Sind Christen die meistverfolgte Religionsgemeinschaft der Welt?

Obskurer "Weltverfolgungsindex"

Die Ergebnisse können deshalb bestenfalls als ungefähre Größenordnung dienen. Pew unterscheidet außerdem nicht nach der Art der Verfolgung: Unter Christenverfolgung subsumieren die Forscher so ziemlich alles: vom Entzug staatlicher Förderung über Telefonüberwachung bis hin zu Mord.

Dies ist vermutlich auch der Grund, warum es die Forscher vermieden haben, eine absolute Zahl verfolgter Christen zu nennen, wie es beispielsweise die christliche Missionsgesellschaft Open Doors in ihrem "Weltverfolgungsindex" tut.

Der evangelikale Verein, der das inoffizielle Copyright am Slogan von Christen als "meistverfolgte Glaubensgruppe" besitzt, schaffte es auch in diesem Jahr mit der Zahl von "200 Millionen verfolgten Christen" (bis 2016 sollten es 100 Millionen gewesen sein) in die Schlagzeilen großer Medien. Wissenschaftlicher Überprüfung hält der "Weltverfolgungsindex" allerdings nicht stand: So dient als einzige empirische Grundlage ein Fragebogen, den Open Doors von den eigenen Mitarbeiten ausfüllen lässt.

Ebenso schwammig wie die Methodik bleibt der Verfolgungsbegriff ans sich; für Open Doors umfasst er im Zweifel alles von schlechteren Bildungschancen bis zum Massenmord. Die Verfolgung von anderen Religionsgruppen hatte Open Doors hingegen erst gar nicht untersucht.

Aufsehen erregte Open Doors auch im Frühjahr 2016 mit einer Veröffentlichung, die weitverbreitete Diskriminierung von Christen in deutschen Flüchtlingsunterkünften belegen sollte. Die meisten geschilderten Vorfälle entpuppten sich allerdings später als von Open Doors dramatisiert oder frei erfunden.

Zu den Kritikern von Open Doors' Studien zur Christenverfolgung gehören auch die beiden großen Kirchen in Deutschland. 2012 legten die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelischer Kirche in Deutschland eine eigene Studie zur Christenverfolgung vor. In einem Nachwort distanzierten sie sich von Verfolgungssuperlativen forderten diskriminierte Religionsgruppen nicht gegeneinander auszuspielen.

In dieser Erkenntnis liegt vielleicht auch der wichtigste Nutzen der Pew-Studie: Kritik. Wie schlimm die Situation vieler Gläubiger weltweit auch ist, statistische Opfer-Rankings werden ihrem Schicksal nicht gerecht. (Fabian Köhler)