Sind die Notstandsmaßnahmen erfolgreich?

Bild: CDC

Ein Wissenschaftlerteam des Imperial College geht davon aus, dass mit dem Lockdown in 11 EU-Ländern schon bis zu 120.000 Menschenleben gerettet worden seien. Aber ist das mehr als statistische Spielerei?

Ein Wissenschaftlerteam des Imperial College London hat in einer Analyse versucht, die Auswirkungen von "nicht-pharmazeutischen" Maßnahmen zur Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie wie Schulschließungen, soziale Distanzierung, Ausgehverbote und Lockdown in 11 europäischen Ländern ausgehend von der Reproduktions- oder Ansteckungsrate abzuschätzen.

Bislang könnten die Regierungen, so die Schlussfolgerung, mit den Maßnahmen bereits zwischen 21.000 und 120.000 Todesfälle vermieden haben, so die Autoren der Studie. Es seien aber wohl auch erst 2-10 Prozent (7- 43 Millionen) der Bevölkerung infiziert. Am stärksten breite sich die Pandemie derzeit in Spanien, gefolgt von Italien, aus, am schwächsten in Deutschland und Norwegen.

Nach Samir Bhatt von der School of Public Health hätten die europäischen Regierungen mit der Verhängung der Notstandsmaßnahmen erfolgreiche Schritte eingeleitet, um die Gesundheitssysteme zu entlasten und die Kurve der Neuinfektionen abzuflachen: "Wir glauben, dass eine große Zahl an Menschenleben gerettet wurde. Aber es ist noch zu früh zu sagen, ob wir es geschafft haben, die Epidemie vollständig zu kontrollieren. In den kommenden Wochen werden noch schwierigere Entscheidungen zu treffen sein."

Die auf der Auswertung von wenig verlässlichen und kaum vergleichbaren Daten beruhende Studie können Regierungen, die gerade den Empfehlungen von Virologen und Epidemiologen folgen, als Legitimierung betrachten. Im Grunde geht es gerade um ein gigantisches Experiment, ob sich eine neue Epidemie, wie gefährlich sie auch immer sein sollte, durch einschneidende gesellschaftspolitische Maßnahmen, die als notwendig erachtet werden, kontrollieren lässt.

Experiment auf Gesellschaftsebene

Es werden ganze Gesellschaften aufgrund bestimmter Parameter wie eine komplexe Maschine oder ein kybernetisches System gesteuert, an denen sich dann auch der Erfolg ablesen lassen soll. In solche epidemiologischen Modelle gehen, wie vielfach kritisiert wird, allerdings andere Parameter nicht ein - wie die Folgen oder Nebenwirkungen für die Wirtschaft, die Demokratie, die Arbeitnehmer, die Selbständigen, die Kranken und Alten, die Kinder, die nicht mehr in den Kindergarten gehen, oder die freigesetzten Schüler und Studenten oder überhaupt das anderweitige Leben der Menschen unter der als alternativlos suggerierten Alternative Gesundheit oder Wirtschaft, Kultur, Grundrechte etc.

Die Wissenschaftler des Imperial College haben bereits mit einer epidemiologischen Abschätzung die britische Regierung beeinflusst, die zunächst auf Laufenlassen und Herdenimmunität setzte. Die hatten zwei Strategien gegenübergestellt, die der Verlangsamung oder Abschwächung der Epidemie und die einer Bekämpfung mit einschneidenden Maßnahmen mit dem Ziel, die Epidemie einzudämmen. Die Verlangsamung der Ausbreitung würde die Belastung des Gesundheitssystems um zwei Drittel senken und die Todesfälle um die Hälfte. Gleichwohl würde es zu 260.000 Toten und einer massiven Überlastung des Gesundheitssystems kommen. Die zweite Strategie mit massiven Verboten wie der sozialen Distanzierung der gesamten Bevölkerung, Quarantäne für Infizierte und ihren Familien, müsste 18 Monate durchgehalten werden, bis es einen Impfstoff gibt.

Ohne Kontrollmaßnahmen, wie dies die britische Regierung erst einmal verfolgt hatte, würden 80 Prozent der Bevölkerung infiziert und über eine halbe Million Menschen würden sterben. Das brachte Premier Boris Johnson zum Umdenken (Britische Regierung verfolgt nicht mehr die Strategie der Herdenimmunität), um dann schließlich wie die viele andere Regierung einen Lockdown zu verhängen (Britische Regierung tritt mit dem umfangreichen Corona-Gesetz in den Ausnahmezustand ein).

Wissenschaft oder Ideologie?

Die Wissenschaftler vertreten in ihrer neuen Studie auch die Beibehaltung der Notstandsmaßnahmen, müssen aber einräumen, dass es noch zu früh ist, deren Erfolg wirklich nachweisen zu können, da es 2-3 Wochen daure, bis sich ein Trend in der Mortalität ergibt. Bestärkt wird der experimentelle Ansatz, da nur unter Beibehaltung der Methodik ein gesichertes Ergebnis entstehen kann, das sich anhand der Toten und der Ansteckungsrate zeigt: "It is therefore critical that the current interventions remain in place and trends in cases and deaths are closely monitored in the coming days and weeks to provide reassurance that transmission of SARS-Cov-2 is slowing." Vorbild ist das staatliche Handeln in China mit dem Herunterfahren der sozialen Kontakte, aber auch in Südkorea oder Singapur mit extensiven Tests und Kontaktverfolgung.

