Sind Neo-Broker Altruisten?

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Anmerkungen zum Telepolis-Artikel "Wohin mit unserem Geld?" von Stephan Schleim, zur Rolle von Neo-Brokern und unsere Zukunft nach Corona

Der Artikel Wohin mit unserem Geld? von Stephan Schleim, der am gestrigen Montag auf Telepolis erschien, ist eine Replik auf meinen Robinhood-Artikel dort vom Vortag. In sehr vielen Dingen kann ich Stephan Schleim nur zustimmen. Er bringt ausgezeichnet auf den Punkt, dass es langfristige Stabilität in einem Land nur mit sozialer Gerechtigkeit und echter gesellschaftlicher Teilhabe geben kann. Das ist auch absolut meine Einschätzung, ja eines meiner Herzensanliegen.

Auch den Hinweis, dass große Systemwechsel mit Blick auf das 20. Jahrhundert nicht nur möglich sind, sondern tatsächlich mehrfach stattgefunden haben, finde ich essenziell.

Es gibt aber doch ein paar kleinere Anmerkungen von Stephan Schleim, die ich kommentieren möchte. Stephan Schleim monierte meine Aussage, die Neo-Broker ermöglichten Aktienhandel "zum Nulltarif". Das stimme nicht, denn die Broker verdienten über die Spreads.

Mir ist schon klar, dass die Neo-Broker ihre Dienste alles andere als "gratis" zur Verfügung stellen, sonst hätten sie keinen so hohen Marktwert. Aber: für die Kleinanleger sind die Kosten durch die Neo-Broker tatsächlich ungeheuer stark gesunken, sodass sie bei Einzeltransaktion für die Kleinanleger tatsächlich fast zum Nulltarif abgewickelt werden können.

Natürlich holen sich die Neo-Broker dann durch die Hintertür ihre Einnahmen zurück. Also letztlich stimmen wir da in unserer Einschätzung überein.

Ein anderer Kritikpunkt von Stephan Schleim an mir ist, dass ich das KGV des S&P 500 von derzeit 46 für "zu hoch" halte. Mir fehle dabei die Systemsicht. In einem einzelnen Artikel kann man schwerlich alle seine Gedanken zu einem Thema unterbringen. Ich habe in den letzten Monaten ausführliche Aufsätze (und auch mehrere Bücher) zu genau dieser Systemsicht geschrieben und viele öffentliche Vorträge dazu gehalten.

Sie finden sich alle etwa auf meiner Homepage www.menschengerechtewirtschaft.de. Gerade die Systemsicht ist mir besonders wichtig, gerade die Einordnung der Aktien- und Immobilienpreisentwicklung in die derzeitige Geld- und Finanzpolitik. Aber das konnte aus Platzgründen nicht auch noch in dem Artikel zu den Neo-Brokern bei Telepolis untergebracht werden. Daher finde ich den Vorwurf mangelnder Systemsicht nicht zutreffend.

Und eine letzte Anmerkung: Stephan Schleim schreibt, ich scheine eine eher pessimistische Sichtweise zu vertreten. Da hat er voll recht. Während der Lockdowns wurden ungeheuer viele Schecks auf die Zukunft gezogen, enorme Schulden gemacht, diese durch frisch gedrucktes Notenbankgeld finanziert und gleichzeitig durch die Lockdowns viele Cashflows abgewürgt.

Und jetzt lesen wir von fast allen Ökonomen, dass alles auf dem Arbeitsmarkt gut wird, schönes Wirtschaftswachstum kommt und keine Inflation oder sonstige Unbill droht. Das halte ich für reichlich naiv. Die Rechnung wird noch kommen. Als Ex-Investmentbanker bin ich mir überaus sicher, dass all diese Schulden nicht komplett zurückgezahlt werden können. Das wird noch ein böses Erwachen geben. Auch an den Börsen.

Ich glaube, bei einem gemütlichen Tee würden Stephan Schleim und ich auch bei diesem Punkt vermutlich in unserer Einschätzung nicht allzu weit auseinanderliegen. (Christian Kreiß)