Sind Geister einfach Kraftfelder?

Von Tachyonen, Schamanen und Marienerscheinungen

Bringt es Unglück, am Freitag dem 13. unter einer Leiter durch zu gehen? Stellen Schamanen Kontakte zur Geistern her? Hat die "freie Energie", von der auf Esoterik-Messen die Rede ist, etwas mit Physik zu tun? Was bringen Feng shui und Baubiologie? Mit solchen Fragen beschäftigte sich die 13. (sic!) Konferenz der "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung parawissenschaftlicher Phänomene" (GWUP) in Darmstadt.

Am Donnerstag, den 12., rennen sogenannte Journalisten uns Volkskundlern immer die Türen ein, um Beispiele und Anekdoten zu Freitag dem 13. zu bekommen.

Stoßseufzer des Volkskundlers Stefan Bachter am vergangenen Freitag, 13. Juni, im Justus-Liebig-Haus in Darmstadt. Dass das Treffen der Skeptiker, wie nicht nur deren Zeitschrift, sondern auch die Bewegung international heißt, an einem Freitag dem 13. begann, war natürlich kein Zufall. Stefan Bachter versäumte nicht, darauf hinzuweisen, dass der Freitag als Unglückstag und die 13 als Unglückszahl auf durchaus unabhängige Traditionen zurück zu führen sind - und zwar bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. "Das wollen die Journalisten aber meistens nicht wissen", ergänzte Bachter.

Dabei lohnt ein Blick in die Geschichte. Aberglaube und Aufklärung sind laut Bachter keine Gegensätze, sondern bedingen sich antagonistisch. Die frühe Neuzeit, Wiege der Aufklärung, ist auch die Zeit der Hexenverfolgung und der Inquisition. Erst ab etwa 1800 grenzten sich Wissenschaftler von den vorhergehenden Generationen dadurch ab, dass sie deren Arbeit als "Aberglauben" brandmarkten. Ähnlich, als Kampfbegriff, verwenden Religionen und deren theologische Systeme den Begriff, um sich untereinander abzugrenzen.

Deshalb schlägt Bachter vor, Aberglauben durch die Kennzeichen Fragmentierung, Trivialisierung, Popularisierung zu definieren - das geschieht mit Teilbereichen mittelalterlicher Wissenschaft ebenso wie solchen aus anderen Kulturbereichen (Beispiele: Feng shui, Schamanismus, chinesische Medizin): Der "Aberglauben-Dienstleister", der an der Sache gut verdient, greift sich einen Aspekt dieser geschlossenen Systeme heraus, vereinfacht und popularisiert ihn. Noch einmal Stefan Bachter:

Und heute hat der Aberglauben seinen Namen gewechselt und heißt Esoterik.

Dass Schamanen, etwa bei den Tschuktschen, eine wichtige Funktion für das Überleben der Gemeinschaft hatten und sich dieser Verantwortung bewusst waren, beschrieb eindringlich Klaus G. Müller, emeritierter Professor für Volkskunde und Autor eines Standardwerks über Schamanismus.

Nach einer schmerzhaften Berufungs- und Initiationsphase gingen sie oft bei einem Meister in die Lehre, der ihnen das Handwerk - Verkleidung, Auftreten, die "Show" - beibrachte. Schamanen stellten für (meist psychisch) Kranke den Kontakt mit der Geisterwelt her und heilten sie, unter großem persönlichen Engagement und unter Entbehrungen, denn Schamanen durften keine Entlohnung annehmen. Demgegenüber, ergänzte Müller bissig, nähmen moderne "Schamanen" oft horrende Summen für ihre Seminare.

Verflechtung mit wirtschaftlichen Interessen hat Bernd Harder auch in Orten beobachtet, die von Marienerscheinungen profitieren: Der finanzielle Aspekt ist oft beträchtlich; ein Ort wie Fatima - der 13. Juni ist "Fatima"-Tag, weil an diesem Tag 1917 dort die erste Marienerscheinung stattfand - lebt ebenso von den Pilgern wie Lourdes.