Die Wissenschaftler legten vor allem die Todeszahlen von ECDC zugrunde, obgleich diese in verschiedenen Ländern anders bestimmt wird. Und selbst wenn ein Toter positiv getestet wurde, bedeutet dies schließlich nicht, dass er an Covid-19 ursächlich gestorben ist. Sie schätzten die Zahl der Infektionen ab und versuchten die Reproduktionsrate, also die durchschnittliche Zahl der sekundären Infektionen pro infizierter Person, als Maßstab für den Erfolg der Maßnahmen zu berechnen. Für Italien schätzen sie, dass bis zum 28. März zwischen 1,9 und 15,2 Millionen oder 3,2 -25 Prozent der Bevölkerung infiziert wurden. Deutschland habe mit 0,7 Prozent eine der geringsten Infektionsrate. Bis zum 28. März seien zwischen 240.000 und 1,5 Millionen Deutsche infiziert worden.

Vor den Nostandsmaßnahmen sei die Reproduktionsrate in den 11 Ländern etwa bei 3,87 gelegen, also jeder Infizierte würde fast vier andere Menschen anstecken. Für Deutschland soll Ende Februar die Reproduktionsrate noch bei etwa 4 gelegen haben, nach dem Lockdown soll sie auf unter 2 gefallen sein. In Italien sei die Reproduktionsrate nach dem Lockdown bereits auf 1 gefallen. Man könne allerdings nicht sagen, welche der Maßnahmen (vollständiger Lockdown, Verbot von Versammlungen, Schulschließungen, Selbstisolation, soziale Distanzierung) den größten Einfluss hatte. Das wäre freilich hochinteressant, um Alternativen zu einem Lockdown zu entwickeln.

Um wieder Deutschland zu nehmen, so gehen die Wissenschaftler von der offiziellen Todeszahl von 325 bis 28. März aus. Nach ihrem Modell hätte sie zwischen 240 und 410 betragen, was einen ziemlich genauen Mittelwert von 320 ergeben würde. Aufgrund der Interventionen wären bis 31. März 570 Todesfälle (400 - 810) zu erwarten. Das RKI berichtete am 31. März (8:15) von 583 Todesfällen. Das würde wieder eine gute Schätzung abgeben. Ohne Interventionen würden es geschätzte 1100 (570 - 2400) sein, der Unterschied läge bei 550 Todesfällen, die durch die Intervention vermieden wurde. In Spanien würde der Unterschied 16.000 Todesfälle betragen.

Solche Rechnungen haben allerdings das Problem, dass sie nicht die überschüssigen Todesfälle über den normalen Trend hinaus aufzeigen. So verstarben nach der Statistikbehörde 2017 in Deutschland 932.272 Menschen, knapp 2600 am Tag. Wenn also am 30. März in Deutschland 128 Menschen im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben sind, müsste man wissen, wie viele an diesem Tag insgesamt gestorben sind.

Maßnahmen hätten in der EU Zentausende, weltweit Millionen gerettet

Die Wissenschaftler gehen nach ihrem Modell wie gesagt davon aus, dass durch die Interventionen der Regierung in den 11 EU-Ländern seit Beginn der Pandemie bis Ende März 59.000 (21,000-120,000) Todesfälle vermieden wurden. Wenn man die erwarteten Todesfälle bei den bis 28. März Infizierten einbeziehen würde, läge die Zahl noch höher. Und würde man die Maßnahmen beibehalten, könnten noch viel mehr Menschenleben gerettet werden.

Christl Donnelly, Professorin für statistische Epidemiologie an der School of Public Health erklärt: "Dieser Bericht macht die frühen Beweise für die Vorteile der Maßnahmen zur sozialen Distanzierung deutlich. Wenn wir die Distanz voneinander einhalten, begrenzen wir die Möglichkeiten des Virus, sich zu verbreiten, und reduzieren wir die Krankheits- und auch Todesrisiken unter den Menschen um uns herum."

Ob es Beweise sind, ist allerdings noch fraglich. Die Wissenschaftler sagen andererseits selbst, dass sich jetzt noch nicht absehen lässt, ob die Lockdowns erfolgreich sind. Und ob der Rückgang der Reproduktionsrate und des Anstiegs der Fallrate, die wiederum abhängig ist von der Zahl der Getesteten, ursächlich durch die Notstandsmaßnahmen zur sozialen Distanzierung erfolgt ist, hat zwar einige Plausibilität für sich, ist aber letztlich nur eine Korrelation. Es könnten viele andere Faktoren hereinspielen, beispielsweise auch einfach eine Abflachung der Infektionen.

Hypothetisch hatten die Wissenschaftler schon zuvor berechnet, also eher abgeschätzt, dass ohne Maßnahmen 7 Milliarden Menschen infiziert hätten werden können, was in diesem Jahr zu 40 Millionen Todesfällen hätte führen können. Soziale Distanzierung würde die Kontakte um 40 Prozent verringern. Wenn die Älteren die Kontakte um 60 Prozent reduzieren würden, könnte das die Todesrate um die Hälfte verringern.

Selbst dann seien aber die Gesundheitssysteme in allen Ländern überbelastet. Harte Maßnahmen könnten nächstes Jahr Millionen von Menschenleben retten. Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass hier statistische Spielereien auf der Basis von vagen Daten ausgeführt werden, die die Politik und die Menschen beeindrucken sollen. Aber das könnte auch dazu führen, der Wissenschaft zu misstrauen, zumal wenn sie die Politik beeinflussen will. (Florian Rötzer)