Sind wir nicht alle ein bisschen queer?

Laktoseintoleranz war gestern. Wer heute etwas auf sich hält, weiß mit einer sexuellen Identität zu glänzen, die nur wenige haben. Die Moden wechseln, was bleibt ist die verzweifelte Suche nach Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft

Wer eine ideologische Brille trägt, nimmt die Realität oft stark verzerrt wahr. Einen eindrucksvollen Beleg dafür lieferte kürzlich das Online-Magazin "Bento": "Nicht festlegen, vieles ausprobieren und dabei bloß kein Label, bitte! So lieben wir heute. Darauf deutet das Ergebnis unserer Umfrage hin, für die wir 1000 Menschen zwischen 18 und 30 Jahren befragt haben."

So locker-flockig beginnt der Artikel des Jugendablegers von Spiegel Online über eine Umfrage, die exakt das Gegenteil zu Tage förderte: Gerade einmal 4 % der Befragten gaben an, ihrer sexuellen Orientierung "kein Label geben" zu wollen. 84 % bezeichneten sich als heterosexuell und jeweils 5 % als homosexuell oder bisexuell. Wer sich gelegentlich auf Bento verirrt, könnte hingegen leicht den Eindruck gewinnen, Heteros stünden kurz vorm Aussterben und so gut wie jede*r hätte eine ganz individuelle Sexualorientierung, die es nur zu entdecken gelte. An "Labeln" wird dabei für gewöhnlich nicht gespart.

Bento wie auch der Jugendableger von Zeit Online, ze.tt, verwöhnen ihre Leser*innen mit einem wahren Feuerwerk an Sexgeschichten. Tabulos, voll krass, hip, feministisch und irgendwie queer sollen sie rüberkommen. Sex sells. Unterdessen lebt die "Generation Tinder" immer enthaltsamer. Zugegeben, von Verhältnissen wie in Japan, wo Menschen, die noch Sex haben, schon fast Exotenstatus genießen, sind wir in Deutschland noch weit entfernt. Dennoch kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, dass unsere Gesellschaft oversexed und underfucked ist.

Neulich bei Bento auf der Startseite: "Queere Momente: 'Same Love' in Dauerschleife" aus der Reihe "LGBTQ erzählen von sexueller Identität" und "Vögelkunde #5: Haben Frauen wirklich seltener Lust auf Sex als Männer?" Coming-Out-Geschichten, wie sie so oder so ähnlich schon tausendmal publiziert worden sind, hier, politisch korrektes Geschwurbel da.

Zwar wollten Frauen durchschnittlich weniger Sex als Männer, sagt die Sexualtherapeutin Sandra Gathmann, doch empfinde jeder Lust ganz individuell und sexuelle Lust müsse nicht gleichbedeutend mit einem "bloßen Bedürfnis nach Sex" sein. Klingt ein wenig absurd, aber es soll ja auch Menschen geben, die eigentlich Lust haben, sich ein Haustier anzuschaffen und sich stattdessen ein Tamagotchi zulegen.

Aus "wissenschaftlicher Perspektive" seien solche Vergleiche ohnehin "schwierig, wenn nicht gar unzulässig", doziert Gathmann weiter, denn "die Frage, ob Frauen seltener Lust auf Sex haben, suggeriere […], dass die Lust auf Sex - je nach dem [sic!], wie man sie definiert - etwas Positives sei, und sexuelle Unlust etwas Negatives." Nicht nur der Fettdruck für lesefaule Leser*innen und der obligatorische Rechtschreibfehler sind typisch für Bento, sondern auch die Haltung, die hier zum Ausdruck kommt: Wir sind ja heute alle so dermaßen individuell, aufgeklärt und progressiv, dass Sex gar kein Thema mehr ist. Anything goes, also schreiben wir doch noch mal drüber. Nur positiv muss es sein, jedenfalls wenn es Frauen betrifft.

Da nun aber in den Medien - nicht nur auf der "absoluten Trottelplattform" (Ronja von Rönne) Bento - allenthalben der Eindruck vermittelt wird, Sex sei noch nie so einfach zu haben gewesen wie heute, wirkt jemand, der keinen hat, ungefähr so uncool wie jemand, der trotz der ach so famosen Arbeitsmarktlage keinen Job findet.

Für Menschen wie die 18-jährige Abiturientin Lindsay, die es vorerst noch vorzieht, sich selbst zu befriedigen - "Ich habe zwar einen Sexualtrieb, möchte den aber [sic!] keinen Fall mit jemand anderen [sic!] ausleben" - ist es daher ratsam, sich das Etikett "asexuell" anzuheften. Noch besser passt dieses Label für Menschen, die gar keine Libido haben, wie die 32-jährige Verkäuferin Doreen Reinke: "Mit Anfang 20 habe ich einen Fernsehbeitrag über Asexualität gesehen. Seitdem habe ich einen Namen dafür, wie ich bin. Das war ein gutes Gefühl."

Eine solche Selbstetikettierung bringt einen weiteren Vorteil mit sich: Wer sich selbst als asexuell bezeichnet und angibt, kein Problem damit zu haben, wird nach dem Diagnosehandbuch der American Psychiatric Association (APA), DSM-V, seit 2013 nicht mehr als behandlungsbedürftig eingestuft. Stattdessen dürfen sich die Betroffenen nunmehr als Teil einer anerkannten Gemeinschaft fühlen. Ein gewisser Michael vom Asexual Visibility & Education Network (AVEN) sagte dazu der Huffington Post: "Viele Menschen fühlen sich verloren, bevor sie eine Etikette und eine Gemeinschaft finden, die zu ihnen passt."

Angesichts der fortschreitenden Atomisierung der Gesellschaft - meist euphemistisch als Individualisierung bezeichnet - dürfte diese Aussage längst nicht nur auf Asexuelle zutreffen. Wobei zu fragen wäre, welchen Anteil innere Bedürfnisse an dem grassierenden Hang zur Selbstetikettierung haben und welchen äußere Zwänge.

Folgt man dem Philosophen Byung-Chul Han, dann ist der "Imperativ der Authentizität" einer der "vielen gesellschaftlichen Imperative, die zur krankmachenden narzisstischen Stauung der Ichlibido führen." Authentizität sei "letzten Endes eine neoliberale Produktionsstrategie", meint Han. "Das Ich wird dem Zwang unterworfen, als Unternehmer seiner selbst permanent sich zu produzieren."

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