschluss eines landesweiten Konsortiums zum Bezug von Publikationen des Verlags zu bewegen. Eine Einigung steht nicht nur aus, weil die HRK den Hochschulen Ausgaben ersparen (und damit Elseviers Gewinne schmälern) will.

Knackpunkt ist auch eine von der HRK gewünschte Open-Access-Klausel. Diese soll es Wissenschaftler aus Deutschland ermöglichen, in Elsevier-Journalen ohne Mehrkosten Open Access publizieren zu können. Der Druck auf Elsevier wächst nach einigen Tiefschlägen 2016, als sich zahlreiche Hochschulen gegen den weiteren Bezug von Elsevier-Produkten aussprachen, weiter: Neben den Berliner Universitäten kündigten nun auch die des Landes Baden-Württemberg ihre Verträge mit Elsevier, um die Forderungen der HRK zu unterstützen.

Allerdings haben die drei großen Wissenschaftsverlage schon öfters langen Atem in Sachen Open Access bewiesen und vielleicht schmieden sie bereits Pläne, die den Überlegungen in der Mailingliste der Open Scholarship Initiative entsprechen: Hier wird diskutiert, eine Art legales Sci-Hub mit Unterstützung der Wissenschaftsverlage zu gründen, um darin à la iTunes Dokumente gegen Zahlung herunterladen zu können.

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