Die Faszination, die von solchen Seherinnen und Sehern für die katholischen Gläubigen ausgeht, liegt laut Harder darin, dass das Christentum auf einer Offenbarung von vor 2000 Jahren beruht und wenig Anreize für die direkte Volksfrömmigkeit bietet. Marienerscheinungen hingegen fänden bis heute statt, etwa in Medjugorje in Bosnien, und die Seherinnen und Seher stünden für Gespräche und persönliche Beratung zur Verfügung. Kein Wunder, dass Marienerscheinungen und deren Seher von der Amtskirche meist mit Zurückhaltung beobachtet werden.

Der Frage, warum die Esoterik ausgerechnet auf hoch spezielle physikalische Begriffe zurückgreift, ging der Diplomphysiker Holm Hümmler in seinem Vortrag "Tachyonen, Felder, freie Energie" nach. "Freie Energien" beispielsweise sind ein klar definierter Begriff aus der Thermodynamik, den die Esoterik in ganz anderem Zusammenhang verwendet. Hümmler beschreibt die esoterische Bedeutung als "kostenlose Energie" im Sinne von: "buy one, get one free". Mit dieser "freien Energie" werden angeblich auch Maschinen angetrieben - sie ermöglichst also eine Art perpetuum mobile, wie beispielsweise die Testatika, die aus freier Energie Strom erzeugen soll.

Ähnlich missbraucht wird die Bezeichnung "Nullpunktenergie", eigentlich ein Begriff aus der Quantenmechanik, der dort häufig "Nullpunktsenergie" heißt. In der Esoterik wird "Nullpunktenergie" zur Therapie eingesetzt. Für teures Geld kann man einen "HiTec Human Energizer" kaufen, der ganz ohne Energie funktioniert - "Nullpunktenergie" eben. Auch "Antennen mit Nullpunktenergie" (vulgo: bunte Glasperlen) sind im Handel erhältlich. Andere "bipolare Produkte" vereinnahmen den Begriff "Spin" - sie arbeiten zum Beispiel angeblich mit "permanentem Wechsel der Drehungen, und zwar alle 33 Sekunden". Verkauft werden Wasserbehälter, Schmuck, Pflaster oder Unterwäsche.

Besonders esoterik-tauglich sind offenbar Tachyonen, in der theoretischen Physik (Relativitätstheorie) ein Rechenmodell für Teilchen mit Überlichtgeschwindigkeit. Bücher und Produkte versprechen "unbegrenzte Lebenskraft durch Tachyonen" - etwa durch Tachyonen-Fußspray oder ein Tachyonen-Gleitgel zu 32 Euro. Über Einsatzmöglichkeiten für das Gleitgel darf spekuliert werden.

Etwas anderes ist, wenn Begriffe der Physik metaphorisch verwendet werden, wie es dem "Kraftfeld" passiert. In der Physik gibt es, wiederum klar definiert, z. B. das Schwerkraftfeld, das Elektrische Feld oder das Magnetfeld, in der Chemie/ Molekülphysik als Näherungswert den "Kraftfeld-Ansatz". Demgegenüber verwenden Psychologen Kraftfelder als Metapher; sie sprechen vom "Kraftfeld des Frühlings" oder vom "Kraftfeld Stille".

Der Physiker Hümmler unterscheidet hier zwischen Metaphern, die dazu dienen, etwas klar zu machen, gegenüber solchen, bei denen das nicht der Fall ist, etwa der Bezeichnung "Kraftfelder" für Geister-Erscheinungen: "Hier versucht jemand, etwas unklar zu machen", meint Hümmler; hier sei der Begriff auf dem Weg "von der Metapher zur Volksverdummung".

In der Diskussion wurde die These des Volkskundlers Bachter aufgegriffen: Während bis zum Schwellenjahr 1800 die Theologie die Leitwissenschaft war und die Naturwissenschaftler beweisen mussten, dass ihre Beobachtungen der Theologie nicht wiedersprachen, liege die Beweislast heute auf der anderen Seite: Naturwissenschaft liefere das Leitbild, die Esoterik bediene sich daraus. Freilich werden die physikalischen Begriffe dabei nicht als Metaphern verwendet, sondern schlichtweg missbraucht, wie Holm Hümmler fest hielt.

