Sinkendes Interesse am Bargeld

Obgleich Bargeld als "Teil der persönlichen Freiheit" verteidigt wird, zahlen die Menschen wie in Großbritannien immer mehr mit Karten oder zunehmend auch kontaktlos

Die Entscheidung der EZB, die 500-Euro-Scheine abzuschaffen, hat bereits im Kontext von Überlegungen und Gerüchten, dass Bargeld bald ganz abgeschafft werden könnte, für Unruhe gesorgt. Schnell wurde wie von der AfD und der abgespaltenen ALFA die Beibehaltung des Bargelds in das Wahlprogramm aufgenommen, weil man glaubt, hiermit neben der Ablehnung des Islam und von Flüchtlingen, der EU und des Euro oder für völkischen Nationalismus punkten zu können. Die AfD hat die Kampagne "Bargeld lacht" im Februar gestartet. Begründung: "Bargeld ist geprägte Freiheit. Bargeld ist gelebter Datenschutz. Bargeld funktioniert immer. Bargeld ermöglicht viele Dinge, die nicht durch Technik zu ersetzen sind. Wir sagen ja zur uneingeschränkten Bargeldnutzung."

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Auch in der Union wird schon gegen eine von Finanzminister Schäuble vorgeschlagene Obergrenze für die Bargeldzahlung von 5000 Euro ebenso opponiert wie gegen die Abschaffung der Münzen und Scheine. Das Bargeld, so Fraktionschef Volker Kauder, sei "Teil der persönlichen Freiheit".

Die Liebhaber des materiellen Bargelds in Form von Münzen und Scheinen klammern sich an den Fetisch vornehmlich aus zwei Gründen (Bargeldverbot würde zu mehr Kontrolle und Enteignung führen. Einmal könnten Banken und Staat mit der Umstellung auf digitales Geld besser negative Zinsen durchsetzen, um beispielsweise eine "finanzielle Repression" zur Entschuldung durch Enteignung der Sparer auszuführen (Bargeld-Abschaffung). Mit der Abschaffung des Bargelds würde zudem die Privatsphäre der Menschen noch einmal drastisch beschnitten, weil alle Zahlungen bis hin zu Kleinstbeträgen verfolgt werden können, wodurch die Menschen vor Unternehmen und Behörden aufgrund des Wegfalls anonymer Zahlmöglichkeiten noch nackter werden, als sie es schon bislang sind. Eine Alternative wären neue digitale Krypto-Währungen wie BitCoin, die auf ein dezentrales Transaktionssystem und eine dezentrale Geldschöpfung aufbauen.

Aber es gibt nicht nur Widerstand gegen die Abschaffung des Bargelds, sondern auch einen langfristigen Trend bei den Menschen, mehr und mehr selbst auf Bargeld zu verzichten und mit Karten zu zahlen. In Großbritannien wurden 2015 bereits erstmals weniger als die Hälfte aller Zahlungen mit Bargeld geleistet. Damit wurde eine symbolische Schwelle überschritten. Die Deutschen einen ein wenig konservativer zu sein. Zumindest wurden noch 2014 nach einer Erhebung der Deutschen Bundesbank 53 Prozent der Umsätze mit Bargeld geleistet. Der Abwärtstrend habe sich verlangsamt und liegt durchschnittlich seit 2008 bei 0,8 Prozent. Danach wären es auch 2015 noch mehr als 50 Prozent der Umsätze, durch Bargeld erfolgen. Bei den Transaktionen ist der Barzahlungsanteil von 83 Prozent in 2008 auf 79 % im Jahr 2014 gesunken.

In Großbritannien wurden 2015 nach dem Verband Payments UK noch 45,1 Prozent aller Zahlungen mit Bargeld geleistet, 2005 waren es noch 64 Prozent. Bis 2021 sollen es dann nur noch 27 Prozent sein, während über 50 Prozent der Zahlungen mit Karten erfolgen sollen. Dann sollen die prognostizierten 14,5 Milliarden Zahlungen mit Kreditkarten die bis dahin weiterhin häufigste Bezahlmethode mit Bargeld überholt haben, mit dem nur 13 Milliarden Zahlungen erfolgen sollen.

Erwartet wird von dem Verband, dass bis dann Bargeld weitgehend durch "kontaktloses" Bezahlen mit Karten mittels Near Field Communication (NFC) oder RFID ersetzt wird. Kontaktlose Zahlungen haben 2015 um das Dreifache auf eine Milliarde Transaktionen zugenommen. Eine von sechs Kartenzahlungen erfolgt bereits kontaktlos. Zudem nimmt auch das Online-Banking zu. Mehr als Zweidrittel der erwachsenen Briten nutzen Online-Banking regelmäßig, ein Drittel Mobile-Banking. Eine Zwischenform zwischen Bargeld und elektronischer Zahlung stellen Schecks dar. Deren Verwendung sei auch 2015 weiter um 14 Prozent zurückgegangen, gleichwohl erfolgten noch mehr als 546 Millionen Zahlungen mit Schecks, obgleich viele Geschäfte diese nicht mehr akzeptieren. Es sei weiterhin eine "bequeme und sichere Methode", sagt der Verband, der Schecks vor einigen Jahren schon mal ganz abschaffen wollte.

Die Menschen, so Adrian Buckle von Payments UK, würden vermehrt darüber nachedenken, wie sie Zahlungen leisten wollen und sich gerne für bequeme, kostengünstige und innovative Optionen entscheiden. Nach Barclaycard würden überaschenderweise vor allem die älteren Menschen über 60 Jahre vermehrt kontaktlose Zahlungen bevorzugen. Nach dem Verband UK Cards Association entstand durch Betrug bei kontaktlosen Zahlungen ein Schaden von etwas mehr als 500.000 Pfund, das entspräche 2 Cent pro 100 Pfund, die kontaktlos erfolgt. Der Verband ist natürlich an niedrigen Zahlen interessiert, man wird aber damit rechnen können, dass Betrug mit der Verbreitung kontaktloser Zahlungen auch zunehmen wird.

Geht der Trend wie bisher weiter, so ist jedenfalls abzusehen, dass immer weniger Menschen Bargeld zu Zahlungen nutzen und die Zahl derjenigen, die möglichst bargeldloses Zahlen vermeiden, zu einer kleinen Minderheit schrumpfen wird. Allerdings hat selbst die schwedische Zentralbank nun gefordert, dass die Banken des Landes, das wohl neben Finnland und Dänemark am weitesten Richtung Bargeldlosigkeit fortgeschritten ist, gesetzlich gezwungen werden sollen, Bargelddienste anzubieten. Schon bei der Hälfte der Bankfilialen kann man Bargeld nicht mehr einzahlen oder abheben. 2015 wurde in Geschäften nur noch 20 Prozent der Zahlungen mit Bargeld geleistet. (Florian Rötzer)

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