Sind LED-Lampen zu lange haltbar?

Was aus Sicht der Verbraucher als Glücksfall erscheint, ist für die Hersteller der schleichende Verlust eines seit Jahrzehnten gewohnten Geschäftsmodells

Die Lebensdauer von LED-Lampen wird mit bis zu 25.000 Betriebsstunden angegeben. Das birgt für die Hersteller das Problem, nach Abschluss der weltweiten Umrüstungswelle einen dramatischen Absatzeinbruch verkraften zu müssen. Es sei denn, man könnte die Lebenszeit begrenzen.

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Gerne wird in diesem Zusammenhang auf das in den 1920er-Jahren installierte Phoebuskartell verwiesen. Dieses war ein in Genf gegründetes Gebiets-, Normen- und Typenkartell, das nicht nur für die Standardisierung der E14- und E27-Schraubgewinde sorgte, die bis heute gebräuchlich sind, sondern auch für eine Marktaufteilung unter den großen Herstellern.

Als wichtigstes Resultat dieser Absprachen gilt bis heute die Begrenzung der Lebensdauer einer Glühbirne auf 1.000 Betriebsstunden. Dazu wurde der Lampenwendel so an einer Stelle gequetscht, dass er nach etwa 1.000 Stunden durchbrennt. Verkauft wurde dies als Sicherheitsfeature und Möglichkeit zur Energieeinsparung. Tatsächlich diente es jedoch vor allem der Absatzsicherung.

Was unter dem Dach der Genfer Phoebus S.A. Compagnie Industrielle pour le Développement de l'Éclairage für eine bis heute nicht wirklich geklärte Zeitdauer organisiert wurde, würde manchem LED-Lampenhersteller inzwischen auch gefallen. Es würde jedoch gegen die in den meisten Industrieländern heute geltenden Kartellverbote verstoßen. Und in der Realität gibt es inzwischen zahlreiche Möglichkeiten, den drohenden Umsatzeinbruch wettzumachen, ohne ein Kartell bilden zu müssen.

Eine Möglichkeit der Umsatzsteigerung besteht darin, dass man die LEDs fest in der Leuchte verlötet, so dass sie nur noch gemeinsam mit der Leuchte ausgetauscht werden können. Baut man das Leuchtmittel "aus Design-Gründen" dann noch so ein, dass die von den LEDs erzeugte Wärme nicht abgeführt wird, reduziert sich die Lebenserwartung der Leuchte ganz schnell.

Zumeist hängt die Lebensdauer auch gar nicht von den eingesetzten LEDs ab, sondern von der Vorschaltelektronik. Dabei gibt es genügend Einsparpotential durch billigere und schlechtere Bauteile. Selbst Markenprodukte kommen heute nur noch auf 10.000 Betriebsstunden. No-Name-Produkte steigen durchaus noch früher aus. Sie sind vielfach so billig gefertigt, dass der Hersteller auf jegliche Endkontrolle verzichtet, um noch eine hauchdünne Marge zu erzielen.

Die klassischen Lampenhersteller Osram und Philips haben für das Geschäft mit dem langlebigen Licht kein tragfähiges Geschäftsmodell entwickeln können. Sie wollen sich vom Lampengeschäft inzwischen beinahe fluchtartig trennen oder haben dies schon vollzogen. Aus Osrams Haushalts- und Autolampensparte wurde die nach China verkaufte Firma Ledvance - und Philips hat seine Lampensparte in die Philips Lighting Holding B.V. ausgelagert. Deren deutscher Zweig firmiert als Philips Lighting GmbH. Der geplante Verkauf des Bereichs Philips Lumileds an eine amerikanisch-chinesische Investorengruppe war am Einspruch aus den USA gescheitert.

Auch der indische Hersteller Havells hat seine Lampensparte Sylvania inzwischen an die chinesische Firma Shanghai Feilo Acoustics verkauft. Bei General Electric ist über den Verbleib der Lampensparte derzeit nichts bekannt.

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Welcher Weg sich für die Lampenhersteller in Zukunft bieten könnte, zeigt das Beispiel der niederländischen Marke Philips. Da gab es die Erfahrung mit der Hintergrundbeleuchtung, die in die TV-Geräte eingebaut wurde und im Jahre 2012 begann man mit dem Lichtsystem Hue, mit dem die Lichtstimmung in einem Raum beispielsweise so programmiert werden kann, dass sie einer Morgendämmerung entspricht und (verknüpft mit dem Wecker) das morgendliche Aufwachen erleichtern kann.

LED-Lampen mit E27-Sockel und integriertem Bluetooth-Lautsprecher sind inzwischen in Fernost ein gängiges Produkt und wurden kürzlich auch im Sortiment von Sony gesichtet. Nicht nur dort wurde aus der Lampenfassung dann sogar ein Hub, der allerlei digitale Funktionen bis zur Überwachungskamera miteinander verknüpft.

Für die Hersteller hat diese Entwicklung den Vorteil, dass sie den Kunden dazu zwingen können, statt der billigen Leuchtmittel aus dem Möbel- oder Baumarkt nur noch die Original-Ersatzteile der jeweiligen Marke nutzen zu können, weil die Technik erkennt, ob ein Original-oder ein Fremd-Produkt eingesetzt wurde. Die Reaktion des Gerätes kann dann von der Reduktion der nutzbaren Features bis zur Totalverweigerung reichen.

Der Zwang zu teuren Ersatzteilen ist jedoch nur die eine Seite der schönen neuen Welt. Die Vernetzung der Beleuchtung innerhalb von Wohnung oder Haus bietet Herstellern und Diensteanbietern auch zahlreiche Daten über das Nutzerverhalten, die manch Nutzer gar nicht preisgeben will.

Smarte Leuchtmittel befreien die Hersteller sehr elegant vom Problem der aus ihrer Sicht geschäftsschädigend langen Lebenserwartung der LED-Leuchtmittel. Wenn es nicht mehr damit getan ist, die Glühbirne in die Fassung zu schrauben, sondern das Leuchtmittel über ein eigenes Betriebssystem verfügt und nach Austausch jeweils neu angemeldet werden muss, damit es über das Smartphone bedient werden kann, darf es auch dessen kurze Lebenserwartung haben. Dazu benötigt man kein Kartell mehr. Das macht die Mehrheit der Nutzer dann freiwillig. (Christoph Jehle)

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