Sind Christen die meistverfolgte Religionsgemeinschaft der Welt?

Das letzte Gebet der Christen im Circus Maximus. Bild: Jean-Léon Gérôme (1863–1883) / gemeinfrei

Keine Glaubensgruppe ist so starker Verfolgung ausgesetzt wie das Christentum und schuld sind zumeist Muslime. So lautet eine weit verbreitete These. Aber stimmt das eigentlich?

Es ist nicht lang her, da dürfte den meisten der Begriff "Christenverfolgung" allenfalls in der Schule begegnet sein. Dann, wenn die Lehrerin im Geschichtsunterricht das Römische Reich behandelte. Doch die Zeiten haben sich geändert.

Spätestens seit den grausamen Berichten über die Verfolgung von Christen unter dem IS, erlebt auch der dazugehörige Begriff eine neue Renaissance: Von der "meistverfolgten Glaubensgruppe der Welt" spricht zum Beispiel regelmäßig Unions-Fraktionschef Volker Kauder.

Einmal im Jahr schafft es ein evangelikaler Verein mit seinem "Weltverfolgungsindex" und der Warnung vor "200 Millionen verfolgten Christen" in die Schlagzeilen großer Medien (vgl.: Wie Christen zur meist verfolgten Glaubensgruppe gemacht wurden). Und in Sozialen Medien wird der Hinweis auf verfolgte Christen allzu oft selbst zum Appell, die dafür vermeintlich verantwortliche Glaubensgruppe zu diskriminieren: Muslime.

Bleibt die Frage: Stimmt's? Sind die Anhänger des christlichen Glaubens die meistverfolgte Religionsgemeinschaft. Und wer ist für ihr Leiden verantwortlich?

Forscher des renommierten und bisher der religiösen und politischen Parteinahme unverdächtigen amerikanischen Pew-Instituts haben sich diesen Fragen angenommen. Das Ergebnis ihrer Anfang Juni veröffentlichten Studie bietet etwas, das man bei der bisherigen Debatte um die Verfolgung von Christen, kaum erlebte: Differenzierungen.

Um dem Phänomen Christenverfolgung auf den Grund zu gehen, haben die Forscher eine andere Studie neu ausgewertet. In der im April dieses Jahres veröffentlichten Untersuchung Global Restrictions on Religion fragten die Forscher religionsübergreifend danach, in welchen Ländern Gläubige im Jahr 2015 Diskriminierungen und Verfolgungen durch staatliche oder soziale Gruppen ausgesetzt waren. Für die aktuelle Neuauswertung fragten sie nun nur nach dem Schicksal von Anhängern des Christentums. Mit teils überraschenden Ergebnissen:

1. Christen sind in vielen muslimischen und nordafrikanischen Staaten Verfolgung ausgesetzt

Der Studie zufolge ist die Diskriminierung von Christen in muslimischen Ländern ein verbreitetes Problem. Wenig überraschend stellen die Forscher fest, Christen hätten "Anfeindungen in vielen der mehrheitlich muslimischen Länder des Nahen Ostens und Nord-Afrikas erlebt".

In Syrien beispielsweise habe die religiöse Toleranz in der Gesellschaft in dem Maße abgenommen wie "extremistische Gruppen an Einfluss gewonnen" haben. Über Ägypten berichtet Pew von mehreren Fällen, in denen christliche Konvertiten von IS-Anhängern ermordet wurden. Auch insgesamt belegt die Region "Nahost-Nordafrika" in Sachen staatlicher Verfolgung religiöser Gruppen den Spitzenplatz.

2. Die meisten Christen werden in mehrheitlich christlichen Staaten verfolgt

Überraschender fällt hingegen ein anderes Ergebnis der Untersuchung aus: Die Mehrheit der verfolgten Christen lebt in Staaten, die selbst mehrheitlich christlich sind. Die Studienmacher schreiben:

Christen wurden tatsächlich vor allem in mehrheitlich christlichen Ländern schikaniert.

Pew-Research-Center

Als ein Beispiel nennen die Forscher Eritrea. In dem mehrheitlich christlich-orthodoxen Land verwehre der Staat Anhängern der Zeugen Jehovas die Ausstellung von Personaldokumenten. Auch unter den zahlreichen politischen Gefangenen des Landes fänden sich überwiegend Protestanten, genauer: Anhänger evangelikaler Gemeinden und Pfingstkirchler.

Der Umstand, dass die meisten Christen in mehrheitlich christlichen Ländern verfolgt werden, liege laut den Studienmachern allerdings "zum Teil an der großen Zahl mehrheitlich christlicher Länder". Das bedeutet: Die Zahl verfolgter Christen in christlichen Ländern ist schlicht deshalb insgesamt höher, weil die meisten Christen in mehrheitlich christlichen Ländern leben.

