Sind Medien und T-Shirtträger Mittäter?

Gedenken an die Opfer in Christchurch. Bild: James Dann / CC BY-SA 4.0

Nach dem faschistischen Anschlag in Neuseeland werden schwere Vorwürfe erhoben. Mehr Gelassenheit wäre angebracht

Schwerere Vorwürfe erhob Stefan Fries im Deutschlandfunk gegen Medien wie Bild. Sie würden sich zum "Mittäter" machen des faschistischen Attentäters von Christchurch in Neuseeland machen, der 50 Menschen in Moscheen erschossen hat. Die Kritik von Fries richtete sich gegen eine Berichterstattung, in der auch Videos verbreitet wurden, die vom Täter stammen.

Ja, Mittäter. Die Medien, die sich auf die Logik des Attentäters von Christchurch eingelassen haben, waren Komplizen bei seiner Tat. Denn sie haben das vollendet, was er begonnen hat. Der Täter hat die mediale Verbreitung seiner Tat einkalkuliert. Wer ihm hilft, macht sich mitschuldig - an diesem Verbrechen, aber auch an denen von Nachahmern.

Stefan Fries, Deutschlandfunk

Besonders in der Kritik steht Bild-Chefredakteur Julian Reichelt, der begründete, warum die Zeitung auch Videomaterial des Täters zeigt:

Nun zeigen wir auch Bilder und Sequenzen aus dem Video, das der rechtsextreme Terrorist von Christchurch während seiner abstoßenden Tat anfertigte. Wir zeigen diese Bilder ganz bewusst. Wir glauben, dass wir diese Bilder zeigen müssen.

WARUM?

Die Opfer sind Muslime, die im Haus ihres Gottes niedergemetzelt wurden. Ihnen und ihren Angehörigen gelten unsere Gedanken und unser Mitgefühl - genauso wie allen anderen Opfern von Terrorismus.

Aber Trauer allein reicht im Journalismus nicht. Trauer ist keine journalistische Disziplin. Journalismus muss zeigen, was geschehen ist. Journalismus ist dazu da, Bilder der Propaganda und Selbstdarstellung zu entreißen und sie einzuordnen. Erst die Bilder verdeutlichen uns die erschütternde menschliche Dimension dieser Schreckenstat.

Julian Reichelt, Bild

Nun darf man Bild, wie jedem anderen auf Klicks und Käufer angewiesenem Medium, unterstellen, dass die Boulevard-Zeitung mit den Videos eben die "Klickzahlen" erhöhen wollten. Wenn schon die Videos im Internet verbreitet werden, will wenigstens Bild auch davon profitieren.

Trotzdem hat Reichelt Recht, wenn er schreibt, dass Journalismus eben mehr ist als das Zelebrieren von Trauer und Betroffenheit. Ja, Journalismus soll Ereignisse einordnen.

Journalismus muss aufzeigen, wo Trauer zu Heuchelei wird

Und Journalismus soll auch auf die falsche Trauer, derjenigen hinweisen, die natürlich einen faschistischen Mörder von Oslo oder Neuseeland verabscheuen, aber nicht gerne daran erinnert werden, dass sie viele seiner ideologischen Versatzstücke längst als Teil ihrer Politik übernommen haben.

Dazu muss das faschistische Manifest des Täters bekannt sein. Nur dann kann erst gezeigt werden, wo es Übereinstimmungen mit der Politik derjenigen gibt, die sich natürlich empört von den Mordtaten distanzieren. Wenn aber möglichst wenig von diesem Text bekannt wird, können sich Konservative aller Couleur als diejenigen ausgeben, die ja so traurig über die Opfer sind.

Der Täter wird zum Killer und Kriminellen und nicht zum rechten Propagandisten, der eben mit vielen seiner Vorstellungen nicht alleinsteht.

Den Namen des Täters nicht nennen

Die neuseeländische Ministerpräsidentin hat in ihrer Gedenkrede für die Opfer im Parlament dazu aufgerufen, den Namen des Täters nicht zu nennen, um ihm nicht den Triumph der weltweiten Bekanntheit zu gönnen. Statt die Namen des Mörders sollten die Namen der Opfer weltbekannt werden. Diesem Anliegen kann man nur zustimmen.

Nur sollte man sich nicht der Illusion hingeben, dass im Internetzeitalter nicht trotzdem von bestimmten Kreisen ein Kult um den Mörder gemacht wird, der ja namentlich bekannt ist. Die Nichtnennung wird dann von seinen Fans sogar noch genutzt, um den Kult zu erhöhen.

Doch für die Auseinandersetzung mit den Verbrechen ist sein Bild und sein Name anders als sein Manifest entbehrlich. Maßstäbe hat da der Film Utoya, 22. Juli gesetzt, der den faschistischen Massenmord am 22.Juli 2011 auf der gleichnamigen Insel und in Oslo dokumentiert. Der Film dauert solange, wie der Faschist sein mörderisches Werk verrichtete. Er wird namentlich nie genannt und ist im Film nur als Schatten zu sehen.

Auch der Schriftsteller Peter Weiss hat in seinem antifaschistischen Kompendium Ästhetik des Widerstands auf über 900 Seiten den Namen Adolf Hitlers kein einziges Mal erwähnt.

Für ihn war das auch ein Beitrag zu einer antifaschistischen Literatur und ein Antidot zu einer Berichterstattung, die bis in die 1960er Jahre noch ständig um Hitler, dessen Jugend, Hunde und sein Ende kreist. Gleichzeitig wollte Weiss damit auch deutlich machen, dass Hitler nur zum Oberhaupt eines deutschen Rackets werden konnte, weil er dazu gemacht wurde, von kapitalistischen Strukturen und von dem Teil der deutschen Bevölkerung, die ihn wählten, ihm zujubelten und auch die Verbrechen verübten.

In diesem Sinne sollten auch die heutigen Faschisten möglichst wenig namentlich genannt werden. Man sollte sie nicht immer auf Fotos bannen. Aber ihre ideologischen Verlautbarungen sollten umso mehr beachtet werden. Im Sinne von Weiss sollten wir immer wieder die gesellschaftlichen Bedingungen benennen, die die Mordtaten von Utoya und Christchurch und wo auch immer möglich machen.

Dabei sollten wir nicht in eine Sprache der Verdächtigungen verfallen, die Medien, welche aus sicher fraglichen Gründen Tätervideos zeigen, wie Fries im Deutschlandfunk zu Mittätern macht. Ein wenig mehr Gelassenheit wäre angebracht, auch wenn es um T-Shirt-Motive geht. Ein Rap-Fan mit einem Symbol des IS am Pullover muss kein Mitglied oder Sympathisant des islamfaschistischen Vereins sein.

In den 1970er Jahren wusste jeder, dass junge Leute, die T-Shirts mit dem RAF-Symbol trugen, keine RAF-Mitglieder waren. Da möchte man doch raten, atmet doch mal. Faschistischer und islamistischer Terror wird sicher nicht durch T-Shirt-Motive, sondern durch gesellschaftliche Verhältnisse befördert. Über die sollte man sich echauffieren. (Peter Nowak)

Anzeige