Sind wir nicht alle Eurasier?

Alexander Dugin und seine "neoeurasische" Ideologie gewinnen innerhalb russischer Eliten an Einfluss

Dr. Andreas Umland ist wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und Herausgeber der Buchreihe “Soviet and Post-Soviet Politics and Society” sowie Mitherausgeber der Halbjahresschrift “Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte”. Telepolis sprach mit ihm über den “Neo-Eurasismus” als Weltherrschaftsideologie.

Können Sie die eurasische Ideologie in groben Zügen umreißen, wie sie derzeit in Russland propagiert wird?
Andreas Umland: Eigentlich ist der sog. “Neo-Eurasismus” ein Etikettenschwindel, der eingeführt wurde, um eine Ideologie zu verschleiern, die eigentlich auf nichtrussischen Quellen beruht. Der wichtigster Repräsentant des russischen “Neo-Eurasismus”, Alexander Dugin, hat sich zuerst mit westlichen Autoren beschäftigt, etwa mit der deutschen konservativen Revolution, mit Julius Evola, einem italienischen faschistischen Ideologen, mit der europäischen Neuen Rechten, mit anderen antidemokratischen westlichen Ideologien. Er hat daraus seine eigene Weltsicht und seine auf Russland zugeschnittene Ideologie entwickelt und erst im Nachhinein die klassischen Eurasier der russischen Emigration der zwanziger Jahre entdeckt und diesen Begriff verwendet, um diese antidemokratische Ideologie zu umreißen.
Könnte man sagen, dass es sich hier im Grunde um einen Import aus dem Westen handelt?
Andreas Umland: In den Grundstrukturen ist es tatsächlich ein Import, im wesentlichen aus Westeuropa, was natürlich ein Problem ist für Dugin, da die Ideologie, die er entwickelt, antiwestlich ist. Aus diesem Grund erfolgt diese Camouflierung mit dem Begriff des “Eurasismus”. Er benutzt auch andere Begriffe zur Verdeckung seiner Ideologie: Er nennt sich konservativ, zentristisch usw. Das alles sind Begriffe, die an für sich nicht zutreffen.
Reden wir mal über den Inhalt dieser Ideologie, handelt es sich hierbei um ein manichäisches System?
Tatsächlich ist der Duginsche so genannte “Neo-Eurasismus” eine manichäische Ideologie, die davon ausgeht, dass die Weltgeschichte bestimmt ist durch den Jahrhunderte/Jahrtausende - alten Kampf zwischen Atlantikern und Eurasiern. Also einmal zwischen den Vertretern einer Zivilisation der eurasischen Landmächte, den so genannten Tellurokratien. Dies ist eine Terminologie, die er von Carl Schmitt übernommen hat. Die Tellurokratien bilden eine Zivilisation, die traditionell lebt, die antidemokratisch ist, in der jeder Mensch seinen festen angestammten Platz hat, die antiliberal ist. Demgegenüber stehen die Seemächte, die Tallasokratien. Das ist die atlantische Zivilisation, die liberal-demokratisch ist.
Diese beiden Zivilisationen befänden schon seit den Punischen Kriegen – wenn nicht gar länger – im Kampf miteinander. Und dieser Kampf zwischen den beiden Zivilisationen – der teilweise geheim war und zwischen Geheimgesellschaften geführt wurde – nähert sich heute seinem Endstadium. Dabei benutzte Dugin den Begriff “Endkampf”, ohne ihn ins Russische zu übersetzen, also das deutsche Wort.
Nochmal zur eurasischen Ideologie gefragt: Wie stellt sich Dugin die ideale eurasische Gesellschaft vor? Als eine traditionell und hierarchisch aufgebaute Formation?
Andreas Umland: Tatsächlich müsste im Idealfall die ganze Welt laut Dugin eurasisch organisiert sein. In dem Sinne, dass sie in Ethnien aufgeteilt ist. In der Art, dass die Menschen in ihren nationalen Traditionen eingefangen sind und in ihren starr, hierarchisch gegliederten Gesellschaftsformationen leben. Dabei schimmert durch, dass die russische Nation dominierend sein würde – aber es ist keine Weltherrschaftsideologie im primitiven Sinne, wie es etwa der deutsche Nazismus war.