3. Christen sind die meistverfolgte Glaubensgruppe der Welt

Nimmt man die Gesamtzahl der Christen, die in Ländern leben, in denen ihnen Verfolgung droht, als Grundlage, lässt sich anhand der Pew-Studie auch folgende These bestätigen: Christen sind die meistverfolgte Glaubensgruppe der Welt.

Nach Zählung von Pew wurden Christen im Jahr 2015 in insgesamt 128 Staaten und damit in mehr Ländern als jede andere religiöse Gemeinschaft drangsaliert. Allerdings schränken die Studienmacher auch hier ein: Die Ursache dafür, dass in absoluten Zahlen auf keine andere Religionsgemeinschaft so viele verfolgte Anhänger entfallen, liegt schlicht daran, dass sich mit 2,3 Milliarden mehr Menschen auf das Christentum berufen als auf jede andere Religion.

4. Christen sind nicht die meistverfolgte Glaubensgruppe der Welt

Nimmt man allerdings nicht die absolute, sondern die relative Zahl verfolgter Anhänger zur Grundlage, lässt sich die These von der meistverfolgten Glaubensgruppe anhand der Pew-Studie nicht belegen. Die Wissenschaftler von Pew haben alle Religionsanhänger, die in Staaten leben, in denen ihnen Verfolgung droht, zusammengezählt und ins Verhältnis zur Gesamtzahl der Gläubigen gesetzt.

Im daraus folgenden Ranking landen Christen nach Juden, Hindus, Muslimen, "anderen" und "Volksglauben" nur auf Platz sechs. Das heißt: Für den einzelnen Christen war die Gefahr, im Jahr 2015 Opfer von Verfolgung zu werden, geringer als für den einzelnen Juden, Hindu oder Muslim.

Einschränkend muss für alle Ergebnisse allerdings festgehalten werden: Pew hat nicht die tätsächliche Anzahl verfolgter Religionsanhänger geschätzt oder hochgerechnet. Stattdessen haben die Forscher die Zahl der Gläubigen, "die in Ländern leben, in denen 2015 religiöse Anfeindungen stattfanden" ins Verhältnis zur Gesamtzahl der Anhänger der jeweiligen Religion gesetzt.

Obskurer "Weltverfolgungsindex"

Die Ergebnisse können deshalb bestenfalls als ungefähre Größenordnung dienen. Pew unterscheidet außerdem nicht nach der Art der Verfolgung: Unter Christenverfolgung subsumieren die Forscher so ziemlich alles: vom Entzug staatlicher Förderung über Telefonüberwachung bis hin zu Mord.

Dies ist vermutlich auch der Grund, warum es die Forscher vermieden haben, eine absolute Zahl verfolgter Christen zu nennen, wie es beispielsweise die christliche Missionsgesellschaft Open Doors in ihrem "Weltverfolgungsindex" tut.

Der evangelikale Verein, der das inoffizielle Copyright am Slogan von Christen als "meistverfolgte Glaubensgruppe" besitzt, schaffte es auch in diesem Jahr mit der Zahl von "200 Millionen verfolgten Christen" (bis 2016 sollten es 100 Millionen gewesen sein) in die Schlagzeilen großer Medien. Wissenschaftlicher Überprüfung hält der "Weltverfolgungsindex" allerdings nicht stand: So dient als einzige empirische Grundlage ein Fragebogen, den Open Doors von den eigenen Mitarbeiten ausfüllen lässt.

Ebenso schwammig wie die Methodik bleibt der Verfolgungsbegriff ans sich; für Open Doors umfasst er im Zweifel alles von schlechteren Bildungschancen bis zum Massenmord. Die Verfolgung von anderen Religionsgruppen hatte Open Doors hingegen erst gar nicht untersucht.

Aufsehen erregte Open Doors auch im Frühjahr 2016 mit einer Veröffentlichung, die weitverbreitete Diskriminierung von Christen in deutschen Flüchtlingsunterkünften belegen sollte. Die meisten geschilderten Vorfälle entpuppten sich allerdings später als von Open Doors dramatisiert oder frei erfunden.

Zu den Kritikern von Open Doors' Studien zur Christenverfolgung gehören auch die beiden großen Kirchen in Deutschland. 2012 legten die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelischer Kirche in Deutschland eine eigene Studie zur Christenverfolgung vor. In einem Nachwort distanzierten sie sich von Verfolgungssuperlativen forderten diskriminierte Religionsgruppen nicht gegeneinander auszuspielen.

In dieser Erkenntnis liegt vielleicht auch der wichtigste Nutzen der Pew-Studie: Kritik. Wie schlimm die Situation vieler Gläubiger weltweit auch ist, statistische Opfer-Rankings werden ihrem Schicksal nicht gerecht.