Sind Aliens auch die Geschöpfe des biblischen Gottes?

Ein Astronom des Vatikans findet die Frage nach der Existenz von außerirdischem Leben anregend und geht davon aus, dass intelligente Aliens den (katholischen) Glauben an Gott nur bereichern könnten

Im Vatikan liest man nicht nur in der Bibel, sondern schaut auch in die Sterne. Giordano Bruno und Galileo Galileo scheinen schon lange vergessen zu sein. So beobachtet etwa Pater Dr. Guy Consolmagno, ein Astronom des Vatikan, mit einem Teleskop in Tucson, Texas, Asteroiden und Meteoriten, aber auch vom Castel Gandolfo aus, wo sich der Hauptsitz des Observatoriums des Vatikans befindet. Aber das waren schon immer für die Menschen Zeichen für anstehende besondere Ereignisse, andererseits ist die Beobachtung des Kosmos auch das Betrachten von Gottes Schöpfung, die an sich gut und schön ist. Consomagno hatte, bevor er zu den Jesuiten ging, am MIT studiert und auch schon einmal bei der Nasa gearbeitet. Jetzt interessiert er sich nicht nur für die Entstehung der Planeten und für die kleineren Himmelskörper, sondern auch für die Außerirdischen, wenn es sie denn geben sollte.

Es ist in der Tat schon viel darüber nachgedacht und geschrieben worden, ob es intelligentes Leben außerhalb der Erde gibt, wie diese Wesen aussehen und leben oder welchen wissenschaftlichen und technischen Stand sie erreicht haben könnten, aber auch wie eine Begegnung von Menschen auf der Erde oder im Weltraum mit einer außerirdischen Kultur vonstatten gehen würde. Glauben die Außerirdischen auch an Gott oder Götter, gleichen diese den Gottesvorstellungen der Menschen? Welche Art von Religion oder Religionen könnten sie entwickelt haben? Werden sie ähnlich wie die Christen die Ungläubigen missionieren oder bekämpfen wollen?

Es gibt Sekten, die auf Außerirdische hoffen oder sie als die Schöpfer, also die Götter der Menschheit verstehen. Aber die großen monotheistischen Religionen haben dazu noch wenig zu sagen. Vielleicht haben sie Sorge, dass solche Überlegungen noch stärker als die konkurrierenden Religionen und die Aufklärung die in aller Regel geozentrischen Grundlagen des jeweiligen Glaubens an einen Schöpfergott untergraben könnten. Schon die Dezentrierung der Erde im Sonnensystem hatte den Glauben erschüttert, zumal mit dem Beginn der neuzeitlichen Astronomie auch die Vorstellung von zahllosen Welten entstand, die auch Träger von Leben sein könnten. Schon lange vor Giordano Bruno, den die Kirche auf den Scheiterhaufen schickte, spielte etwa Nikolaus von Kues mit dem Gedanken, dass es anderswo andere Lebewesen geben könnte. Seitdem geht den Menschen die Vorstellung von außerirdischem intelligenten Leben nicht mehr aus dem Kopf, sei sie Ausdruck eines Wunsches nach dem Ausbruch aus der kosmischen Einsamkeit, der Angst vor dem Fremden oder einfach der Neugier, die über das Denkbare fantasiert.

Würde damit vielleicht endgültig die Pluralität der Götter wiederkehren, die jeweils für einen bewohnten Planeten zuständig sind, und die Idee vom allmächtigen Gott unmöglich? Sind Propheten oder gar Inkarnationen von Gott auch auf anderen Planeten gelandet? Hat Christus, der auf die Erde gekommen ist, auch gleichzeitig die Wesen auf anderen Planeten erlöst? Oder würde sich mit der Existenz von Aliens die Heerschar der Ungläubigen und Götzendiener einfach nur vermehren? Jetzt ist schon kaum vermittelbar, wenn man nicht an die auserwählte Avantgarde glaubt, warum beispielsweise Moses, Christus oder Mohammed ausgerechnet dort aufgetreten sind, wo sie gelebt und den wahren Gott oder den wahren Glauben verkündet haben. Würden Außerirdische auch von Adam abstammen oder wurden sie aus anderen Paradiesen erschaffen und vertrieben?

Aber nun will sich Consomagno des Themas annehmen. Er werde, wenn er Vorträge über seine Forschung halte, als Vertreter der Jesuiten dauernd nach diesem Thema gefragt. Die Menschen würden gerne Antworten hören, weil sie die mögliche Existenz von Außerirdischen und – im Fall von Consomagno – die Haltung der katholischen Kirche interessiert. Also hat er nicht nur in einem Interview Fragen beantwortet, sondern auch ein Buch geschrieben, das eben diese Fragen im katholischen Sinne zu beantworten sucht: Intelligentes Leben im Universum? Der katholische Glaube und die Suche nach außerirdischem intelligenten Leben.