Könnte man nicht sagen, dass hier ein Gegensatz aufgebaut wird von Zivilisation und Kultur? Auf der einen Seite die Gesamtheit der unveräußerlichen, allen Menschen zukommenden zivilisatorischen Menschenrechte, auf der anderen eine Internationale der partikularen Kulturen, in denen die Menschen nur die ihnen laut „Tradition“ und Platz in der Hierarchie zukommenden Rechte und Pflichten erben.
Andreas Umland: Ja, so könnte man das bezeichnen. Das ist im Grunde eine Replikation der neurechten Idee des Ethnopluralismus, davon das alle Menschen weniger durch ihre biologische Rasse definiert werden, als vielmehr durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur und dass dies eben das Entscheidende ist. Jeder Mensch ist demnach zuerst Mitglied einer bestimmten Nation, eines Kulturkreises oder ethnischen Gruppe – und in zweiter Instanz erst Mensch.
Sie argumentieren ja, in dieser Ideologie gebe es faschistische Momente. Mir kommt es eher vor, als ob das so eine Art Staatsideologie wäre, die eine expansive, meinetwegen auch imperiale Politik legitimieren soll. Ich würde da eher Parallelen zu den amerikanischen Neokonservativen mitsamt ihres Projekts eines „Neuen amerikanischen Jahrhunderts“ ziehen wollen. Es wird ja hier nicht rassistisch argumentiert, wie Sie selbst betonen. Jede Kultur hat ja laut Dugin an und für sich ihr Überlebensrecht, so lange sie traditionstreu und hierarchisch verbleibt und deren Mitglieder dieses starre Koordinatensystem nicht verlassen.
Andreas Umland: Da könnte man zweierlei sagen. Zum einen hat sich Dugin, bevor er ins Establishment eingetreten ist, in verklausulierter Form im Grunde zum Nazismus bekannt. Er hat SS-Führer gelobt und sich selbst als Vertreter der “Konservativen Revolution” dargestellt. An anderer Stelle meinte er, “Konservative Revolution” sei die Definition des Faschismus. Er hat es vielfach und in relativ klarer Form ausgedrückt, dass er profaschistisch ist. Die zweite, die andere Argumentation wäre, dass er in einem allgemeinen Sinne faschistisch ist, indem er - anders als die Neokonservativen - eine Revolution anstrebt.
Davon spricht er ganz offen, er möchte eine völlige Umgestaltung der russischen Gesellschaft und auch anderer Gesellschaften: Die totale Ent-Amerikanisierung, die Re-Hierarchisierung der Gesellschaften. Er möchte nicht nur den Erhalt einer bestimmten Gesellschaftsstruktur, also die Konservierung von heutigen Zuständen, wie es bei den Neokonservativen der Fall ist. Er möchte einer totale Umgestaltung der Gesellschaft – eine “Konservative Revolution” eben.
Ich habe da ein Problem mit dem Begriff konservativer Revolution. Dies ist doch ein Widerspruch in sich selbst. Die „konservativen Revolutionäre“ wollten ja keine umfassende soziale Revolution – sie sprachen von einer nationalen, moralischen Revolution. Zudem genossen diese Kräfte ja zumeist die umfassende Unterstützung der herrschenden Eliten.
Andreas Umland: In bin völlig einer Meinung, dass der Begriff sich als klassifikatorischer Terminus nicht eignet, weil er ein Oxymoron ist, ein Widerspruch in sich selbst. Aber er wird als Eigenname benutzt für eine intellektuelle Strömung in der Zwischenkriegszeit, die nicht nazistisch war, aber trotzdem radikal antidemokratisch. Ich glaube trotzdem, das der Revolutionsbegriff hier zutrifft.
Die “Konservativen Revolutionäre” planten eine grundlegende Umwälzung der Gesellschaft. Weniger sozial, weniger ökonomisch, aber kulturell – ich würde sogar mit Roger Griffin sagen: anthropologisch. Es soll ein neuer Mensch geschaffen werden. Und das fehlt bei den amerikanischen Neokonservativen, die wollen keinen neuen Menschen schaffen. Bei den “Konservativen Revolutionären” scheint das ganz deutlich durch, bei den Nazis und bei Dugin – die wollen einen neuen Menschen schaffen. Dieser soll entamerikanisiert, zurück zu seinen Traditionen geführt werden. Und insofern würde ich schon von Revolution sprechen, in einem ganz technischen Sinne. Das ist natürlich überhaupt keine linke Ideologie.
