Sind Panzer im 21. Jahrhundert so überholt wie die Kavallerie im 20.?

Mit eingebautem Teekocher: Der Challenger-2-Panzer. Foto: Alan Wilson. Lizenz: CC BY-SA 2.0

Großbritannien prüft eine "sanfte Abschaffung", während man in Russland auf unbemannte Fahrzeuge setzt

Am 15. September 1916 waren die Briten an der Somme die ersten, die Panzer einsetzten. Sie hatten die Geräte, die dem Grabenkrieg ein Ende machen sollten, unter der Ägide ihres damaligen Marineministers Winston Churchill erst als "Landschiffe" und später unter dem Tarnnamen "Tanks" entwickelt. Im Zweiten Weltkrieges wurden diese Geräte, die auch die Deutschen bis in die 1930er Jahre hinein so nannten, neben Flugzeugen zur entscheidenden Waffe aller wichtigen Akteure. Und auch danach, im Kalten Krieg, floss ein beträchtlicher Teil der Rüstungsausgaben beider Blöcke in ihre Produktion und Entwicklung

Lieber Kampfflugzeuge, Hubschrauber, "Cyber-Waffen", Weltraumtechnologie und Forschung

Einem Bericht der Londoner Times nach könnten die Inselnationen des Vereinigten Königreichs nun wieder die Vorreiter sein: Nach einer Prüfung der Kosten einer Modernisierung eines Teils ihrer 227 Challenger-2-Panzer mit 1.500 statt 1.200-PS-Motoren, Sensoren, einer neueren IT und 120-Millimeter-Glattrohrkanonen, die mit der Munition für die verbreiteteren Abrams- und Leopard-2-Panzer zurechtkommen, erkundigt sich die britische Regierung bei den anderen NATO-Partnern angeblich, was diese davon halten, wenn London das dafür nötige Geld lieber in Kampfflugzeuge, Hubschrauber, "Cyber-Waffen", Weltraumtechnologie und Forschung steckt. Aktuell hat das Militärbündnis gerade britische Challenger 2 im Rahmen der NATO Enhanced Forward Presence (eFP) im Baltikum stationiert, wo sie die Russen abschrecken sollen.

NATO-Arbeitsteilung?

Russland dagegen setzt mit seinem gerade auf der Rüstungsmesse Army 2020 präsentierten Т-14 Armata weiterhin auf Panzer. Das ist der Ansicht des russischen Militärexperten Wiktor Litowkin nach kein Fehler, weil Panzer "auf größeren Flächen, wo es viel Bewegungsfreiheit gibt, nach wie vor die Stoßkraft der Landtruppen" bestimmten. Dass die Briten diese Rüstungsrichtung nun möglicherweise nicht weiter verfolgen, liegt seiner Ansicht nach auch daran, dass Länder, mit denen die Briten militärisch zusammenarbeiten, diesen Bereich gut abdecken.

Der Ansicht des Gazeta-Militärkolumnisten Michail Chodarjonok nach schließen sie sich vielleicht auch noch dem deutsch-französischen Gemeinschaftspanzerprojekt Main Ground Combat System an (vgl. Sind "zukünftige Verteidigungsszenarien" bis 2075 vorhersehbar?), weil sie mit ihren eigenen jüngeren Entwicklungen auf diesem Feld trotz der eingebauten Teekocher möglicherweise nur bedingt zufrieden waren.

Entwicklungen und Gegenentwicklungen

Die Debatte, die die Briten mit ihrer Modernisierungsprüfung angestoßen haben, ist nicht die erste, bei der es darum geht, ob Panzer angesichts anderer militärtechnologischer Entwicklungen noch sinnvoll sind: Schon vor fast 50 Jahren stellten sich Militärs und Medien diese Frage, nachdem Lenkwaffen im Jom-Kippur-Krieg eine große Zahl solcher Fahrzeuge zerstörten. Der Abgesang erwies sich aber als verfrüht, weil Materialforscher und Panzerkonstrukteure auf die Lenkwaffen mit neuen Kompositstoffen, Reaktivpanzerungen und Abstandsaktiven Schutzmaßnahmen (APS) reagierten. Diese Technologien machten Panzer jedoch erheblich teurer.

Auch die zukünftigen russischen Panzer sollen sich dem Herstellerkonzern Uralwagonsawod in einem wesentlichen Punkt von den derzeitigen unterscheiden: Sie sollen nicht mehr bemannt herumfahren und feuern. "Der beste Schutz der Besatzung eines Kampffahrzeugs" ist ihren Verlautbarungen nach nämlich "ihre Abwesenheit an Bord". Außerdem bringt man so mehr Munition unter und vergrößert die Reichweite. Noch ist der auf der Messe präsentierte Armata allerdings mehr ferngesteuert als autonom. Der Kommandant, der ihn lenkt, bekommt seine Daten unter anderem von einem Infrarotvisier und von Drohnen, die das Gelände beobachten. Fähigkeiten wie das selbständige Erfassen eines Ziels, das Auswählen der Munition und das Setzen von Prioritäten sollen erst später dazukommen. (Peter Mühlbauer)