Ganz weit weg von wissenschaftlicher Nachprüfbarkeit sind Geräte, mit denen sich der Leiter der Prüfstelle Wasser am Technologiezentrum Wasser Karlsruhe, Ivo Wagner, in seinem Vortrag zur "physikalischen Wasserbehandlung" beschäftigte. Für solche Geräte, die jedermann in seinen Keller einbauen kann, wird mit Sprüchen geworben wie "Seit ich Grander-Wasser einsetze, entfaltet der Schnaps seine milde Reife" oder "Das behandelte Wasser bekommt eine aufgeladene Rechtsdrehung (normales Leitungswasser ist linksdrehend)".

"Sie können auch eine Bibel auf den Wasserzähler legen, das hat den gleichen Effekt", meinte der Experte Wagner dazu lakonisch. Wie so ein Gerät funktionieren könnte, beschreibt er so: "Hartes Wasser" wird erwärmt, das heißt: Kalk fällt kontrolliert aus. Das ist aber bei den auf Magneten beruhenden Geräten nicht der Fall. Patente für solche Geräte werden seit dem Ersten Weltkrieg angemeldet, die Testreihen über die versprochenen Wirkungsweisen verliefen alle negativ. Wissenschaftlich sind sie erledigt - aber noch heute, im 21. Jahrhundert, werden per Direktvertrieb die potenziellen Kunden direkt angesprochen und "breit gequatscht" (Wagner).

Das fragte sich Konrad Streitberger, Assistenzarzt an der Klinik für Anästhesiologie, Universitätsklinikum Heidelberg, in seinem Vortrag "Akupunktur auf dem Prüfstand". Sein überraschendes Ergebnis: In gewissen Teilbereichen der Schmerztherapie eingesetzt, kann Akupunktur erstaunliche Erfolge zeitigen. Ansonsten räumte Streitberger mit allerhand Mythen auf: So alt sei die Akupunktur gar nicht, die erste Akupunktur-Anästhesie fand 1958 unter Mao statt. Es heißt, die Patienten hätten immer auch eine Mao-Bibel in der Hand gehabt.

Heute, so Streitberger, bieten experimentelle Studien plausible Erklärungsansätze für eine physiologische Wirksamkeit der Akupunktur. Umstritten ist, wie die beobachteten Effekte zu bewerten sind: Sind sie Folge einer ausgeprägten Placebo-Wirkung, eines unspezifischen Nadelreizes oder einer spezifischen Wirksamkeit der Akupunktur? Das Journal of the American Medical Association (JAMA) referiert deren Ergebnisse: Bei Übelkeit und Erbrechen sprechen sie in der Mehrheit für eine Wirksamkeit der Akupunktur, ebenfalls bei der Behandlung postoperativer Zahnschmerzen.

Leider kann auch allerhand schief gehen: Von Akupunkteuren wurden bereits Herzbeutel oder Lunge angestochen - Patient tot. Auch Nadeln werden schon mal im Patienten vergessen. Es gibt aber auch harmlosere Nebenwirkungen: Blutungen, Hämatome, Kreislaufreaktionen. Bei Untersuchungen, die Streitberger selbst durchführte, erlebten sowohl die akupunktierten Patienten als auch diejenigen mit Placebo eine leichte Verbesserung, bei der Behandlung von Schulterschmerzen erzielte die Akupunktur sogar die besseren Ergebnisse. Derzeit laufen verschiedene Studien, in deren Folge über die Anerkennung der Akupunktur als kassenärztliche Leistung entschieden werden soll.