Wie weit reichen diese Ideen Dugins in die russische Politik hinein?
Andreas Umland: Wenn man diese Ideen so liest und hört, dann müsste man meinen, das sei verrückt, marginal und schwachsinnig. Das ist aber leider nicht mehr so. Dugin hat im neuen Jahrhundert eine Art Vorstoß vorgenommen ins russische Establishment. Er hat vielfache Verbindungen zu hohen politischen Funktionären, sowohl im Staatsapparat als auch in Parteien.
Er wurde im letzten Jahr – 2008 – zum Professor der Moskauer Staatlichen Universität, der führenden Hochschule Russlands, ernannt. Einer der Mitglieder seines Führungsorgans, der so genannten Internationalen Eurasischen Bewegung, ist ein gewisser Michael Leontjew, ein Fernseh- und Zeitungsjournalist, der oft im ersten Kanal des russischen Fernsehens auftritt. Einer der führenden Funktionäre der Präsidialadministration, Iwan Dimidow, der in den neunziger Jahren als Journalist und Fernsehproduzent bekannt geworden ist, hat sich offen zu Dugin bekannt.
Verhält es sich so, dass es im Kreml eine Fraktion gibt, die Dugins Ideologie zur Richtschnur russischer Außenpolitik erheben möchte?
Andreas Umland: Ja, scheinbar gibt es eine Gruppe im Kreml, die eben diesen antiamerikanischen Kurs fährt und die sich auch als solche profiliert hat. Womöglich kann man mit dieser Gruppierung Wladislaw Surkow in Verbindung bringen, den Schöpfer der Formel der Souveränen Demokratie. Dieser Begriff impliziert, dass Russland, das angeblich demokratisch ist, von ausländischen Kräften bedroht wird, die versuchen, über Nichtregierungsorganisationen und ähnliche Kanäle Einfluss zu gewinnen. Da scheint es eine Verbindung zu geben, aber letztlich ist das schwer zu sagen, inwieweit der “Neo-Eurasismus” da hineinreicht.
Scheint es dann aber nicht so, dass es gerade die westlich finanzierten bunten Revolutionen waren, etwa die Orangen in der Ukraine, die dieser autoritären Bestrebungen in Russland befördert haben?
Andreas Umland: Sie nehmen mir die Worte aus dem Mund. Ich möchte auch zum fünften Jahrestag der Orangen Revolution einen diesbezüglichen Artikel schreiben, wo ich sage, dass die Orange Revolution – wie auch die Rosenrevolution in Georgien – einen Scheidepunkt nicht nur für die Ukraine und Georgien darstellten, sondern auch für Russland. Nach 2004 wird die offizielle Rhetorik in Russland antiamerikanischer, antiwestlicher. Da wird auch die Manipulation demokratischer Prozesse viel offensichtlicher.
Vorher hat man ein bisschen die politischen Prozesse manipuliert, aber immer noch versucht, ein Bild korrekter demokratischer Prozeduren einzuhalten. Das geht nach 2004 zurück, da merkt man auch, wie sich die Rhetorik Putins radikalisiert. In Deutschland ist das hauptsächlich bekannt geworden durch die Rede Putins auf der Münchener Sicherheitstagung. Seit der Orange Revolution ist die politische Rhetorik in Russland deutlich aggressiver geworden.
Dugin soll auch maßgeblich am ausarbeiten des Parteiprogramms der kommunistischen Partei der Russischen Föderation (KPRF) beteiligt gewesen sein. Stimmt dieses Gerücht?
Andreas Umland: Nein, das ist übertrieben. Es ist so, dass die Kommunistische Partei in ihrer inoffiziellen, aber ausschlaggebenden Ideologie nationalistisch ist. Sie hat eine völlige Wende vollzogen und kann, glaube ich, heute nicht mehr als linke Partei bezeichnet werden. Sie hat die kommunistische Idee als nationale Idee umdefiniert. Und Dugin hat tatsächlich in den neunziger Jahren hier eine Rolle gespielt als Übersetzer und Propagandist westlicher geopolitischer und konservativ-revolutionärer Ideen, die von Leuten wie Gennadij Sjuganow, dem Vorsitzenden der KPRF, rezipiert wurden und eingegangen sind in die Reden, Artikel und Bücher, die Sjuganow publiziert hat.
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