Simandou - ein Musterbeispiel für Misswirtschaft in Afrika

UN-Karte von Guinea; gemeinfrei

Warum das größte Eisenerzvorkommen der Welt seit über 20 Jahren nicht abgebaut wird

Man muss den vom Westen bekämpften und letztlich gepfählten früheren Herrscher Libyens nicht mögen, aber Gaddafi hat die Erlöse aus dem Erdölexport in die Infrastruktur des Landes investiert, wie kein anderer Staatsführer in Afrika. In den meisten Ländern Afrikas stopfen sich jedoch seit kolonialen Zeiten wenige Einflussreiche die Taschen voll und westliche Konzerne helfen ihnen dabei.

Das westafrikanische Guinea, das sich den Wahlspruch "Travail, Justice, Solidarité" gegeben hat, besitzt den größten Eisenerzvorrat der Welt, der mehr als 100 Milliarden Dollar wert sein soll, kann ihn jedoch nicht abbauen - und das hat viele Gründe. Das Objekt der Begierde ist der Simandou-Hügelzug. Vor 16 Jahren stieß der australisch-britische Bergbaukonzern Rio Tinto in der ehemals französischen Kolonie auf dieses Vorkommen an Eisenerz höchster Reinheit, das auf über zwei Milliarden Tonnen geschätzt wurde.

Da das Erz an der Oberfläche austritt, kann der Bergbau im kostengünstigen Tagebau erfolgen. Guinea, bislang eines der ärmsten Länder Afrikas, könnte seine Staatseinnahmen verdoppeln und die Entwicklung des Landes drastisch beschleunigen. Drastisch bleibt bis heute jedoch nur das Scheitern des Abbau-Projektes. Simandou gilt als Vorzeigebeispiel des afrikanischen Ressourcenfluchs, der statt Wohlstand nur Armut, Konflikte und Korruption bringt.

Im Jahr 1997 hatte Rio Tinto die Abbaulizenz für Simandou von Guineas Herrscher Lansana Conté erhalten. Da der Simandou-Hügelzug im Südosten des Landes etwa 650 Kilometer von der guineischen Küste entfernt liegt, war mit der Abbaulizenz die Verpflichtung zum Bau einer Eisenbahnlinie und eines Hafens zur Verschiffung des abgebauten Eisenerzes verknüpft. Allein von der geplanten Eisenbahn ist bislang im guineischen Hinterland nichts angekommen.

Der Bau der Eisenbahn durch hügeliges und waldreiches Gelände macht den Hauptteil der Erschließungskosten aus. Die wurden ursprünglich mit 9 Milliarden beziffert. Zuletzt waren etwa 20 Milliarden Dollar im Gespräch. Da sich Rio Tinto mit der Entwicklung des Bergbauprojektes mehr Zeit ließ, als Guineas damaliger Herrscher Lansana Conté den Briten zugestehen wollte, wurde die Abbaulizenz für den nördlichen Teil 2008 des neu vergeben.

Erwerber war die auf der Kanalinsel Guernsey ansässige, vom israelischen Unternehmer Beny Steinmetz geführte Diamantenfirma Beny Steinmetz Group Resources, die im Erzabbau jedoch über keine Erfahrung verfügte und offiziell die Lizenzrechte ohne Bezahlung, sondern ausschließlich gegen das Versprechen bekam, mehrere Millionen Dollar in die Mine investieren zu wollen. Das nährte Gerüchte, dass über einen Mittelsmann die Ehefrau des damaligen Präsidenten Conté bestochen wurde.

Ein Jahr später war das Steinmetz-Intermezzo schon wieder zu Ende. Für 2,5 Milliarden Dollar verkaufte das Unternehmen 51 Prozent der Rechte an den brasilianischen Bergbaukonzern Vale. Nach dem Tod von Conté und der Machtübernahme durch Alpha Condé im Jahre 2010 wurden die Lizenzen von BSG Resources (49 %) und Vale (51 %) für ungültig erklärt und gingen gegen die Zahlung von 700 Millionen Dollar wieder auf Rio Tinto über.

Doch im Jahre 2014 fielen die Rohstoffpreise - und weitgehend zeitgleich brach in Westafrika die Ebola-Epidemie aus. Nach dem Ende der Epidemie hoffte man auf den Start des Projektes, doch 2016 stieg Rio Tinto aus und verkaufte einen 46,6-prozentigen Anteil am Bergbauprojekt für geschätzte 1,3 Milliarden Dollar. Neuer Lizenznehmer soll inzwischen das staatliche chinesische Bergbauunternehmen Aluminium Corp. of China (Chinalco) sein. Die Chinesen, die zuletzt 80 Prozent am Simandou-Projekt hielten, wollen das Projekt inzwischen vollständig, indem sie den Anteil des Staates Guinea übernehmen.

Ob Chinalco mit dem Eisenerzabbau in Simandou mehr Glück haben als ihre Projektvorgänger, ist derzeit noch nicht abzusehen. Die größte Eisenerzmine Afrikas sollte 100 Millionen Tonnen Eisenerz pro Jahr liefern. Dazu ist es bislang jedoch noch nicht gekommen und von den ursprünglich angestrebten 45.000 Jobs ist bislang ebenso wenig zu sehen wie vom Tiefwasserhafen südlich der Hauptstadt Conakry oder der Eisenbahnstrecke, deren Baustart ursprünglich im Jahre 2013 vorgesehen war. Die Eisenerzzüge sollten mit sechs Lokomotiven bespannt werden und mit 240 Waggons eine Länge von 2,5 Kilometer und eine Geschwindigkeit von 80 Stundenkilometern erreichen. Damit sollten dann bei jeder Fahrt 30.000 bis 35.000 Tonnen Eisenerz transportiert werden. (Christoph Jehle)

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