Beruhigend sagt Consomagno, dass die Fragen nach intelligentem Leben irgendwo im Weltall den katholischen Glauben nicht gefährden könnten – und er geht auch davon aus, dass es wohl auch Leben außerhalb der Erde geben dürfte. Sowieso ist er der Überzeugung, obgleich der Fall Galileo noch immer von den Wissenschaftlern des Vatikan aufgearbeitet wird, dass Wissenschaft und Entdeckung wunderbar mit der Religion harmonieren – und die Kirche auch in der Vergangenheit viel offener und toleranter war, als sie von Kritikern dargestellt werde. Würde man außerirdisches Leben oder sogar intelligentere Wesen entdecken, so wäre das geradezu eine Verstärkung des Glaubens, weil man dann erfahren würde, "dass alles auf eine Weise wahrer ist, als wir uns das bislang vorstellen konnten".

Ähnlich argumentiert sein Kollege Christopher J. Corbally vom Observatorium des Vatikan. Joseph L. Spradley, der Vizedirektor des Observatoriums, scheint eher skeptisch zu sein, was die Existenz von Aliens angeht, aber will auch nichts ausschließen.

Natürlich ist Consomagno als Wissenschaftler vorsichtig und hält sich an eine Zwei-Welten-Theorie mit sauberer Trennung von Wissenschaft und Religion, was andere, wie die Anhänger des Intelligent Design, gerade überwinden wollen. Die Bibel, so Consomagno, "ist göttliche Wissenschaft, ein Werk über Gott. Sie ist nicht darauf ausgerichtet, Naturwissenschaft zu sein." So gebe es in der Bibel mindestens zwei Darstellungen der Schöpfung, auch in der Wissenschaft gebe es mehr Versionen. Im Hinblick auf die Bibel komme es nur darauf an, dass das Universum von Gott, "der jenseits von Raum und Zeit existiert", aus freien Stücken und aus Liebe heraus geschaffen wurde. Was die biblische Schöpfungsgeschichte sagt, sei mithin wahr, die Wissenschaft zeige dann nur, "wie reich und herrlich und erfinderisch Gott wirklich ist".

Guy Consolmagno

Weil nun der biblische Gott das gesamte Universum geschaffen hat, muss er ja eigentlich schon aus logischer Konsequenz auch für andere Planeten und anderes Leben auf ihnen verantwortlich sein. Er ist nach christlichem Glauben allmächtig und einzig. Daher widerspreche "die Vorstellung von anderen Rassen und intelligenten Wesen nicht dem traditionellen christlichen Denken". Das sei ähnlich wie mit den Dinosauriern oder Videorekordern. Die kämen auch nicht in der Bibel vor, aber ihre Existenz würde deswegen auch nicht geleugnet werden müssen. Zudem kämen in der Bibel auch nichtmenschliche intelligente Wesen wie Engel oder "göttliche Wesen" vor. Allerdings könne man in der Heiligen Schrift nichts finden, "was die Möglichkeit eines intelligenten Lebens irgendwo im Universum bestätigt oder dieser widerspricht". Der Vorstellung, ist man versucht hinzuzufügen, nicht, aber vielleicht der Wirklichkeit von intelligenten Wesen, die möglicherweise überrascht sein werden, wenn katholische Geistliche ihnen erzählen würden, dass der biblische Gott auch der ihre sein müsse.

God's most notable intervention in the actual historical process, according to the Christian outlook, was the Incarnation. Was this a unique event, or has it been re-enacted on each of a countless number of planets? The Christian would recoil in horror from such a conclusion. We cannot imagine the Son of God suffering vicariously on each of a myriad of planets.

E. A. Milne, Modern Cosmology and the Christian Idea of God (Oxford University Press, 1952)

Immerhin ist der Bruder Consolmagno der Meinung, dass es den Geist anrege, sich zu fragen, ob Aliens eine Seele haben oder ob Christus sie auch mit erlöst hat. Solange die Aliens aber nicht gekommen oder die Menschen ihnen begegnet sind, bleibt für den katholischen Gläubigen alles relativ harmlos. Mit seinen Ausführungen will er demonstriert haben, dass die Kirche keine Angst vor der Wissenschaft hat und sich die Katholiken ruhig allen Spekulationen, so abwegig sie auch sein mögen, stellen können. Anders als die Atheisten können Gläubige sich nämlich immer hinter die nicht falsifizierbare Behauptung zurückziehen, dass alles einen Sinn habe, aber wir ihn als Gottes Geschöpfe nicht verstehen können. Menschliches Wissen ist immer unvollständig, was natürlich auch die Frage nach Gott betreffen könnte. Aber Consolmagno würde das wohl anders sehen, denn die Unvollständigkeit dient nicht dem Zweifel, sondern der Sicherung des Glaubens:

Es wäre verrückt, Gottes Fähigkeit zu unterschätzen, in solchen Tiefen etwas zu erschaffen, dass wir dies niemals völlig verstehen werden. Und es ist genauso gefährlich zu denken, dass wir Gott ganz verstehen.

Anzeige