Silent News

Abb. 1: Verschriftlichung von Fragen in "heute plus" (ZDF) vom 10. März und vom 3. Juni 2016.

Nachrichten zwischen Facebook und Fernsehen

Die Nachrichtensendungen im Fernsehen verändern sich seit geraumer Zeit rapide. Die Neuigkeiten werden nicht mehr nur bebildert oder von Sprechern verlesen, sie werden auch immer stärker grafisch gestaltet (PowerPoint).

Auf den Bildschirmen blinken mehr und mehr Zahlen auf, Namen, Funktionen, Kurztexte - und sogar Fragen sind inzwischen newsfähig geworden. "Wie geht es weiter in Idomeni?" hob etwa die Nachrichtensendung "heute plus" (ZDF) im März in sendungstypischem Gelb hervor. Doch wozu diese Verstärkungen? Die Ursachen des ploppenden "Fragenbooms" dürften nicht in der Pädagogik zu suchen sein, sondern in der "Technik".

Die Verschriftlichung von Fragen wird vor allem in den "jungen" Nachrichtensendungen gepflegt - und gerade in "heute plus", dem neuesten Nachrichtenformat des ZDF, ist sie ein alltägliches Stilmittel geworden. Hervorgehobene Fragen gehören fest dazu. Am 2. Juni wurde über das Hochwasser in Bayern berichtet und es dauerte kaum zwei Minuten, bis die Frage: "Warum sind diese Wassermassen so gefährlich?" verschriftlicht wurde.

Einen Tag später wurde "Teures Surfen" behandelt - und die TV-Zuschauer konnten in drei Minuten gleich drei Fragen mitlesen: "Wie bekomme ich mein Geld zurück?" etwa oder "Wann kommt es im Internet zu einem Vertrag?" Und zwischen den Fragen erläuterten und kommentierten unzählige kurze Infoleuchten Wort und Bild. Aus Grafik wurde Graphictelling.

"Heute plus" gehörte zu den ersten öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen, die "Facebook first" anstrebten (Facebook first). Wichtige Nachrichten sollten zuerst in den Sozialen Medien, auf Facebook oder Twitter verbreitet werden - und dann - quasi am Ende der Verwertungskette - abends auch in der regulären, mitternächtlichen Fernsehsendung ausgestrahlt werden. Doch Facebook hat seine Tücken.

Spätestens seit der Einführung von Werbevideos setzte Facebook - für angemeldete Facebook-Nutzer - auch auf Silent Audioplay. Die Videos starteten automatisch, sobald die Nutzer sie beim Scrollen der Timeline erreichten. Doch die Filme blieben lautlos; der Ton blieb standardmäßig ausgestellt. Vollständig, d.h. mit Ton, liefen sie erst, wenn sie angeklickt wurden.

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Abb. 2: Beitrag über die Unwetter in Bayern ("heute plus" vom 3. Juni 2016) in der Facebook-Timeline (mit standardmäßig ausgestelltem Ton) und im Fernsehen

Aber wann werden Filme, die man nicht hören kann, geklickt? Silent Audioplay verlagerte die Konkurrenz zwischen den Videos ins rasch Sichtbare - und erzwang ästhetische Veränderungen. Schrift und Farbe machten die Angebote im neuen Facebook-Umfeld auffälliger. Daher die grellen Farben.

Nicht die Antworten, sondern erst die Fragen machen die Betrachter der stillen Videos wirklich neugierig, erst das Unbeantwortete löst den Klickimpuls aus. Und da jede Timeline anders ist, müssen oft Fragen gestellt werden.

80 Prozent aller Facebook-Nutzer sollen Videos im Silent-Modus nutzen. Die meisten Nachrichten werden also übergangen, überscrollt; sie bleiben sprichwörtlich unerhört.

Fernsehzuschauer kennen keinen standardmäßigen Silent-Modus. Und so sind auch die Hervorhebungen und Doppelungen von Fragen für sie unnötig, manchmal Pädagogik, oft Dada.

Am 30. Mai verstärkte "heute plus" Alexander Gaulands Fußballeräußerungen mit den Fragen: "Stimmt, was Gauland gesagt hat?", "Wo ist das Problem?" und "Mitsingen oder nicht?" Und manchmal werden einfach nur Stichworte mit Fragezeichen eingeblendet: "Europäische Gemeinsamkeit?" etwa oder "Obergrenze?" Für Fernsehzuschauer sind die Herausstellungen vor allem grafisches "Rauschen".

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Abb. 3: Fragen in "heute plus" vom 30. Mai und in "heute" vom 29. Februar 2016 (alle Screenshots Krug)

"Facebook first" verändert nicht nur die - zeitliche - Platzierung von Neuigkeiten. Es prägt auch zutiefst ihre Machart. Silent Audioplay macht Nachrichten zu Worthäppchen. Gelbe Kästchen erzählen eigene Geschichten.

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