Dass es gar nicht so einfach ist, zwischen "objektiv nachweisbaren" naturwissenschaftlichen und "subjektiv empfundenen" parapsychologischen Phänomenen zu unterscheiden, wollte Andreas Hergovich vom Institut für Psychologie der Universität Wien zeigen. Aus psychologischer Sicht gibt es mehrere Faktoren, warum Leute sich von paranormalen Phänomenen überzeugen lassen:

    Selbst Studien von Psi-Befürwortern ergaben keine signifikanten Trefferquoten für Psi-Phänomene. Sie selbst rechtfertigen das so: Je kritischer die methodische Herangehensweise (quantitative Methoden) sei, desto mehr entziehe sich Psi dem Nachweis ("Psi-missing"). Heiterkeit im Saal.

    Doch so einfach solle man es sich nicht machen, parapsychologische Phänomene als Unfug abzutun, meint Hergovich, und plädiert für eine philosophische Betrachtung: Die Parapsychologien versuchten, mit naturwissenschaftlicher Argumentation den Naturalismus (Materialismus) zum Einsturz zu bringen. Aber auch die Skeptiker hätten ihren "blinden Fleck": Sie glaubten an die Naturwissenschaften. Das heißt für Hergovich bei aller Ablehnung von Psi: "Parapsychologische Effekte liegen jenseits der Dichotomie von subjektiv und objektiv."

    "Ist Architektur eine Wissenschaft?" fragte anschließend der Architekt Gerd Aldinger in seinem Vortrag "Das verborgene Haus. Feng shui, Baubiologie und der alltägliche Bedarf des Wohnens". Seine Antwort ist eindeutig: Wenn man die Behauptungen hört, die Feng-Shui-Berater so aufstellen, möchte man es nicht glauben: Wenn das Fundament eines Hauses schwach sei, werden es auch die Bewohner des Hauses sein, bzw. ihre Karrieren. Wenn die Toilettentür direkt der Haustür gegenüber liege, solle die Energie durch die Toilette abfließen, deshalb wird als Abhilfe empfohlen, einen Spiegel an der Toilettentür aufzuhängen.

    Enthusiastisch wurde Feng Shui in der Bundesrepublik von den sogenannten Baubiologen ("Baubiologisches Manifest" von 1982) aufgenommen, die architektonische mit esoterischen Fragen verknüpfen. Sie zeichnen sich, so Aldinger, dadurch aus, dass sie vor allerhand Gefahren durch falsche Baustoffe und -verfahren warnen (vor allem Stahlbeton) und dann in der Regel Dienstleistungen zur Lösung des Problems anbieten.

    Warum kaufen die Leute solches Zeug? In der Diskussion wurde die These aufgestellt, die modernen Naturwissenschaften blieben für die Bürger so unverständlich, dass die Esoterik leichtes Spiel habe. Ein Redner forderte, kritische Wissenschaftler sollten mehr auf Verständlichkeit achten.

    Und die Rolle der Medien? Die Erfindung der Drucktechnik, so Stefan Bachter, habe erst einmal dazu geführt, dass magisches Wissen sich innerhalb der europäischen Elite verbreitet habe. Mit dem massenhaften Druck der sogenannten "Zauberbücher" im 19. Jahrhundert wurde ehemals elitäres Wissen fragementiert, trivialisiert und popularisiert.

    Auch die Hoffnung, das Internet würde im Sinne der Aufklärung wirken, habe sich laut Bachter nicht direkt erfüllt: Per Internet werden die absurdesten Theorien verbreitet, die abstrusesten Produkte angeboten. Die Skeptiker trösteten sich damit, dass sich auch die Aufklärung von Verschwörungstheorien und Hoaxes dort findet.

    Mit Aktionen wie dem "Aberglauben-Parcours" (die Probanden müssen unter einer Leiter durchgehen, einen Spiegel zerschlagen, Salz verschütten etc.) wollen sie in der Öffentlichkeit gegen den Aberglauben vorgehen. Auch die Tagung selbst war, so gesehen, ein tapferes Zeichen gegen Aberglauben, lautet doch ein zu Beginn verlesenes bayerisch-schwäbische Sprichwort: "Was freitags wird begonnen, hat nie ein gutes End' genommen".

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